Testbusse

So fährt es sich im BVG-Anhänger durch Spandau

Unser Autor ist in den zwei Testbussen der Berliner Verkehrsbetriebe mitgefahren und fühlte sich plötzlich wie in München.

Was für ein langer Bus, was für ein Name: In Spandau fährt der „MAN Lion’s City mit Göppel Go4CityT-Anhänger“ auf der Linie 236. Der Anhänger ist für viele Fahrgäste noch gewöhnungsbedürftig. Er wird durch vier Videokameras überwacht. Das Modell stammt aus München und ist probeweise in Berlin im Einsatz

Was für ein langer Bus, was für ein Name: In Spandau fährt der „MAN Lion’s City mit Göppel Go4CityT-Anhänger“ auf der Linie 236. Der Anhänger ist für viele Fahrgäste noch gewöhnungsbedürftig. Er wird durch vier Videokameras überwacht. Das Modell stammt aus München und ist probeweise in Berlin im Einsatz

Foto: Gregor Fischer / dpa

Manches verändert sich nie. Dass man Busse verpassen kann, zum Beispiel. Egal wie neu sie sind. Und egal wie lang. Und die Busse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) werden immer neuer und immer länger. Inzwischen testet das Unternehmen sogar zwei mehr als 20 Meter lange Busse entlang der Linie 236 in Spandau. Und auch die lassen sich verpassen.

Das ist, das muss gesagt werden, aber nicht die Schuld der Fahrzeuge. Es ist den Widrigkeiten der Busjagd geschuldet, der Schwierigkeit, ein bestimmtes Fahrzeug auf einer Linie, die Dutzende befahren, zu erwischen.

Die Suche beginnt am S- und U-Bahnhof Rathaus Spandau. Bus auf Bus fährt da vorbei, teilweise leuchtet auch groß die 236 auf ihrer Front. Doch das spielt keine Rolle. Nicht die Linie zählt, sondern das Modell. Wo ist der riesige Gelenkbus? Wo der neuartige Buszug mit Anhänger?

Und schon hat man den Bus verpasst

Ein Bremsgeräusch, das Zischen von Türen, und schon steht er da. Der Buszug. Hecktisch versucht man, noch ein Foto zu machen. Sehr wichtig, dass der Anhänger mit auf das Bild kommt. Und schon schieben sich laut- und mitleidslos die Türen des 23 Meter langen Buszugs wieder zu. Erst rauscht die Zugmaschine an einem vorbei, dann ihr Anhänger, und einem dämmert, dass man bei der Premiere des neuen Testtyps den Bus verpasst hat.

Warum da jemand steht und traurig dem Bus hinterherschaut wie einer verpassten Chance, das verstehen die Umstehenden natürlich nicht. Doch etwas anderes ist ihnen aufgefallen: Das war kein normaler Bus. „Mann, ist der groß“, konstatiert ein älterer Herr. Und seine Frau, weniger begeistert, fragt sich: „Was ist das denn?“ Diese Frage könnte man ihr beantworten.

Langsam gleitet der 236er durch Spandau

„Es ist der neue MAN Lion’s City mit Göppel-Anhänger.“ Doch man lässt es bleiben. Schließlich gilt es, das verpasste Fahrzeug wieder einzuholen. Das erfordert einige Berechnungen. 21 Minuten braucht der 236er bis zu seiner Endhaltestelle an der U-Bahnstation Haselhorst. Also müssten es 42 Minuten sein, bis er wieder vor dem vergessenen Fahrgast hält.

Doch dann zischt es erneut, und vor einem öffnen sich die Türen des extralangen neuen Gelenkbusses. Testbus Nummer 2. Dann eben erst einmal der. „Kommen Sie herein“, ruft die Busfahrerin. „Hier ist genug Platz für alle.“ Sie lächelt freundlich, das Produkt überzeugt sie offenbar.

Und dann, man ist noch ganz in die Betrachtung der neuen Haltewunschknöpfe versunken, setzt sich das Gefährt in Bewegung. Langsam gleitet der 236er durch Spandau, während die Passagiere die Größe des Busses erläutern und einem die Ziehharmonika des Busgelenks in jeder Kurve Luft entgegenpfeift, die nach neuem Plastik riecht, wie noch nie aufgeblasene Luftmatratzen. Die Fenster sind klar, die neuen Sitzplätze trotz ihrer Anzahl alle schon lange belegt.

