Flüchtlinge Berlin

Neue Aufnahmestelle: Unter Polizeischutz in die Bundesallee

Die neue Aufnahmestelle für Flüchtlinge im ehemaligen LBB-Gebäude hat eröffnet. Die ersten Asylbewerber sind dort angekommen.

Die ersten Flüchtlinge vom Lageso kommen in Wilmersdorf an, um sich registrieren zu lassen

Die ersten Flüchtlinge vom Lageso kommen in Wilmersdorf an, um sich registrieren zu lassen

Foto: dpa

Morgens um acht Uhr ist die Wartehalle der neuen Registrierungsstelle an der Bundesallee 171 in Wilmersdorf hell erleuchtet. Flüchtlinge sind noch nicht zu sehen. Sachbearbeiter des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) ziehen mit Rollköfferchen in das neue Gebäude ein, um hier ihre neuen Arbeitsplätze in Besitz zu nehmen. „Die Computer sind alle angeschlossen und online“, sagt Projektleiter Henrik Becker nicht ohne Stolz, denn am Vortag sah vieles noch nicht danach aus.

Nachbarin Saskia Riedel ist mit ihrem vierjährigen Sohn gekommen, um ein paar Matchbox-Autos und eine Parkgarage abzugeben, damit die Kinder im Wartebereich eine Beschäftigung haben. Sie finde es gut, dass das Haus, in dem sonst nur noch Filmarbeiten stattfanden, jetzt sinnvoll genutzt werden soll, sagt sie. Nur wenn hier die Menschen Tag und Nacht Schlange stehen müssten, würde sie das weniger gut finden, so die Anwohnerin. Doch genau das soll hier vermieden werden.

Warten müssen die Menschen weiter an der Turmstraße

Der Schlüssel für das neue System liegt nach wie vor an der Turmstraße in Moabit. Auf dem Nachbargrundstück der bisherigen Erstaufnahmestelle des Lageso stehen jetzt zwei beheizbare Zelte. „New Asylium“ steht in vielen Sprachen am linken Zelt. Hier sollen Neuankömmlinge warten, ehe sie über einen kleinen Ausgang ins Nachbarzelt gelangen dürfen. Diese Schleuse ist die Schwachstelle des neuen Systems. Security-Männer stemmen sich auch hier dem Andrang entgegen. „Back, zurück“, schreien die Männer immer wieder, wenn der Druck zu groß wird oder sie alte Frauen oder kleine Kinder an der Menschentraube vorbeilotsen müssen. Denn der eigentliche Aufnahmeprozess beginnt im Nachbarzelt.

Dort stellen sich die Flüchtlinge nach Sprachen sortiert vor Tischen an und bekommen ein Armbändchen mit einer Nummer darauf. Zwei Busse voll wurden am Morgen zur Bundesallee gebracht, um sie dort offiziell zu registrieren. Die später Hinzugekommenen fahren in Notunterkünfte. Am Donnerstag wird eine neu belegte Turnhalle am Hüttenweg in Dahlem gefüllt. „Wir werden noch mehr Sporthallen brauchen“, sagt Sozialsenator Mario Czaja (CDU) bei einem Besuch am Mittag. Auch die BVG muss noch mehr Busse aus dem regulären Fahrplan herausziehen. Der Abtransport der Menschen stockt am ersten Tag.

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Ali aus Aleppo hat Glück. Der junge Syrer kommt am Morgen gemeinsam mit Onkel, Tante und kleinen Nichten aus Hamburg, wo er schon länger auf eine Registrierung gewartet hatte. Nun darf die Familie immerhin im Warmen und Trockenen ausharren, bekommt auch Bändchen, erste Papiere und später eine Pritsche zum Schlafen.

Die bis zu 5000 Menschen aus sogenannten Altfällen, die schon einmal am alten Lageso vorstellig wurden und dort eine Wartemarke gezogen hatten, müssen weiterhin vor der Behörden im Schlamm anstehen. Am Donnerstag stehen dort immer noch ein paar Hundert Personen im Nieselregen, weil auch Flüchtlinge, die nur Geld oder Krankenscheine holen wollten, dort warten müssen. Mithilfe von Beratern von McKinsey ist das Lageso dabei, auch für diese Gruppe ein System mit Termin-Armbändchen zu installieren. Die Schlangen würden aber nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden, sagt Senator Czaja.

An der Bundesallee verläuft der Tag jedenfalls einigermaßen organisiert. Die Information der Asylsuchenden hat offenbar besser geklappt als von vielen befürchtet. Nur sehr vereinzelt verirren sich Flüchtlinge auf eigene Faust in die Bundesallee, die noch keine solche Vorregistrierung haben. Basel Dovah aus Damaskus etwa. Er ist mit seiner Schwester und ihren zwei Söhnen hierhergekommen, um seine Familie registrieren zu lassen. „Ich habe von Bekannten gehört, dass man ab heute hierherfahren muss“, sagt er. Eine Fehlinformation. Die Sicherheitskräfte an den Absperrgittern schicken den Mann zur Turmstraße. Um 9.50 Uhr kommt dann der erste Bus mit Flüchtlingen aus der Turmstraße. Aus dem Bus steigen etwa 50 Menschen, darunter viele kleine Kinder und auch alte, sichtbar geschwächte Menschen, die zuvor in Moabit an der Schlange vorbeigewinkt worden waren.

Ein Syrer wurde in einem Tag als Flüchtling anerkannt

Die Ankommenden müssen sich zunächst an einem Tresen mit Namen und Foto erfassen lassen, bevor sie sich auf einen der Flughafenstühle setzen können – diese wurden in der vergangenen Woche aus dem BER angeliefert. Knapp eine Stunde dauert der Vorgang für die 50 Menschen. Dann erfolgt der Anruf am Lageso an der Turmstraße, dass der nächste Bus losfahren kann.

Nur 114 Fälle werden an diesem ersten Tag in einem Testlauf in der Bundesallee registriert. In den kommenden Tagen soll sich die Zahl steigern. Ziel ist es, hier bis Anfang kommenden Jahres täglich 1000 Flüchtlinge zu registrieren. Ein 18 Jahre alter Syrer ist am Donnerstag der erste Nutznießer des Systems, bei dem Lageso, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und Arbeitsagentur zusammenwirken. Er wird am gleichen Tag als Asylbewerber anerkannt und gleich von Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit beraten.

Amei von Hülsen-Poensgen von der Initiative Willkommen in Westend ist dennoch nicht zufrieden. „Das Personal müsste massiv aufgestockt werden. 100 bearbeitete Fälle sind viel zu wenig“, sagt die ehrenamtliche Helferin. Da sei absehbar, dass allein heute Termine bis Weihnachten vergeben werden.

Vor der Turmstraße habe sich die Lage tatsächlich etwas entspannt, aber die Warterei verlagere sich in die Notunterkünfte, wo sie ohne Taschengeld und Fahrkarte festsitzen würden. Denn das Starterpaket wird erst vergeben, wenn die Asylsuchenden richtig registriert sind. Martin Delius, Fraktionschef der Piraten und Anwohner in Wilmersdorf, unterstützt die Helfer. „Wichtig ist, dass die Helfer hier richtig koordiniert werden“, sagt Delius. Bis jetzt gebe es widersprüchliche Informationen was an welcher Stelle benötigt würde.

Der Ansturm wird weitergehen. Weitere Sonderzüge sind angekündigt. Insgesamt hat Berlin seit dem 5. September 19.962 Flüchtlinge aufgenommen.