Berliner Luft

Wird es immer heißer in Berlin? Fakten zum Hauptstadt-Wetter

Mal ist die Berliner Luft warm, mal kalt. Wie die Meterologen das Wetter erforschen - und Vorhersagen entstehen. Fragen und Antworten.

Schöner kann ein Stadtpanora nicht sein: Die Skulptur „Molecule Men“  zwischen Friedrichshain und Kreuzberg

Schöner kann ein Stadtpanora nicht sein: Die Skulptur „Molecule Men“ zwischen Friedrichshain und Kreuzberg

Foto: Paul Zinken / dpa

Auch am Donnerstag ist es wieder sehr warm geworden: 28 Grad wurden in Berlin schon am Vormittag erreicht, der Himmel war wolkenlos. Am Wochenende sollen die Temperaturen sogar noch höher steigen. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet bis zu 36 Grad. Viele Berliner haben deshalb das Gefühl: Es wird mit den Jahren immer heißer in Berlin. Aber stimmt das auch?

Der Hitzerekord in Berlin stammt vom 11. Juli 1959 in Tempelhof mit 38,1 Grad. Zur gleichen Zeit wurden an der Wetterstation der Freien Universität Berlin (FU) in Dahlem 37,8 Grad gemessen. Der Rekord in diesem Jahr wurde am 4. Juli gemessen: 37,9 Grad in Dahlem. „Bei dieser Abweichung streiten die Meteorologen darüber, ob es nur eine Messungenauigkeit war. Eindeutig ist dieser Unterschied nicht“, sagt Meteorologe Jörg Riemann. Riemann studierte 1989 an der Humboldt-Universität in Berlin. Seit 1994 ist er Meteorologe. Momentan arbeitet er beim Wetterdienst Meteogroup in Adlershof. Die Natur hat Grenzen, glaubt er. Irgendwann würde es nicht mehr wärmer werden können. „Ich glaube, dass die jeweiligen Wetterlagen in der Zukunft länger andauern werden“, sagt er aber.

Wie entsteht eigentlich das Berliner Wetter?

Die Wetterlagen des Atlantiks prägen zu 75 Prozent die Wetterlagen in Berlin. In den andern 25 Prozent der Fälle kommt das Wetter aus dem heißen Nordafrika oder dem Mittelmeerraum. Dann können bei uns Temperaturen bis zu 40 Grad herrschen. Kommt unser Wetter jedoch aus dem kalten und trockenen Russland, wird es eisig kalt.

Dominiert wird das Berliner Wetter aber eben vom Atlantik, von wo westliche Luftströmungen zu uns kommen. Das liegt an der Drehung der Erde und an den Breitengraden. Riemann erklärt die komplizierte Entstehung so: Über dem Atlantik treffen warme Luftströmungen aus dem Süden auf kalte Luftströmungen aus dem Norden aufeinander. Dadurch entsteht ein Tiefdruckgebiet. Dieses gelangt dann durch die westlichen Luftströmungen nach Berlin. Deshalb ist das Wetter in Berlin vor allem durch Tiefdruckgebiete dominiert. „Das ist ganz stinknormales Wetter, besondere Wetterphänomene gibt es hier nicht“, sagt Riemann. Das bedeutet, dass die Sommer und die Winter gemäßigt sind. „In Berlin sind keine minus 20 Grad zu erwarten“, so Riemann.

Wird das Wetter extremer?

Solange die Westwinde vom Atlantik kommen, nicht. Dass uns jedoch Extreme auffallen, hat andere Gründe. Etwa Tornados haben in Berlin nicht zugenommen, es gab früher genau so viele Tornados wie heute. Doch damals waren weniger Flächen bebaut und die Menschen haben die Winde möglicherweise seltener mitbekommen. Heute gibt es mehr bebaute Flächen und wenn ein Tornado auftaucht, dann trifft er eben auch häufiger auf Bebauung und richtet Schäden an. Außerdem hat heute jeder die Möglichkeit, eine solche Beobachtung aufzuzeichnen. Wir bekommen Tornados also häufiger mit.

Wie ist das Berliner Wetter?

