Charlottenburg

In diesem Berliner Haus leben die Mieter in Ungewissheit

Das Haus ist laut, der Hof verwahrlost und nun könnte es kalt werden: Mieter in Charlottenburg bekommen nicht, wofür sie bezahlt haben.

Laute Handwerker, ein vernachlässigter Innenhof und die stete Sorge, ob Wasser, Wärme und Strom geliefert werden: Mieterinnen Beate Petek (li.) und Sophie Hoffmann

Laute Handwerker, ein vernachlässigter Innenhof und die stete Sorge, ob Wasser, Wärme und Strom geliefert werden: Mieterinnen Beate Petek (li.) und Sophie Hoffmann

Foto: Reto Klar

Mieterin Beate Petek lebt in ständiger Sorge. Immer wieder tauchen in ihrem Charlottenburger Wohnblock Aushänge auf, in denen der Hausgemeinschaft angedroht wird, dass Wärme, der Strom für die Hausbedarfsanlage oder Wasser abgestellt werden. Dabei zahlt sie dies mit der monatlichen Miete.

Im Gebäudekomplex an der verkehrsreichen Wintersteinstraße gegenüber dem Kraftwerk Charlottenburg lebt die 50-Jährige in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Haustüren mit Schnitzerei und Stuck an der Fassade künden von besseren Zeiten. Inzwischen aber ragen aus der Außenwand Kabel hervor. Im Hof sind Steine aus dem Boden gerissen. Meterlange Zweige liegen am Müll. Daneben: eine Couch, eine Matratze, eine zerlegte Holzkonstruktion. Gut zu hören sind die Modernisierungsarbeiten im Haus. Deswegen habe sie eine Mietminderung vorgenommen, sagt Petek, die als Selbstständige arbeitet. Und trotzdem: „In meiner Wohnung fühle ich mich wohl“, sagt sie. Seit zehn Jahren wohnt sie dort. „Ich möchte hier nicht weg.“

Doch seit Monaten leben die Mieter in dem Block, zu dem ein Aufgang an der Brauhofstraße gehört, in Ungewissheit. Für die Lieferungen der Berliner Wasserbetriebe sowie von Vattenfall tritt die ADN Management GmbH als Kunde in Erscheinung. Im Mai drohten die Wasserbetriebe schriftlich an, man werde die Versorgung einstellen. Denn: Die Firma ADN Management GmbH komme „ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nach“. Es bestünden Zahlungsrückstände von 4476 Euro. Auf Mahnungen sei nicht reagiert worden.

Zur Überbrückung wird eine Notgemeinschaft gegründet

Plötzlich mussten die Bewohner unter Zeitdruck zu einer schlagkräftigen Hausgemeinschaft werden. Versorgungsunternehmen empfehlen betroffenen Mietern, zur Überbrückung offener Zahlungen auf zukünftige Lieferungen eine sogenannte Notgemeinschaft zu bilden. 19 Mietparteien legten je 58 Euro zusammen. Zuletzt erhielten die Wasserbetriebe doch noch vom Kunden eine ausreichende Summe, um die Lieferung fortzusetzen, so ein Sprecher.

Im Juli hing im Haus ein Schreiben aus, in dem nun die Vattenfall Europe Wärme AG mitteilte, es bestünden Forderungen aus der Wärmeabrechnung, „die trotz mehrfacher Mahnungen“ nicht bezahlt worden seien. Am 12. August werde die Wärmeversorgung eingestellt. Dies habe man auch „Ihrem Vermieter schriftlich angekündigt“.

Beate Petek mobilisierte wieder die Notgemeinschaft. Seit Mitte September ist der nächste Brief angeschlagen: Am 12. Oktober werde die Stromversorgung der Hausbedarfsanlage unterbrochen, teilt die für die sogenannten Stromstraßen verantwortliche Stromnetz Berlin GmbH mit. Wieder gibt es laut Vattenfall Rückstände. „In 35 Jahren, die ich hier lebe, habe ich das nicht erlebt“, sagt ein Bewohner, der beim Treppensteigen auf einer Bank pausieren muss. Zukünftig wird er dies im Dunkeln tun, denn an der Hausbedarfsanlage hängt die Beleuchtung. „Ich habe versucht, irgendeinen Verantwortlichen zu erreichen. Ohne Erfolg“, sagt er.

Lohnt sich das Wohnen in diesem Umfeld noch?

Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, sagt, dass in diesen Fällen neben der Zahlung durch eine Notgemeinschaft auch das jeweilige Bezirksamt gemäß Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) in Vorleistung gehen kann. „Als Mieter aber steht man dabei vor der Frage, ob sich das Wohnen in diesem Umfeld noch lohnt.“

Warum die Firma in Verzug gerät, ist unbekannt. Die ADN Management GmbH war am Dienstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Eine Anfrage der Berliner Morgenpost bei Vattenfall sorgte für eine erste Entwarnung. Wie ein Sprecher erklärte, habe der Kunde in einem Maß Zahlungen geleistet, das die Fortsetzung der Wärmeversorgung sicherstelle. Die Kappung des Stroms droht aber weiterhin. „Niemand weiß, ob ohne Hausbedarfsanlage die Wärmeversorgung funktioniert“, sagt Beate Petek. Sie stellt sich darauf ein, diesen Winter mit elektrischen Radiatoren zu überstehen.