Berliner Nahverkehr

In der Berliner S-Bahn ist "der Wurm drin"

Fahrgäste der Berliner S-Bahn klagen über Verspätungen und Ausfälle schon vor dem ersten Schnee. Nicht immer ist die S-Bahn schuld.

S-Bahn-Chef Peter Buchner in der Kranhalle der Werkstatt Friedrichsfelde

S-Bahn-Chef Peter Buchner in der Kranhalle der Werkstatt Friedrichsfelde

Foto: Britta Pedersen / dpa

Zugausfälle, Verspätungen, dazu auch noch Ersatzverkehr aufgrund vieler Baustellen – die Berliner S-Bahn hat es ihren Fahrgästen in den vergangenen Monaten wahrlich nicht immer leicht gemacht. Vor allem auf den wichtigen Ringbahnlinien S41 und S42 sowie den Nord-Süd-Verbindungen lief es nicht rund. Und nun steht auch noch der Winter vor der Tür.

„Unsere Betriebsqualität war in den vergangenen Tagen nicht so, wie sich das unsere Kunden vorstellen“, räumte S-Bahn-Chef Peter Buchner am Montag gegenüber der Berliner Morgenpost unumwunden ein. Gerade bei der Ringbahn sei zuletzt „absolut der Wurm drin“ gewesen. Gleich eine Kette von Problemen habe für Ausfälle und Verspätungen gesorgt. Nicht alle davon seien könne die -Bahn selbst beeinflussen. „Vor allem die zunehmende Zahl von Eingriffen Dritter macht uns schwer zu schaffen: Das reicht von spielenden Kindern im Gleis bis hin zu Suiziden“, so Buchner. Solche Vorfälle sorgten oft für lange Betriebsunterbrechungen, die im Laufe des Tages nur schwer zu kompensieren seien.

Sanierung der Baureihe 480 kommt voran

Doch auch bei der S-Bahn selbst läuft derzeit längst nicht alles störungsfrei. Das größte Problem ist weiter der Fahrzeugmangel, zuletzt verschärft durch den fast kompletten Ausfall der Züge der älteren Baureihe 480. An einigen Drehgestellrahmen waren Risse entdeckt worden, die eine Gefahr für die Sicherheit der Fahrzeuge darstellten. Seit dem Frühsommer läuft ein teures und zeitaufwendiges Sanierungsprogramm. Immerhin: 30 der 70 Zwei-Wagen-Einheiten dieser Baureihe sind inzwischen repariert. Bis Jahresende sollen es 35 sein. „Dann haben wir bei den 480ern wieder mehr Züge, die fahren als stehen“, hofft S-Bahn-Instandhaltungschef Tobias Fischer. Mitte nächsten Jahres sollen dann wieder alle Wagen dieser Baureihe einsatzbereit sein.

Noch immer fehlen dem Unternehmen Fahrzeuge

Die Oldtimerzüge werden dringend benötigt. Aktuell reicht der Bestand der S-Bahn Berlin gerade so aus, um die Fahrplananforderungen zu erfüllen. 531 Zwei-Wagen-Einheiten, intern Viertelzüge genannt, müssen zu Beginn des morgendlichen Berufsverkehrs jeweils bereitstehen. In den vergangenen Wochen hatte die S-Bahn an manchen Tagen jedoch Mühe, wenigstens 500 Viertelzüge auf die Schiene zu stellen. Ein Lichtblick: An diesem Montag waren es schon mal 527. „Kurz vor Betriebsbeginn ist ein Vollzug auf der S75 ausgefallen, sonst hätten wir heute die Vorgabe erfüllt“, ärgerte sich Buchner.

Sorgen bereitet ihm aktuell aber auch ein hoher Krankenstand unter seinen rund 1000 Triebfahrzeugführern. „Schwierig wird es immer dann, wenn die Krankmeldung zehn Minuten vor Dienstbeginn eintrifft. So schnell bekommen wir dann meist keinen Ersatz mehr hin“, so Buchner.

