Kriminalität

RAW-Gelände - Eine Partymeile in Aufruhr

Die Partymeile in Berlin ist seit Monaten als Schwerpunktgebiet für Kriminalität bekannt. Die Polizei reagiert mit stärkerer Präsenz.

RAW-Gelände: Verstärkte Polizeipräsenz soll Drogenhandel und Übergriffe eindämmen

RAW-Gelände: Verstärkte Polizeipräsenz soll Drogenhandel und Übergriffe eindämmen

Foto: Steffen Pletl

Er wird sich nicht wehren. Es hätte auch wenig Sinn. Neben ihm stehen zwei kräftige Polizeibeamte. Sie haben seine Hände auf dem Rücken gefesselt, und darüber, damit es für Passanten nicht so augenfällig wird, seine bunte Jacke gelegt. Jetzt warten sie, dass die Personalien des schmächtigen Drogendealers aufgenommen werden können. Das kann dauern. Vor den Polizeieinsatzfahrzeugen an der Revaler Straße herrscht Hochbetrieb. Später wird die Polizei von einem erfolgreichen Einsatz mit 70 Beamten sprechen: Acht Ermittlungsverfahren wurden eingeleitet, elf Platzverweise ausgesprochen.

Es ist ein ganz normaler nächtlicher Polizeieinsatz rund um das frühere Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Friedrichshain. Das Partyviertel ist seit Monaten schon bekannt als Schwerpunktgebiet für Kriminalität. In den vergangenen Tagen geriet es noch einmal nachdrücklich in die Schlagzeilen, nachdem es gleich zwei schwerwiegende Vorfälle gab: Jennifer West, Sängerin der Rockband Jennifer Rostock, berichtete über Facebook, wie ein amerikanischer Freund von einem Taschendieb mit einem Messer am Hals verletzt wurde.

Touristen aus Holland verprügelt

In der gleichen Nacht wurden zwei Touristen aus Holland krankenhausreif geprügelt, auch sie wollten Taschendiebe abwehren. Aber nicht nur die zunehmend skrupelloser agierenden Taschendiebe haben das RAW-Gelände und die anliegenden Straßen in Verruf gebracht, es ist längst auch zu einem bekannten Drogenumschlagplatz geworden.

Was Touristen aber nicht hindert, das RAW ganz zielgerichtet zu besuchen. „Es ist ein Muss“, sagt ein Engländer, der am frühen Nachmittag mit seiner Freundin über das Gelände streift und mit dem Handy die mit Graffiti bedeckten rotgeklinkerten Mauern fotografiert. Auch andere haben das RAW auf ihrem Sightseeing-Plan: Ein Fahrradkonvoi mit Leihrädern nebst Reiseführer, der auf Englisch Rolle und Bedeutung des RAW erklärt; Familien mit Kindern und Picknickkorb und immer wieder Pärchen. Eines zieht sich einen Flyer aus einem Kasten vor dem „Badehaus“. Ab 21 Uhr ist hier eine Musiknacht geplant. Die Restaurants sind trotz des guten Wetters zu dieser Zeit noch spärlich besetzt. Auch im „Haubentaucher“, der mit Abstand exklusivsten Adresse auf dem RAW, gibt es kaum Gäste.

Wer vorbeikommt und einen Blick hineinwirft, bekommt von einem breitschultrigen Türsteher einen Prospekt in die Hand gedrückt. Mit „Berlins schönstem Swimmingpool“, wird geworben, „ein urbanes Sundeck im Stil der Côte d’Azur in den 60er-Jahren“. Der gebürtige Russe mustert jeden Gast sehr genau. „Wir wollen unser Niveau halten“, sagt er. „Gäste beschweren sich immer wieder, dass sie von Drogendealern angesprochen werden.“ Inzwischen gäbe es aber sogar schon Listen und Fotos von Personen, die auf dem RAW Platzverbot haben. „Aber wir erkennen die auch so“, sagt er, grinst, und zeigt zum wenige entfernten Haupteingang an der Revaler Straße. Dort steht eine Gruppe junger Männer. Sie reden aufgeregt durcheinander, sprechen vorbeilaufende Passanten aber nicht an. Jedenfalls zu dieser Zeit noch nicht. Über ihnen schwebt eine Marihuanawolke. Einer von ihnen, an der bunten Jacke und der Statur zu erkennen, ist der schmächtige Dealer, der acht Stunden später von Polizisten beim Drogenhandel ertappt werden wird.

Seinen Reiz, der in den sozialen Netzwerken gefeiert wird und der so viele junge Menschen hierher lockt, bekommt das RAW erst nach Einbruch der Dunkelheit. Am U-Bahneingang Warschauer Straße singt ein zierliches blondes Mädchen namens – so steht es auf einem Pappschild – Alice Phoebe Lou. Sie spielt dazu mit einer Konzertgitarre. Mehr als 60 Leute lauschen fasziniert der verblüffend kräftigen Stimme. Am nächsten Eingang sitzt – wieder laut Pappschild – der „Strawberry-Man“. Er fabriziert mit einem merkwürdig gebogenen Blasinstrument kehlige Töne. Auch ihm hören viele zu. Auch bei ihm klappert es in der Spendenkasse.

