Wohnungssuche

“Fast jeder hat schon mal was Verrücktes erlebt“

Probeliegen in der Badewanne, Vermieter, die keine sind: Leonie Haug erzählt davon, was Wohnungssuchende in Deutschland erleben können

Wer eine coole Wohnung gefunden hat, kann sich glücklich schätzen

Wer eine coole Wohnung gefunden hat, kann sich glücklich schätzen

Foto: Getty Images / E+/Getty Images

„Suche Wohnung für mich und meine Möpse“: Unter diesem Titel hat die Autorin Leonie Haug nervige, verrückte und freche genauso wie lustige, schöne und romantische Wohnungssuch-Erlebnisse gesammelt. Im Interview erzählt sie, wo Mieter am schlimmsten dran sind und warum man sich bei Wohnungsbesichtigungen am besten möglichst originell anzieht.

Berliner Morgenpost: Casting in der Veganer-WG, Untermiete nur für FKKler, ein Extra-Mietvertrag für die Katze: Viele Ihrer Anekdoten von Wohnungssuchenden sind schier unglaublich. Mussten Sie lange sammeln?

Leonie Haug: Nein, ich war selbst erstaunt. Angefangen hat alles vor etwa eineinhalb Jahren. Ich war selbst auf Wohnungssuche in München und erzählte im Bekanntenkreis davon. Damit kam der Stein ins Rollen. Fast jeder hat offenbar schon mal was Verrücktes bei einer Wohnungsbesichtigung erlebt. Und ich stellte fest, dass die Leute großen Redebedarf haben.

Warum? Worüber wollen sie reden?

Naja, was mit etwas Abstand witzig klingt, ist in der Situation selbst oft gar nicht so nicht komisch. Es gibt viel Frust. Gerade in Großstädten suchen die Leute sehr lange nach bezahlbarem und akzeptablem Wohnraum. Und ärgern sich über Makler, die sie herablassend behandeln und sich kaum engagieren, dafür aber 3000 Euro kassieren. Auch wenn jetzt die Vermieter die Maklergebühr übernehmen müssen, glaube ich kaum, dass sich etwas an den Machtverhältnissen zwischen Vermieter/Makler und Mieter ändert. Bald wird in der Selbstauskunft die Klausel stehen: „Ich erkläre mich bereit, mein letztes Hemd zu geben und die Maklergebühr zu übernehmen“....

Das klingt auch nach Frust!

Ich würde eher sagen: nach Galgenhumor. Nein, im Ernst: Es gibt viel Ärger, aber es passieren auch lustige und schöne Dinge. Zum Beispiel die Sache mit dem Pärchen, das sogar in der Badewanne probeliegen wollte. Oder von dem Makler, der sich bei der Demonstration der supertollen Regendusche komplett nass gemacht hat. Ich liebe auch die Geschichten von den Menschen, die sich über die Wohnungssuche kennengelernt und verliebt haben. Mir war es wichtig, dass das Buch Spaß macht und unterhaltsam ist. Daher habe ich auch meine eigene Geschichte, die echt nervig war, zugespitzt und ironisch überhöht.

Wo ist der Markt denn besonders angespannt?

Ich habe überall recherchiert: in der Stadt, auf dem Land, im Norden, Süden, Osten, Westen. Also im Vergleich stehen die Berliner noch ganz gut da. In Berlin findet man immer noch was, aber es ist teurer geworden. München ist und bleibt der absolute Horror. Erst gestern habe ich an einem Laternenpfahl einen Zettel gesehen, dass ein Pärchen nach einer 80-Quadratmeter-Wohnung sucht und dafür 1800 Euro warm bietet sowie 5000 Euro Belohnung. Das ist doch Wahnsinn! Hier zieht man inzwischen mit Bewerbungsmappe los. In meinen Augen ist das ungesund – es geht doch nur um eine Wohnung!

Was wollen die Vermieter denn alles wissen?

Abgefragt wird so gut wie alles: die Religion, Hobbys, die sexuelle Gesinnung... Ich beobachte, dass es unter den Vermietern ganz viel Angst ums Eigentum gibt. Teilweise ist das begründet: Ich habe von Leuten gehört, die beim Auszug sogar das Waschbecken abschrauben. Wer so eine Erfahrung gemacht hat, hat natürlich Angst. Daher schalten viele Eigentümer einen Makler ein – so wollen sie das Risiko minimieren und die Verantwortung ein Stück weit abgeben. Ich persönlich fände es schöner, wenn die Vermieter im Gegenteil die Leute mehr an sich ranlassen würden. Bei so einer Massenbesichtigung kann man doch sowieso gar keine aussagekräftige Beurteilung treffen.

Wer hat denn nach Ihren Recherchen die besten bzw. die schlechtesten Karten?

Ausländer haben es nach wie vor besonders schwer. Das Fremde macht Angst. Alleinerziehende mit Kindern haben auch ein Problem, Musiker und Leute mit Tieren auch. Jung Verheiratete und Viel-Umzügler sind auch nicht sehr beliebt, denn sie könnten ja bald wieder umziehen. Diese Leute müssen lange suchen und ein dickes Fell haben. Oder erfindungsreich sein. Es gibt Menschen, die übernehmen Hausmeister- oder Babysitterdienste, damit es mit der Wohnung klappt. Andere versuchen, mit kleinen Tricks eine Wohnung zu ergattern. Zwei Studenten haben mir erzählt, dass sie sich bei der Wohnungssuche als Paar ausgaben, um ihre Chancen zu erhöhen. Sie haben tagelang den Familienstammbaum und die Angewohnheiten des anderen auswendig gelernt... Geklappt hat es trotzdem nicht. Manche Studenten wohnen hier auf dem Zeltplatz.

Welches Schicksal hat Sie besonders berührt?

Das war die Geschichte einer ehemaligen Obdachlosen aus Köln, die meinte, dass sie lieber wieder auf den Friedhof zieht, anstatt sich noch einmal der Wohnungssuche auszusetzen, die sie als außerordentlich entwürdigend empfand.

Was muss denn Ihrer Ansicht nach passieren?

Die Stadtpolitik ist gefragt, mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Leider gibt es kaum mehr Genossenschaften, immer mehr Wohnraum wird privatisiert. Der gehört dann oft Fonds und denen geht es nur um die Rendite. Und dann denken andere Eigentümer: Wenn andere die Kohle nehmen, nehme ich sie auch. So schaukelt sich das hoch. Kein Wunder, dass viele Leute angesichts der niedrigen Zinsen lieber kaufen als mieten. Aber das muss man sich natürlich auch erst mal leisten können.

Haben Sie denn einen Tipp, wie man an eine gute Wohnung kommt?

Es ist wichtig, auf sich aufmerksam zu machen, um dem Vermieter im Gedächtnis zu bleiben. Also bei der Besichtigung am besten auffällige Klamotten anziehen, noch mal im Büro anrufen oder eine E-Mail schicken. Und viel Zeit mitbringen! Die Wohnungssuche ist ein Fulltime-Job, da nimmt man sich am besten gleich drei Wochen Urlaub.

Leonie Haug: Suche Wohnung für mich und meine Möpse. Die wildesten Geschichten von Mietern, Maklern und Mitbewohnern. Blanvalet, 8,99 Euro.