S-Bahn sieht sich für den Winter gut gerüstet

Trotz all dieser Probleme sieht der S-Bahn-Chef sein Unternehmen für den Winter gerüstet. „Wir haben uns auf die kalte Jahreszeit so gut es geht vorbereitet“, sagte er bei einem Werkstatttermin in Friedrichsfelde. Störungen könne er dennoch nicht ganz ausschließen. Ursache dafür seien konstruktive Mängel der Fahrzeuge. „Die können wir mildern, aber leider nicht heilen“, so Buchner. Zu den bekannten Schwachstellen gehören die Antriebscontainer, die bei Zügen der zahlenmäßig stärksten S-Bahn-Baureihe 481 (500 Viertelzüge) frei unterhalb des Wagenkastens montiert sind. In die Behälter war in den vergangenen Winter immer wieder Flugschnee eingedrungen. Das Tauwasser legte dann die empfindlichen Elektromotoren und deren elektronische Steuerung lahm. Nach Experimenten mit verschiedenen Filtermatten ist die S-Bahn jetzt zu einer dauerhaften Abdichtung übergegangen. Doch auch diese kann keinen hundertprozentigen Schutz gegen Flugschnee bieten. „Machen wir den Container ganz zu, werden die luftgekühlten Motoren schnell zu heiß und fallen dann auch aus“, sagte Buchner.

Eine weitere Neuerung gegenüber den Vorjahren: Die Kupplungen der Züge der Baureihen 480 und 481 haben gleichfalls eine dauerhafte Schutzabdeckung bekommen. Auch die Verbindungsstellen zwischen zwei Wagen hatten sich als nicht immer als wintertauglich erwiesen.

Friedrichsfelde bekommt moderne Waschstraße

Verzichtet will die S-Bahn in diesem Jahr jedoch auf Zelte, in denen vereiste Züge zum Auftauen abgestellt wurden. Diese Lösung habe am Ende mehr Probleme als Nutzen gebracht, so Buchner. Besser bewährt hätten sich zum Auftauen geschlossene und beheizbare Waschanlagen. Nach Wannsee und Grünau erhält nun mit Friedrichsfelde auch die dritte wichtige S-Bahn-Betriebswerkstatt für die laufenden Instandhaltung eine solch moderne Anlage. Gebaut wird sie von der polnischen Firma AGAT S.A., die sich in einer Ausschreibung mit ihrem Angebot gegen Konkurrenz aus Deutschland durchgesetzt hat. Besonders stolz ist der Hersteller auf große Umweltfreundlichkeit der Anlage. 80 Prozent des Waschwassers werden wieder aufbereitet und können so mehrfach verwendet werden. Um die Nachbarschaft möglichst wenig mit Lärm zu belasten, wird die gesamte Anlage eingehaust.

Ein Waschgang dauert 55 Minuten

August 2016 soll die 5,5 Millionen Euro teure Waschstraße dann fertig sein. Insgesamt 5000 Viertelzüge sollen dann pro Jahr dort eine Außenreinigung erhalten. Ein Waschgang dauert pro Vollzug (acht Wagen) 55 Minuten. Gewaschen wird in den Abend- und Nachtstunden sowie an den Wochenenden, da die Züge tagsüber im laufenden Betrieb benötigt werden. Alle zwei Wochen erhält jeder Zug eine komplette Außen- und Innenreinigung.

Die neue Anlage soll aber nicht nur die Sauberkeit der S-Bahn verbessern, sondern auch deren Einsatzkraft. Müssen die Züge doch bisher zum Waschen nach Grünau oder Wannsee fahren. „Das kostet viel Zeit, in denen die Züge nicht für den Fahrgasteinsatz zur Verfügung stehen“, so Buchner. Eine Vor-Ort-Reinigung könne die Zuverlässigkeit der S-Bahn spürbar verbessern, ist der S-Bahn-Chef überzeugt.