Berliner Luft

"Berliner Luft" bedeutet für die Philharmoniker Urlaub

Zum Saison-Ende spielen die Philharmoniker "Berliner Luft" - aber warum? Eine Spurensuche mit den Ersten Geiger des Orchesters.

Geiger Peter Brem in seiner Berliner Wohnung

Geiger Peter Brem in seiner Berliner Wohnung

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Es gehört zum Wesen eines Mythos, dass man ihn nicht wirklich erklären kann. So wie den Klang der Berliner Philharmoniker. Musik ist ja vollkommen verständlich und zugleich vollkommen unerklärlich. Beschäftigen wir uns also lieber mit einer vermeintlich einfachen Frage: Seit wann spielt das Orchester, das zu den besten der Welt zählt, zum Saisonabschluss bei ihrem Open-air-Auftritt in der Waldbühne die „Berliner Luft“ zum Schluss?

Die Pressestelle sagt, dass das wahrscheinlich niemand so genau weiß. Ende der 80er-Jahre soll dieses populäre Stück aus Paul Linckes Operette „Frau Luna“ erstmals als Zugabe gespielt worden sein. Weil aber nur das reguläre Programm im Notenarchiv erfasst, also dokumentiert ist, sind weder der Zeitpunkt noch der die Tradition begründende Dirigent dokumentiert.

Einer, der es wissen könnte, ist Peter Brem, Erster Geiger, seit 1970 bei den Berliner Philharmonikern und damit einer der dienstältesten Musiker im Orchester. Brem hat als 18-Jähriger das Probespiel bestanden. Er hat in diesen 45 Jahren drei Philharmoniker-Chefdirigenten – Herbert von Karajan, Claudio Abbado und Sir Simon Rattle – und zahlreiche Waldbühnenauftritte erlebt. An die drei Herren kann er sich sehr gut erinnern, nicht aber ans Jahr der „Luft“-Premiere. Auch er tippt auf Ende der 80er-Jahre.

Es ist ja auch bei den Philharmonikern so, dass die Männer am Pult wechseln. Mal dirigiert ein Gast, mal der Chef. Auch, wenn der wegen des Volksfestcharakters der Veranstaltung fremdelt. So wie Claudio Abbado. Der Italiener wurde im Oktober 1989 von den Berliner Philharmonikern als Künstlerischer Leiter des Orchesters zum Nachfolger Herbert von Karajans gewählt. Ein Zeitenwechsel. Abbados offenes Musizierverständnis stand im Kontrast zum eher autoritären Auftreten Karajans.

Konflikt mit Claudio Abbado

Abbado, für den „Musik etwas Religiöses hatte“, wie Brem bewundernd erzählt, besprach also mit dem Orchestervorstand das musikalische Programm für den Waldbühnenauftritt. Er wollte Mahlers 4. Sinfonie. Die Musiker hatten Bedenken, „über eine Stunde Spieldauer, leise Stellen, traurige Stellen“ (Brem), aber „schöne Musik“, wie Abbado argumentierte. Und weil der Chef das letzte Wort hat, wurde Mahler gegeben. Die Stimmung auf der Waldbühne war bestens, eine laue Sommernacht – und mitten im Stück schallte es den Künstlern aus dem Halbrund entgegen: „Lauter! Lauter!“

Möglicherweise hat diese Erfahrung dazu geführt, dass Simon Rattle, der 2002 Abbado als Chefdirigent beerbte, in einem seiner ersten Waldbühnen-Auftritte den Bogen zum Jazz spannte. Er setzte einen Schwerpunkt auf Werke von Bernstein und Gershwin. Brem kann sich daran noch gut erinnern, weil die Rechte an diesen Stücken für diese Veranstaltung („20.000 Zuschauer, Übertragung im Radio und Fernsehen“) sehr, sehr kostspielig waren. Aber wenns der Chef will... – siehe Abbado. Zumindest gab es an diesem Abend keine Publikumsrufe nach höherer Lautstärke.

Die „Berliner Luft“ haben beide natürlich am Ende gegeben – Tradition verpflichtet. Brem weiß zwar nicht genau, wann diese begründet wurde, aber an die Intention kann er sich erinnern. Man wollte als Schlusspunkt etwas berlintypisches, „ein fetziges Stück mit Mitklatschen und -pfeifen“, sagt Brem zur Genese. „So wie der Radetzkymarsch zu Österreich und die Pomp and Circumstance-Märsche zu London gehören, gehört die ,Berliner Luft’ zu Berlin“.

Der Marsch ist ein Selbstläufer

Das im Marschrhythmus geschriebene Operettenlied stammt von Paul Lincke. Erstmals aufgeführt wurde es 1904 im Berliner Thalia-Theater im Rahmen eines abendfüllenden Zweiakters. Der verschwand bald wieder von den Spielplänen, das Lied aber startete eine eigenständige Karriere. Und schließlich integrierte Lincke die „Berliner Luft“ Anfang der 20er-Jahre in seine 1899 uraufgeführte Operette „Frau Luna“. Das Lied wurde zum Synonym eines freien Lebensgefühls in Berlin.

Geprobt wird die berühmte Zugabe übrigens nicht. Am Tag vor dem Waldbühnenkonzert findet die Generalprobe statt, ein, zwei Zugaben inklusive und die Ansage: „Und dann spielen wir noch die ,Berliner Luft“. Gewissermaßen ein Selbstläufer. Ein Dirigent wie Gustavo Dudamel „kennt das Stück wahrscheinlich gar nicht“, vermutet Brem. Als er es in der Waldbühne dirigierte, habe er sich vorne hingestellt und die Hände bewegt; den Rest erledigte das Orchester.

