Stadtentwicklung

Elisabeth-Aue: Widerstand gegen Wohnungen wächst

Berlins Senat möchte auf dem Gelände in Pankow einen neuen Stadtteil bauen. Doch es regt sich Protest unter Anwohnern und Naturschützern.

Oskar Tschörner (r.) von der Bürgerinitiative und Landwirt Michael Neuendorf kämpfen gegen die Bebauung der Elisabeth-Aue

Oskar Tschörner (r.) von der Bürgerinitiative und Landwirt Michael Neuendorf kämpfen gegen die Bebauung der Elisabeth-Aue

Foto: Massimo R odari / Massimo Rodari

Ein Greifvogel kreist über dem Feld auf der Suche nach Nahrung, denn „Mäuse gibt es hier viele“, sagt Landwirt Michael Neuendorf. Er bewirtschaftet die Felder der Elisabeth-Aue in Pankow und gehört zur Bürgerinitiative „Elisabeth-Aue“. Gerade wurde das Feld gemäht, vorher stand hier Roggen. Auf dem angrenzenden Feld wächst momentan Mais. Vielleicht nicht mehr lange, denn im Oktober 2014 wurde bekannt, dass die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt auf dem Gebiet einen neuen Stadtteil plant.


Schon im Frühjahr sagte Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD): „Die Elisabeth-Aue in Pankow ist 73 Hektar groß, dort ist Raum für 5000 Wohnungen und rund 10.000 Bewohner.“ Laut der im Juni unterzeichneten Absichtserklärung zwischen der Senatsverwaltung, sowie den Wohnungsbaugesellschaften Howoge und Gesobau sollen dort bis zu 12.000 Bewohner untergebracht werden. Des Weiteren ist in der Erklärung die Rede vom Bau von „Schulen, Kindertagesstätten, sowie Freizeiteinrichtungen und Begegnungsstätten für Jung und Alt“. Das Gebiet soll besser an die öffentlichen Verkehrsmittel, etwa an die Straßenbahn, angeschlossen werden. Dieses Konzept nennt die Senatsverwaltung „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“.

Gebiet nicht gut angeschlossen

„Mit einer Gartenstadt hat das nicht viel zu tun“, sagt Cornelius Bechtler, Fraktionsvorsitzender vom Bündnis 90 die Grünen in Pankow. Zu einer Gartenstadt würde eine geringe Bevölkerungsdichte gehören. Er lehnt jegliche Bebauung rund um die Elisabeth-Aue ab. „Das Einzige, was für eine Bebauung spricht, ist, dass es eine Fläche ist, die dem Land Berlin gehört“, so Bechtler. Das Gebiet sei nicht gut angeschlossen. Selbst wenn man die Straßenbahnlinie ausbauen würde, wäre der Weg zur Arbeit für viele Menschen sehr weit. Die Konsequenz daraus sei, dass die Menschen Auto fahren würden. Das Straßennetz sei aber nicht darauf ausgelegt. „Im Haushaltsplan ist auch kein Geld für den Ausbau von Straßen vorgesehen“, so Bechtler.

Im Herbst 2014 hat sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Elisabeth-Aue gegründet. der Sprecher der Initiative, Oskar Tschörner, sagt: „Es geht uns keinesfalls darum, egoistische Interessen zu vertreten.“ Man sei sich lediglich der Bedeutung der Felder bewusst und möchte auch darauf aufmerksam machen, dass dies ein schützenswertes Gebiet sei. Unter anderem weil die Felder Teil des Naturparks Barnim sind und an das europäische Naturschutzgebiet des Tegeler Fließtals grenzen. Und Landwirt Michael Neuendorf ergänzt: „Die Felder tragen auch zum Erhalt der bäuerlichen Landwirtschaft im Dorf Blankenfelde bei.“

Naturschützer fordern Gutachten

Auch der Naturschutzbund (Nabu) Berlin spricht sich gegen eine Bebauung aus. Er hebt die hohe Bedeutung der Fläche für die Stadt hervor. „Das ist ein Kaltluftentstehungsgebiet. Diese kühle Luft zieht nachts in die Stadt und sorgt dafür, dass die Stadt belüftet wird“, sagt Ulrike Kielhorn, Naturschutzreferentin vom Nabu. Auch im Stadtentwicklungsplan Klima der Senatsverwaltung wird die stadtklimatische Bedeutung der Felder der Elisabeth-Aue als Kaltluftentstehungsgebiet als „sehr hoch“ bewertet.

Der Nabu Berlin fordert ebenso wie die Bürgerinitiative „Elisabeth-Aue“ ein unabhängiges Gutachten zur Prüfung des ökologischen Wertes der Fläche. „Es ist auch für den Nabu Berlin unstrittig, dass die Hauptstadt neuen, bezahlbaren Wohnraum benötigt. Aber die Naturschützer lehnen es ab, dass aus reiner Bequemlichkeit die erstbeste große Freifläche genommen wird, die den Planern in den Sinn kommt“, sagt Nabu-Sprecherin Anja Sorges.