In der Revaler Straße untersuchen Polizisten derweil mit Taschenlampen Mauervorsprünge nach Drogen ab. Auch unter parkenden Autos wird nachgeschaut. Und sie werden fündig: Ein Beamter hält einen kleinen, mit papierumwickelten Kugeln gefüllten Beutel hoch. „Wahrscheinlich Heroin“, sagt er.

Es geht gen Mitternacht. Das mit Lichterketten beleuchtete RAW-Gelände ist jetzt sehr belebt. Fast ausnahmslos sind es sehr junge Leute, die mit einer Bier- oder Weinflasche in der Hand über den Platz streifen und Klubs, Bars, Kunsträume besuchen. Marihuanawolken gibt es jetzt öfter mal. Und junge Männer, die jeden, der vorbeiläuft, mit ihren Blicken regelrecht scannen. „Das sind absolute Profis“, erklärt ein Mann, der sich Klausi nennt, Verkäufer an einem Imbissstand: „Die sehen genau, wer betrunken ist und wo er seine Brieftasche hat. Das geht dann alles sehr schnell. Die Beute wird weiter gereicht. Da kannst du schwer einen auf frischer Tat erwischen.“ Er habe auch schon beobachtet, wie ein Gast einen Taschendieb verfolgen wollte, „und der beim Wegrennen hinter sich mit Pfefferspray sprühte.“ Die schlimmste Zeit sei am Freitag und am Sonnabend, so ab drei Uhr.

Das kann ein großer kräftiger Mann in der Uniform eines Flugkapitäns nur bestätigen. Er heißt Sven und ist Promoter. An diesem Abend verteilt Sven Flyer für eine Clubveranstaltung am Freitag. Wer sich als Stewardess oder Pilot verkleidet, muss beim Eintritt nur die Hälfte zahlen. Sven fände es gut, wenn es hier mehr Polizei gäbe: „Am besten wäre es, wenn die hier ständig Präsenz zeigen würden“, sagt er. „Die brauchten doch einfach nur einen Polizeibully aufs Gelände zu stellen.“ Zwei Tage zuvor hat Sven auf dem Nachhauseweg unliebsame Erfahrungen gemacht. „Die waren plötzlich um mich herum, Taschendiebe, einer hat mich angefasst. Ich habe ihm klipp und klar gesagt, dass ich ihm eins gegen die Birne haue. Das hat gereicht.“

„Die wollen einfach nur Spaß“

Ein gutes Rezept sind derartige Reaktionen nicht: „Das kann auch schnell schiefgehen“, sagt ein Türsteher. „Die kennen ja keine Fairness, da kommen dann einfach mehrere und greifen an, da hast du keine Chance.“ Er setze da mehr auf gemeinschaftliche Aktionen: Ob Klub oder Diskothek, Kino, Trendsportstätte oder Pooldeck, jede Einrichtung habe inzwischen eigene Securityleute, die beim Einlass kontrollieren und für Ruhe und Ordnung sorgen. „Gibt es großen Stress“, sagt der Türsteher, „dann kommt sofort Verstärkung von den anderen. Wir sind alle per Funk vernetzt.“ Das habe auch dafür gesorgt, dass sich die Kriminalität nicht direkt auf dem RAW-Gelände, sondern in den Straßen davor abspiele.

Dort verlagern die Taschendiebe ihren Einsatzort „inzwischen sogar schon dreist direkt ins Lokal“, sagt Franz Josef Steiner, Inhaber des Restaurants „Mutzenbacher“ in der Libauer Straße. In der Nacht zuvor sei in einem anderen Lokal einem Kellner, der nur mal kurz telefonierte, aus dem Regal „die Brieftasche mit den Tageseinnahmen gestohlen“ worden. Steiner hat einen Brief an den Regierenden Bürgermeister geschrieben, in dem er Michael Müller auffordert, „die gefährdeten Stadtteile nicht im Stich zu lassen“. Man brauche „dringend einen runden Tisch von Politik, Polizei, Wirten, Hoteliers und Shopbesitzern, um die Probleme zu lösen“.

Es ist jetzt nach zwei Uhr. Und immer noch strömen junge Leute durch die Eingänge, um den Tag hier zu beginnen oder zu beenden – je nach Sicht. „Die wollen doch einfach nur ihren Spaß haben“, sagt ein Pizzabäcker, der seinen Stand gleich neben dem Eingang hat. Schräg über seinem Stand hängt an einer Fassade ein großes Transparent: „15 Jahre RAW, wie geht’s weiter ...“