In Berlin fallen im Jahr durchschnittlich knapp 600 Liter Regen. Dies ist der Mittelwert von 30 Jahren. Wie an der Wetterstation in Dahlem gemessen wurde, scheint 220 Stunden im Jahr die Sonne. In Schönefeld dagegen scheint sie 209 Stunden jährlich. Nach Osten hin nehmen Sonnenstunden ab. In den vergangenen Jahrzehnten gab es zudem immer wieder Besonderheiten bei Sonnenstunden, Niederschlag, Schnee oder Wind (siehe Infokasten).

Wie wird das Wetter gemessen?

Seit gut 100 Jahren wird das Wetter mit modernen Messgeräten beobachtet, sodass es vergleichbar ist. Als erste Wetterstation in der Region Berlin wurde 1893 die Station in Potsdam eröffnet. Die ersten Messversuche gab es schon Ende des 18. Jahrhunderts. Zu diesem Zeitpunkt wurden aber andere Methoden verwendet als heute. Erst seit 1951 wird auch die Sonneneinstrahlung gemessen. Heute gibt es im Raum Berlin 14 Wetterstationen, inklusive der Station am Flughafen Schönefeld. Die meisten sind reine Automaten. Seit 1908 wird auch in Dahlem das Wetter gemessen. 24 Stunden am Tag wird hier von dem 1984 bezogenen Turm das Wetter beobachtet. Die FU ist die einzige Universität, die hier eine international meldende Wetter- und Klimastation betreibt.

Gemessen wird mit technischen Geräten – etwa die Temperatur. Aber auch mit dem menschlichen Auge. Dazu zählt unter anderem die Menge der Wolken, die Wolkenart, die Sichtweite und die genaue Art des Niederschlags. Alle Wetterereignisse werden in einem „Tagebuch“ erfasst. Bereits ein nur vierminütiger Regen muss dort genannt werden.

Einmal stündlich meldet das Institut die Wetterbeobachtung an den Deutschen Wetterdienst. Jede Wetterstation auf der Welt sendet zur gleichen Zeit Informationen an die jeweilige Landeszentrale. Diese Daten werden dann weltweit ausgetauscht, dies ist für die weltweiten Vorhersagen nötig. Damit alle sich verständigen können, gibt es einen Zahlencode. Die aktuelle Wetterlage wird also in Zahlen übersetzt und dann verbreitet. Das weltweite Messnetz ist die Voraussetzung für alle Prognosen.

Wie entstehen Wettervorhersagen?

Das Wetter wird also beobachtet, um eine Vorhersage machen zu können. Der Istzustand ist die Basis. Alle sechs Stunden gibt es eine neue Wettervorhersage von verschiedenen größeren Wetterdiensten auf der Welt. Weltweit gibt es mehr als 10.000 Wetterstationen, die aber unregelmäßig verteilt sind. Auf den Ozeanen gibt es zum Beispiel deutlich weniger als auf den Kontinenten.

Um eine Wettervorhersage für jeden Ort machen zu können, sind komplizierte mathematische Rechnungen notwendig. Vereinfacht gesagt, funktioniert dies so: Das Wetter für ein regelmäßiges Gitternetz, das die Erde dreidimensional umspannt, wird berechnet – etwa in einem Abstand von 20 mal 20 Kilometern. Dies ist noch immer zu grob, um etwa Gewitter vorherzusagen. Deshalb werden hier Annahmen, die auf Erfahrungen beruhen, gemacht. „Weil es in der Vergangenheit bei ähnlichen Wetterlagen in rund 70 Prozent der Fälle jene Entwicklung gab, gehen wir davon aus, dass es auch jetzt zu etwa 70 Prozent diese Entwicklung geben wird. Das bedeutet, dass nur die Wahrscheinlichkeit für bestimmte Entwicklungen, etwa ein Gewitter, genannt werden kann. Ob tatsächlich ein Gewitter Berlin erreicht, kann erst wenige Stunden vor dem Eintreffen ermittelt werden“, erklärt Thomas Dümmel, Leiter der Arbeitsgruppe „Meteorologische Informations- und Kommunikationssysteme“ im Institut für Meteorologie der FU Berlin

Heutige Wettervorhersagen werden vom Computer für die nächsten zehn bis 14 Tage gemacht. Für kurzfristige Voraussagen wird das aktuelle Wetter vor Ort zur Grundlage genommen. Die Ergebnisse von verschiedenen Wettervorhersagemodellen müssen dabei eingeschätzt, die wahrscheinlichste Vorhersage ausgesucht werden.