Die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Pankow hatte schon 2013 auf zwölf alternative Flächen im Bezirk hingewiesen. Doch Martin Pallgen, Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, hält dagegen: .„Hier geht es nicht um ein ‚Entweder-Oder‘, sondern um ein ‚Sowohl-Als-Auch‘. Das Wachstum Berlins macht es notwendig, alle zur Verfügung stehenden Flächen für den Wohnungsbau zu aktivieren.“ Die Senatsverwaltung geht davon aus, dass 2030 3,756 Millionen Menschen in Berlin wohnen. Diese Prognose wurde im Jahr 2011 veröffentlicht. Darin heißt es weiterhin, dass Pankow mit einem plus von 16,3 Prozent, der Bezirk mit dem größten Wachstum ist.

15.000 neue Wohnungen jährlich

Darüber hinaus seien in den vergangenen vier Jahren 175.000 Menschen nach Berlin gezogen, so Andreas Geisel. Allein im Jahr 2014 sei Berlin um 45.000 Menschen gewachsen. „Und das geht so weiter. Das heißt, wir brauchen pro Jahr 10.000 bis 15.000 Wohnungen. Wir müssen also an vielen Stellen bauen, auch im Stadtzentrum. Aber es ist klar, dass große Entwicklungen mangels Flächen eher in Außenbereichen stattfinden“, so der Senator. Aufgrund des Wachstums brauche auch Pankow dringend Wohnungen.

Momentan leben 390.000 Menschen in Pankow. In der aktuellen Bevölkerungsprognose sei davon auszugehen, dass bis zum Jahr 2030 440.000 Menschen im Bezirk wohnen. Pankows Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) glaubt, dass in der neuen Bevölkerungsprognose, die im Herbst erscheinen soll, die Zahl der Bewohner Pankows nach oben korrigiert werden muss. Er befürwortet eine Bebauung der Felder der Elisabeth-Aue. „Die Fläche war schon immer für den Bau von Wohnungen vorgesehen. Es geht hier keines Falls um eine hochökologische Fläche“, sagt Köhne. Es sei günstiger große neue Stadtteile zu errichten, als kleinteilig zu bauen.

Die Flächen um die Elisabeth-Aue sind schon immer als Wohnungsbaupotenzial vorgesehen worden und deshalb nicht in das Landschaftsschutzgebiet integriert. Im Stadtentwicklungsplan zum Thema Wohnen wird die Fläche als Potenzial ab 2025 genannt. In dem Plan konnte das aktuelle Bevölkerungswachstum noch nicht berücksichtigt werden. „Deshalb müssen nun die Flächen – vor allem die landeseigenen – neu bewertet werden“, sagt Martin Pallgen.

Projekt kommt fünf Jahre früher

Nach dem Volksentscheid über die Nichtbebauung des Tempelhofer Feldes wurde dies umso notwendiger. Dort waren ursprünglich 5000 Wohnungen geplant. Dies könne nun von der Elisabeth-Aue aufgefangen werden. „Unter diesem Handlungsdruck ist es auch erklärlich, dass die Elisabeth-Aue nicht erst nach 2025 realisiert werden soll, sondern etwa fünf Jahre früher“, erläutert Pallgen. Gerade bei der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum haben landeseigene Grundstücke eine hohe Bedeutung. Dort hat der Senat direkten Einfluss auf die Mietpreisgestaltung.

In der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Pankow haben Grüne, Linke, Piraten und CDU gegen das Vorhaben auf der Elisabeth-Aue gestimmt. Lediglich die SPD unterstützte das Vorhaben. Die BVV beschloss, die Absichtserklärung des Senats nicht zu unterschreiben. „Das war ein großer Fehler, denn so hat der Bezirk weniger Gestaltungsmöglichkeiten wenn es um die Bebauung geht“, so Bezirksbürgermeister Köhne.

Gottfried Ludewig, Kreisvorsitzender der CDU Pankow und zuständiger Wahlkreisabgeordneter, glaubt, dass es noch viele Beteiligungsmöglichkeiten gibt und möchte für einen Dialog mit der Senatsverwaltung werben. „Über eine Bebauung kann gesprochen werden. Diese muss sich aber der ortsüblichen Bebauung – Einfamilien- und Reihenhäuser – anpassen. Hochhäuser am Stadtrand lehnen wir ab“, sagt Ludewig. Wer in ein Hochhaus ziehen wolle, kann auch in der Innenstadt wohnen.

Furcht vor zweitem Märkischen Viertel

Er lehnt ein zweites Märkisches Viertel ab. Dort leben 11.500 Menschen pro Quadratkilometer. Würde man an der Elisabeth-Aue die 5000 Wohnungen mit durchschnittlichen 2,5 Personen belegen, ergibt das 12.500 Bewohner. Hochgerechnet auf einen Quadratkilometer ergibt das 17.000 Menschen. Das wäre sogar eine noch höhere Bevölkerungsdichte als im Märkischen Viertel. „Es scheint in diesem Fall nur um Zahlen zu gehen“, sagt Ludewig.

Noch gibt es keine fertigen Bebauungspläne, sondern diese sollen mit der Beteiligung der Bevölkerung erstellt werden. Außerdem soll wie in der Absichtserklärung vereinbart „eine Verkehrsuntersuchung und natürlich eine Landschafts- und Artenschutzuntersuchung vorbereitet werden“, so Martin Pallgen. Dies soll im Herbst 2016 abgeschlossen sein, so dass ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben und die Detailplanung weitergeführt werden kann. „Aber es wird nicht darüber gesprochen ob gebaut wird, sondern nur darüber wie“, sagt Pallgen. Der Baubeginn auf den Feldern an der Aue ist für 2019 geplant.