Einst ein volksnahes Event

Die Stimmung im Publikum ist klassischerweise zu diesem Zeitpunkt schon sehr ausgelassen. Brem mag diese Atmosphäre, idealerweise bei angenehmen Temperaturen. Und Trockenheit. Denn er sitzt in der Geigengruppe recht weit vorn, wenn es heftig regnet, bekommen er und das Instrument schon mal Wasserspritzer ab. Weil die klimatischen Bedingungen sehr schwankend sind, spielt er beim Waldbühnenkonzert nicht auf seiner Carlo-Giuseppe-Testore-Geige (gut 250 Jahre alt), sondern auf einem etwas weniger wertvollen Instrument. Er nennt es „Aquanoni“.

Auch wenn sich Peter Brem selbst als „Frischluftfanatiker“ bezeichnet, weil er Sportarten wie Golf, Tennis oder Skifahren mag – er kennt die Widrigkeiten der Draußen-Auftritte: Bei nasskalten 16 Grad kommt man nicht so gut auf Touren. Und weil die Waldbühne in einer Senke liegt und beim Konzert viele Scheinwerfer eingeschaltet sind, lockt das dann auch viele Insekten an. Also greifen die Musiker auf bewährte Mittel zurück und sitzen dann in einer Art Autan-Wolke. Eine Herausforderung für die Nase.

Weg vom elitären Image

„Mit den Waldbühnenkonzerten gehen wir gewissermaßen fremd“, sagt Peter Brem. Die Abende haben einen ganz anderen Charakter als die Auftritte in der Philharmonie. Am Anfang stand eine Idee. Man wollte etwas weg vom elitären Image, sich öffnen für ein breiteres Publikum, Schwellenängste abbauen. Ein bezahlbares, volksnahes Event sollte es sein, Karten kosteten damals sieben D-Mark, es gab freie Platzwahl und die Verpflegung wie Kartoffelsalat, Buletten und Getränke konnte man selbst mitbringen, erzählt Brem. Diese Zeiten sind vorbei, auch, wie Brem vermutet, weil sich eine Veranstaltungs-Agentur um das Ereignis kümmert. Brem bedauert das sehr. „Wenn heute eine Familie mit zwei Kindern zu dem Waldbühnenkonzert kommt, dann sind sie schnell mit 200 oder 250 Euro dabei.“

Geblieben ist der Platz im Veranstaltungskalender. Auch deshalb ist die Stimmung im Orchester bei diesem Auftritt entspannter als sonst. Die „Berliner Luft“ ist der „Rausschmeißer“, es wird immer als letzte Zugabe gegeben, das wisse auch das Publikum, sagt Brem.

Und das Orchester weiß: „Mit dem letzten Ton beginnt der Urlaub.“

Berlin! Hör’ ich den Namen bloß,

da muss vergnügt ich lachen!

Wie kann man da für wenig Moos

den dicken Wilhelm machen!

Warum lässt man auf märk’schem Sand

gern alle Puppen tanzen?

Warum ist dort das Heimatland

der echte Berliner Pflanzen?

Das ist die Berliner Luft Luft Luft,

so mit ihrem holden Duft Duft Duft,

wo nur selten was verpufft pufft pufft,

in dem Duft Duft Duft

dieser Luft Luft Luft. Ja ja ja:

Das ist die Berliner Luft Luft Luft,

so mit ihrem holden Duft Duft Duft,

wo nur selten was verpufft pufft pufft,

Das macht die Berliner Luft.

Ich frug ein Kind mit jelbe Schuh:

Wie alt bist du denn, Kleene?

Da sagt sie schnippisch: „Du? Nanu,

ick werd’ schon nächstens zehne?“

Doch fährt nach Britz sie mit Mama’n

da sagt die kleine Hexe

zum Schaffner von der Straßenbahn:

Ick werd’ erscht nächstens sechse!

Ja ja! Ja ja! Ja ja ja ja!

Das ist die Berliner Luft Luft Luft,

so mit ihrem holden Duft Duft Duft,

wo nur selten was verpufft pufft pufft,

in dem Duft Duft Duft

dieser Luft Luft Luft. Ja ja ja:

Das ist die Berliner Luft Luft Luft,

so mit ihrem holden Duft Duft Duft,

wo nur selten was verpufft pufft pufft,

Das macht die Berliner Luft.

Der richtige Berliner gibt sich

gastfrei und bescheiden.

Drum ist er überall beliebt

und jeder mag ihn leiden.

Wenn sonst man „Mir kann keener“ sagt

so sagt in jedem Falle

wenn’s dem Berliner nicht behagt

er sanft: „Mir könn’se alle.“

Ja ja! Ja ja! Ja ja ja ja!

Das ist die Berliner Luft Luft Luft,

so mit ihrem holden Duft Duft Duft,

wo nur selten was verpufft pufft pufft,

in dem Duft Duft Duft

dieser Luft Luft Luft. Ja ja ja:

Das ist die Berliner Luft Luft Luft,

so mit ihrem holden Duft Duft Duft,

wo nur selten was verpufft pufft pufft,

Das macht die Berliner Luft.

Aus der Operette „Frau Luna“,
Musik: Paul Lincke, Text: Heinrich Bolten-Baeckers

>>> Alle Teile der Serie "Berliner Luft" finden Sie hier <<<

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