Neue Züge

Auf der U12 rollt eine U-Bahn namens „Icke“

Weniger Sitzplätze, dafür geräumiger: Zwischen Warschauer Straße und Ruhleben testet die BVG seit Mittwoch ihre neuen Züge.

U-Bahn mit Bauch: Der neue BVG-Zug der Baureihe IK

U-Bahn mit Bauch: Der neue BVG-Zug der Baureihe IK

Foto: DAVIDS/Darmer / DAVIDS

Man konnte zuletzt den Eindruck gewinnen, dass die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihre U-Bahn nicht mehr lieb haben. Von den neuen Bussen wurde geschwärmt, extra lang und mit Anhänger , vom Elektrobus und obendrein wurde eine neue Straßenbahnlinie zum Hauptbahnhof eröffnet.

Doch die Wahrheit ist: Die BVG hat ihre U-Bahn natürlich immer noch lieb. Am Mittwochabend wurde an der Warschauer Straße ein Zug der nächsten Generation auf den Namen „Icke“ getauft. Von Bürgermeister Michael Müller (SPD) höchstpersönlich – stilecht mit einer Flasche Berliner Weiße. Trotz der aktuellen Flüchtlingsthematik erschien der Regierende pünktlich, für die Jungfernfahrt war leider keine Zeit mehr.

Zwei Prototypen vom Typ IK werden nun für ein gutes Jahr im Linienbetrieb getestet, zunächst auf der Linie U12 zwischen Warschauer Straße und Ruhleben. Bewähren sie sich, sollen ab Ende 2017 35 weitere Züge à vier Wagen ausgeliefert werden. Gesamtvolumen: 216 Millionen Euro. Die mit einem Designpreis ausgezeichneten Züge sind für das sogenannte Kleinprofil, die Linien U1 bis U4.

Diese alten Tunnel wurden zu ihrer Zeit mit 2,30 Meter eher schmal konzipiert. Die IK-Wagen sind aber trotzdem breiter, zehn Zentimeter. Möglich macht dies ein Verfahren namens „Bombierung“, dabei wölben sich die Wagen in der Mitte leicht nach außen. Vom zusätzlichen Platz sollen Rollstuhlfahrer beziehungsweise Fahrgäste mit Kinderwagen, Fahrrädern oder anderem großen Gepäck profitieren.

Für ein geräuschloses Fahrvergnügen sorgen Fahrwerke mit Luftfederung. In den Kurven zwischen Warschauer Straße und Schlesischem Tor fällt das bekannte Quietschen weg. Eine Klimaanlage gibt es in den Zügen nicht – außer in der Fahrerkabine.

Experten werten Beschaffung als überfällig

Als hochmodern und aus der Region, lobt Bürgermeister Müller die neuen Fahrzeuge. Gebaut wurden sie in Berlin und im brandenburgischen Velten. Erstmals lieferte die Firma Stadler, die sich 2012 in einem europaweiten Ausschreibungsverfahren unter anderem gegen den Schienenfahrzeug-Riesen Bombardier behaupten konnte. Auch der Name kommt aus der Region: „Icke“ setzte sich in einer Abstimmung unter den Berlinern gegen „Isolde“ und „Inka“ durch. Die Vorgabe: Der Name muss mit „I“ beginnen. „Insolvenz“, „Igitte“ oder „Ikarus“ schieden aus.

Experten werten die Beschaffung von „Icke“ als überfällig. Es sind die ersten neuen Züge seit der Einführung der Baureihe HK 2001. In der Berliner U-Bahnflotte sind einige Oldtimer unterwegs, die ältesten Modelle haben 51 Jahre, die Kleinprofil-Fahrzeuge im Durchschnitt 28 Jahre Einsatz hinter sich. Und es gebe so gut wie keine Reserven, gerade in der Hauptverkehrszeit würden deshalb bei Zugdefekten Fahrten ausfallen, kritisiert der Fahrgastverband Igeb.

Noch größer ist der Fahrzeugbedarf für das Großprofil, die Linien U5 bis U9. „Wir führen mit dem Finanzsenator Gespräche über die Finanzierung“, sagt BVG-Chefin Sigrid Nikutta. Die Uhr tickt. Bis 2033 muss die BVG 60 Prozent der Kleinprofil- und 50 Prozent der Großprofil-Fahrzeuge ersetzen – insgesamt 669 Wagen. Und die Beschaffung dauert etwa sieben Jahre, bis dann alle Züge ausgeliefert sind, kommt schnell ein Jahrzehnt zusammen.

Auf allen Linien einsetzbar

Die Wagen von „Icke“ wurden so gebaut, dass sie auf allen Linien fahren können. Einziges Problem: Die Lücke zwischen Zug und Bahnsteigkante wäre auf den Linien U5 bis U9 zu groß. Dies könnte, so die Verkehrsverwaltung des Senats, durch „Trittelemente im Außenbereich“ ausgeglichen werden.

In den 20er-Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg kam das schon einmal vor: An die Wagenseiten wurden damals Holzbohlen angeschraubt. Spitzname „Blumenbretter“. Wie genau die BVG „Icke“ umrüsten will, ist noch unklar.

Drei Monate wurden die Züge auf den Testgleisen der Betriebswerkstatt Grunewald von Spezialisten gecheckt, darunter waren umfangreiche Brems- und Kupplungsüberprüfungen. Anschließend folgten Testfahrten im Liniennetz – ohne Passagiere. Zudem werden die Wagen noch in Wien in eine Klima-Kammer geschickt. Dort können eiskalte Winter und heiße Sommer simuliert werden.

Insgesamt bietet die neue U-Bahn Platz für 330 Fahrgäste, 80 davon bekommen einen Sitzplatz. Zu wenig, findet die Igeb. Und die Sitze, die in Längsseite ausgerichtet sind, seien zu hart. Am Alexanderplatz hatte die BVG verschiedene Varianten vorgestellt. 15.000 Menschen saßen Probe und stimmten ab. „Allerdings waren alle Modelle sehr hart“, heißt es beim Fahrgastverband.

Laut BVG sind immerhin die Fahrer zufrieden mit ihrem neuen Arbeitsplatz. Der Sitz sei äußerst bequem, und wer will, kann sogar im Stehen fahren.

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