An einem X steigt man aus

Etwas bedrohlich ist allein das Fahrgastinformationssystem, wie der Profi die kleine Anzeige nennt, auf der kommende Haltestellen zu lesen sind. Die ist noch nicht online, erklärt der BVG-Mitarbeiter, der den Passagieren technische Details des Wunderbusses verrät. Deswegen steht dort nur: STOP. Und: XXX.

An einem X steigt man aus, ein frischer Wind weht, der richtige Zeitpunkt, um noch einmal zu versuchen, auf den 23-Meter-Buszug aufzuspringen.

Und tatsächlich kommt er in diesem Moment wie gerufen um die Ecke gefahren. Blau ist er, und sein Nummernschild beginnt mit einem großen M. Der Buszug, das sollte an dieser Stelle erwähnt werden, kommt aus München. Eigentlich fährt er in der Flotte der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) durch die bayerische Landeshauptstadt und ist den Berlinern für zwölf Testtage freundlicherweise ausgeliehen worden. Mehr als 60 Personen finden in seinem Vorderteil Platz, und eine ähnlich große Anzahl passt in den Anhänger. Dort steigt man ein. Wie könnte man anders? Schließlich ermuntern einen kleine gelbe Schilder, die die BVG auf die Bustüren geklebt hat. „Steig doch auch hier ein!“, steht darauf.

„Servus!“, schallt es gut gelaunt

Drinnen sind die Sitzpolster bayrisch-blau, auf dem Fahrgastinformationssystem steht sehr groß und unübersehbar: MVG. Ein Schild erklärt einem, dass diese Busse rußfrei und sauber fahren. Dabei ist der Bus, wie sich herausstellt, nicht einmal das Bayerischste an der ganzen Sache. „Servus!“, schallt es gut gelaunt, als man durch die Tür tritt. Da steht der Münchner Busfahrer, der den MAN in achteinhalb Stunden nach Berlin fuhr, und macht den Berlinern das Gefährt schmackhaft. „Äußerst flexibel, der Bus“, sagt er zu einer Dame. „Als Solo- oder Doppelbus einsetzbar.“

Das Hemd ist gebügelt, der Mann hat Charisma, und beim rollenden R seines Münchner Akzents schmelzen die Fahrgäste dahin. „Dieser Bus“, verkündet er, als führe er einen langen Gedanken zu Ende, „ist ein äußerst charmantes Fahrzeug.“ Man möchte ihm recht geben, so entspannt fährt man in diesem Bus. Mühelos folgt der Anhänger dem Zugbus um die Kurven und an den geraden Spandauer Straßen bieten auch die Haltestellen genug Platz für die 23 rollenden Meter ausgeliehenes München. Als dann irgendwo zwischen Havelschanze und Neuer Bergstraße aus einem Schrebergarten auch noch die bayerische Flagge ragt, wähnt man sich schon fast im Süden.

Vier Videokameras filmen das Innere

Nun soll man sich im hinteren Teil dieses Busgespanns zwar an-, aber auf gar keinen Fall abgehängt fühlen. Auch wenn man zwischen Anhänger und Zugmaschine nicht hin- und herlaufen kann, besteht permanenter Kontakt zum Fahrer. Vier Videokameras filmen von der Decke aus das Innere des Busses, und wenn nötig lässt sich mithilfe einer Gegensprechanlage auch Kontakt zum Busfahrer im vorderen Wagen aufnehmen.

Ganz geheuer scheint der Buszug den Menschen trotzdem nicht zu sein. Während vorne ein guter Teil der Sitzplätze belegt ist, ist es hinten deutlich leerer. Manche stehen an der Haltestelle, zögern, schauen den Bus entlang und entscheiden sich sicherheitshalber doch gegen den Anhänger. Ein Passagierin bringt es, kaum hat sie sich hingesetzt, auf den Punkt. „Ein Bus mit Anhänger“, sagt sie und denkt kurz nach, „das ist doch irgendwie komisch.“

Insgesamt findet der schmucke Anhänger Beifall bei seinen Fahrgästen. So sehr, dass man fast versucht ist, noch eine Runde auf dem Karussell zu drehen. Doch da naht bereits die Endhaltestelle. Schon ist man wieder im Freien und stolpert Richtung U-Bahn. Die kommt pünktlich, die Sitze sind nicht blau und auf der Scheibe prangt das Brandenburger Tor. Die gute, alte BVG. Ist auch schön.

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