Unter welchen Bedingungen wird das Wetter gemessen?

In der Wetterhütte im Garten des Meteorologischen Instituts der FU werden die Temperatur und die Feuchte gemessen. „Damit sich die Hütte nicht aufheizen kann, ist sie weiß und hat an den Seiten nur Lamellen, durch die Wind wehen kann. So wird es durchlüftet“, sagt Thomas Dümmel. „Die Tür der Hütte geht nach Norden auf, zur sonnenabgewandten Seite.“ Das ist wichtig, damit die Temperatur nicht verfälscht wird. Der 61-jährige Berliner Dümmel studierte bereits in den 70er-Jahren an der FU das Fach Meteorologie. „Die Informationen werden in die Wetterwarte im Turm fernübertragen“, sagt er.

Die Aufzeichnungen ergeben, dass das Wetter in diesen Tagen kaum eine Besonderheit ist. Die meisten aufeinanderfolgenden Sommertage herrschten etwa im August 1997. Dort wurde an 26 Tagen Grad und mehr gemessen. Der früheste erste Sommertag war der 30. März 1968. Ähnliches gilt für besondere Kälte: Von Dezember 1962 bis März 1963 gab es 80 Frosttage. Zu keiner anderen Zeit wurden mehr aufeinanderfolgende Tage mit einer Minimumtemperatur von unter null Grad festgestellt.

Der Niederschlag wird neben der Wetterhütte gemessen, von sogenannten „Regenwächtern“. Ein solches Gerät hat die Form des Buchstaben „U“. Zwischen den Enden befindet sich eine Lichtschranke. Wenn ein Tropfen durch die Schranke fällt, gibt es ein Signal. Dieses Signal wird auch registriert, wenn ein Blatt durchfällt. Der Wetterbeobachter in der Warte muss die Daten des Wächters deshalb prüfen.

Funktioniert eine Wettervorhersage ohne Menschen?

„Es gibt Versuche, den Menschen immer weiter zu ersetzen. Aber der Niederschlag kann bisher nicht ausreichend gut automatisch bestimmt werden. Manchmal wird Wasser von Dächern verweht und Geräte registrieren Regen, dabei fällt kein Niederschlag“, sagt Dümmel. Die menschlichen Beobachtungen sind wichtig. Was passiert zum Beispiel am Boden mit dem Niederschlag? Gefriert er? Müssen die Schneefahrzeuge auf der Autobahn Salz streuen oder die Straßen freiräumen? Auch die Schneehöhe muss an repräsentativer Stelle gemessen werden – und mit Hilfe des Menschen. Denn zum Beispiel Wind kann Schnee auftürmen oder verwehen. Thomas Dümmel: „Ohne Menschen in den Wetterstationen gibt es noch zu viele Fehler, die kaum bereinigt werden.“ Wenn der Flughafen Tegel und somit auch die Wetterstation dort geschlossen wird, dann ist Dahlem die einzige bemannte Wetterstation in Berlin und der DWD hat keine bemannte Wetterstation mehr in Berlin. Die Automatisierung sei vor allem kostengetrieben, so Dümmel. Die Ökonomisierung sei oft zu schnell, weil die Geräteentwicklungen noch nicht so fortgeschritten seien. Dadurch bestehe die Gefahr, dass Vorhersagen und Wetterwarnungen beeinträchtigt werden.

Und wie ist das Wetter in der Zukunft?

Über langfristige Prognosen wollen die Meteorologen heute noch nicht spekulieren. „Was in 50 Jahren sein wird, kann man nicht sagen. Es ist unklar, welche Möglichkeiten und welche Entwicklungen sich bis dahin ergeben“, sagt Meteorologe Jörg Riemann. Bei Prognosen, dass es in 50 Jahren viel wärmer sein solle als heute, winkt er ab. „So einfach ist das nicht“, sagt er. Dafür gäbe es zu viele Zusammenhänge, die noch nicht erforscht seien.

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