Smart City

Auf der Suche nach der intelligenten Stadt

Eine Konferenz mit 250 Zukunftsforschern entwickelt Visionen für Berlin. Es geht um die neue Freiheit durch die Wirtschaft des Teilens.

Suchen die Smart City: Senatorin Cornelia Yzer, Klimaforscher Boyd Cohen

Suchen die Smart City: Senatorin Cornelia Yzer, Klimaforscher Boyd Cohen

Foto: JStueber@wmg.loc / BM

Elektroautos, Häuser aus dem 3-D-Drucker, intelligente Stromnetze – 250 Zukunftsforscher aus aller Welt untersuchen bei einer Konferenz die Frage, wie Berlin nachhaltiger zur Smart City, zur vernetzten Stadt, werden kann. Gastgeberin ist Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU). „Berlin ist Trendsetter und hat als starker Standort für Hochtechnologie erfolgreich Zukunftsfelder besetzt“, sagte sie.

„Der Bau einer vernetzten Stadt beginnt bei ihrer Regierung, die alle ihre Daten und Dienstleistungen online zugänglich machen muss und ihren Bürgern überall Zugang zum Internet verschaffen muss“, sagt der Zukunftsforscher Boyd Cohen. Dabei gehe es zunächst nicht um die Hightech-Community und die Reichen. Strukturwandel (Gentrifizierung) müsse ohne Verdrängung ermöglicht werden. „Berlin ist im internationalen Vergleich schon jetzt ein Leuchtturm, an dem sich andere EU-Städte orientieren können.“

Visionen von der intelligenten Stadt

Der zweite Schritt muss nach Cohens Worten sein, gemeinsam mit den Bürgern Visionen von der intelligenten Stadt zu entwickeln. Es gibt keine smarte Stadt ohne smarte Bürger, sagt Cohen. Er fordert, Bürger in Planungsprozesse einzubeziehen – eine Art City-Crowdsourcing. Er ist der Überzeugung, dass Bürger besser als Politiker wissen, was sie brauchen.

Cohen sieht drei Entwicklungsstufen einer Smart City. Auf der Stufe 1.0 haben Städte von Entwicklern Technologie eingekauft. Auf der Stufe 2.0 hat man erkannt, dass Städte es den Technologieentwicklern nicht alleine überlassen dürfen, die Ziele eine intelligenten Stadt zu definieren. „Und auf der Stufe 3.0, die gerade jetzt entsteht, geht es um das gemeinsame Konzipieren einer Smart City“, sagt Cohen.

Kürzere Fahrzeiten in der Stadt der Zukunft

„Dabei sollen Bürger in Planungsprozesse einbezogen werden.“ Das ist nach seinen Worten ein langfristiger Prozess, der nicht in das Raster von Wahlperioden passt und Distanz zur Regierung erfordert – ein Wettbewerb der Ideen. „Es bedarf einer langfristigen Vision, wohin die Reise geht.“

Verkehrsfragen sind nach Meinung des Experten in Berlin ein großes Problem. „Der Durchschnittsberliner ist jeden Tag 70 Minuten im Autoverkehr unterwegs. Das ist zu viel. Dafür gibt es technologische Lösungen: Verkehrsbeschleunigung an Ampeln oder die Echtzeit-Navigation von Autofahrern. Und: „Wenn Leute näher an ihren Arbeitsstätten wohnen, brauchen sie vielleicht gar kein Auto.“ Cohen spricht sich dafür aus, in der Innenstadt mehr Wohnraum für Familien zu schaffen. Es sei nicht gut, dass so viele Singles in den zentralen Bezirken leben.

Experte begrüßt Open-Data-Strategie

Berlin habe bei der Elektromobilität interessante Lösungen gefunden. Zum Beispiel mit öffentlichen Ladestationen. „Berlin hat den Euref-Campus, wo es eine enge Kooperation mit den Universitäten gibt, oder den Clean-Tech-Campus.“ Positiv bewertet er auch die Politik, öffentliche Daten in Berlin freizugeben. Die Verwaltung hat nicht immer die besten Ideen für die Nutzung dieser Daten.

Eine Herausforderung für Berlin wird laut Cohen sein, eine Stadt des Teilens zu werden. Dabei gebe es aber einen Konflikt. Teilen ist nicht gleich teilen. „Die hotelmäßige Vermittlung von Wohnungen bedarf der staatlichen Regulierung“, sagt Cohen. „Wenn ich aber in meiner Wohnung ein Zimmer frei habe, macht es Sinn, wenn ich es vermiete und damit einem Besucher, der sich kein Hotel leisten kann, die Möglichkeit gebe Berlin zu besuchen.“

Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht gegen neue Geschäftsmodelle abschotten, weil sie auf den ersten Blick nicht kompatibel sind.“, entgegnete die Wirtschaftssenatorin. Es könne nicht sein, „dass dringend gebrauchter Wohnraum auf einmal zu Ferienwohnungen wird, was neue Renditen verspricht.“ Hier gelte es, die richtige Balance zu finden und nicht alles unreguliert zuzulassen. Man könne aber auch nicht jedes Geschäftsmodell, das alte Strukturen in Frage stelle, von vorneherein verbieten. „Diese Balance haben wir in Berlin noch nicht gefunden“, sagte Yzer.

Carsharing schützt vor Verkehrskollaps

Ähnliche Probleme sieht Cohen bei der Mobilität. Es sei nicht effektiv, wenn in einem Pkw in Berlin im Durchschnitt 1,1 Fahrgäste sitzen. Carsharing ermögliche, diese Quote zu erhöhen und so Verkehrsprobleme zu lösen.

Der Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky sieht hier einen Wertewandel: „Das Empfinden von Freiheit verändert sich insbesondere in Großstädten und in der jüngeren Generation. Früher galt die Wahlmöglichkeit zwischen Produkten als Freiheit. Heute bedeutet Freiheit, etwas nicht zu besitzen, aber trotzdem individuellen und situativen Zugang zu einem Produkt zu haben. Besitz hingegen nimmt Freiheit.“ Sharing Economy biete die Möglichkeit, freie Ressourcen durch clevere Technologie zu nutzen. Sie gebe Amateuren auch die Möglichkeit, in Profigeschäfte vorzudringen.

Es sei gut, dass so viele Menschen und vor allem Gründer nach Berlin ziehen – wegen der hohen Lebensqualität und den niedrigen Kosten, der Kreativ-, Kunst- und Startupszene, wegen des Zugangs zum europäischen Markt.

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