Jugendberufsagentur

Der neue Weg zur Ausbildung – Beratung unter einem Dach

In vier Bezirken sind Standorte der Berufsagentur für junge Menschen eröffnet worden. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Arbeitssenatorin Dilek Kolat, Bildungssenatorin Sandra Scheeres, Mario Lehwald von der Agentur für Arbeit und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bei Mitarbeiterin Jessica Vieweg (v.l.) in der Jugendberufsagentur Tempelhof-Schöneberg

Arbeitssenatorin Dilek Kolat, Bildungssenatorin Sandra Scheeres, Mario Lehwald von der Agentur für Arbeit und Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles bei Mitarbeiterin Jessica Vieweg (v.l.) in der Jugendberufsagentur Tempelhof-Schöneberg

Foto: Rainer Jensen / dpa

In vier Bezirken sind am Donnerstag regionale Standorte der Jugendberufsagentur Berlin eröffnet worden. Damit ging nach rund zweijähriger Vorbereitung ein Projekt an den Start, mit dem Politik und Wirtschaft große Erwartungen aber auch einen hohen Anspruch verknüpfen: Künftig soll beim Übergang von der Schule in einen Beruf oder ein Studium kein Jugendlicher mehr verloren gehen. Welchen Wert der Jugendberufsagentur beigemessen wird, zeigte sich auch an der hohen Dichte der Prominenz, die zur zentralen Eröffnungsfeier nach Tempelhof kam: Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles, der Regierende Bürgermeister Michael Müller, Arbeitssenatorin Dilek Kolat, Bildungssenatorin Sandra Scheeres (alle SPD) sowie Jutta Cordt, Chefin der Bundesagentur für Arbeit in Berlin-Brandenburg und drei Bezirksbürgermeister. Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem neuen Konzept.

Welches Ziel wird mit der Jugendberufsagentur (JBA) verfolgt?

Alle Berliner Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 25 Jahren ohne Berufsabschluss werden von der JBA angesprochen und beraten. In der Regel wird der Kontakt im Rahmen der Berufs- und Studienorientierung in der Schule hergestellt. Das Hauptziel ist, dass alle Berliner Jugendlichen einen Berufsabschluss erreichen. Dazu werden sie umfassend und individuell beraten, ihre Perspektiven geklärt. Dann wird ihnen ein realistisches Qualifizierungsangebot unterbreitet. Bei Bedarf werden sie bis zum Ausbildungsabschluss begleitet. Mit diesem Konzept soll insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit verringert werden. Zudem sollen das hohe Durchschnittsalter bei Ausbildungsbeginn – 21 Jahre – und die Abbrecherquote gesenkt werden. Industrie- und Handelskammer, Unternehmensverbände und Gewerkschaften unterstützen das Projekt.

Was ist das Besondere an der Agentur?

Erstmals bündeln die Beteiligten ihre Aktivitäten und arbeiten unter einem Dach zusammen. Die Agentur für Arbeit bietet Berufs- und Studienorientierung, Berufsberatung, Ausbildungsvermittlung und Förderung. Auch die Jobcenter beraten und vermitteln Ausbildungsplätze. Die Jugendhilfe ist beteiligt, ebenso die beruflichen Schulen, die vor allem zu schulischen Ausbildungs- und Weiterqualifizierungsmöglichkeiten beraten. Über freie Träger werden zudem Hilfen bei Verschuldung, psychosozialen Problemen oder Suchterkrankungen ermöglicht.

Was ist der Unterschied zur bisherigen Situation?

Bislang existierten viele Beratungs- und Förderangebote nebeneinander ohne sinnvolle Verbindung. So absolvierten Jugendliche eine oder sogar mehrere Qualifizierungsmaßnahmen, ohne dass zuvor eine Perspektive für sie entwickelt wurde. Sie „drehten Schleifen“, wie es Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) nennt. Ein anderes Problem beim Übergang von der Schule in den Beruf besteht darin, dass gerade in Berlin Tausende Jugendliche nach der Schule lieber jobben gehen, als eine Ausbildung zu beginnen. Das wird auch die Jugendberufsagentur nicht grundsätzlich verhindern können. Ziel ist aber, dass die Mitarbeiter die Jugendlichen mit gründlicher Beratung vom Wert einer abgeschlossenen Berufsausbildung überzeugen.

Welche Rolle spielen die Schulen?

Die Schulen sind eingebunden. Parallel zur Etablierung der Jugendberufsagentur wurden dort neue Standards der Berufs- und Studienorientierung entwickelt. An allen Integrierten Sekundarschulen stellen sogenannte Berufs- und Studienorientierungsteams mit einem Koordinator der Schule, einem Lehrer einer kooperierenden beruflichen Schule und einem Berufsberater der Agentur für Arbeit sicher, dass jeder Schüler mehrere Monate, bevor er die Schule verlässt, ein qualifiziertes Beratungsgespräch erhält. An den Gymnasien gibt es eine Berufs- und Studienorientierung durch Lehrer und Berater der Agentur für Arbeit.

Wie hoch ist die Jugendarbeitslosigkeit in Berlin?

Aktuell sind mehr als 14.000 junge Menschen unter 25 Jahren arbeitslos gemeldet. Insgesamt sind 190.000 Berliner als Arbeitslose registriert. Mehr als 70 Prozent der arbeitslosen Jugendlichen haben keinen Berufsabschluss. „Eine Ausbildung ist die sicherste Eintrittskarte in ein selbstbestimmtes Leben“, sagte Arbeitsagenturchefin Jutta Cordt am Donnerstag. Wer eine Ausbildung hat, weise in der Regel weniger Brüche in seinem beruflichen Werdegang auf und könne mehr verdienen als Arbeitnehmer ohne abgeschlossene Ausbildung.

Gibt es Anforderungen an die Wirtschaft?

Der Regierende Bürgermeister verwies auf die Wichtigkeit der Arbeit, um einen Platz in der Gesellschaft zu finden. „Es ist mehr, als nur Geld verdienen“, sagte Michael Müller. Er forderte die Wirtschaft auf, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Andererseits erwarte er von den jungen Menschen, so Müller, dass sie die Chance nutzen, die ihnen mit dem Angebot der Jugendberufsagentur geboten werde. „Alle werden gebraucht“, rief er aus. Berlin werde wegen der guten wirtschaftlichen Entwicklung mehr und mehr als Stadt der Arbeit wahrgenommen.

Wo sind bereits Jugendberufsagenturen eröffnet worden?

In Tempelhof-Schöneberg, Spandau, Friedrichshain-Kreuzberg und Marzahn-Hellersdorf. Die übrigen Bezirke sollen im kommenden Jahr folgen. Geöffnet ist Montag bis Mittwoch jeweils von 8 bis 16 Uhr, Donnerstag bis 18 Uhr, Freitag bis 12.30 Uhr. Im Durchschnitt arbeiten dort 35 Mitarbeiter des Jobcenters, etwa zehn Berater der Agentur für Arbeit, mindestens zwei Mitarbeiter des Jugendamtes, ein Berater der beruflichen Schulen und weitere Mitarbeiter freier Träger, etwa für Drogen- und Schuldnerberatung.

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