Berliner Luft

Warum Kunst besonders gute Luft braucht

Alte Bilder müssen in den Berliner Museen erhalten bleiben. Sie stecken deshalb in einem eigenen Klimarahmen.

Viele Bilder werden in einem sogenannten Klimarahmen aufbewahrt. Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden darin möglichst gleich gehalten. Das ist wichtig für die Erhaltung der Werke

Viele Bilder werden in einem sogenannten Klimarahmen aufbewahrt. Luftfeuchtigkeit und Temperatur werden darin möglichst gleich gehalten. Das ist wichtig für die Erhaltung der Werke

Foto: Amin Akhtar

Draußen ist es warm. Die Touristen am Potsdamer Platz schwitzen. Aber im Kupferstichkabinett im Kulturforum herrschen angenehme 20 Grad und etwa 50 Prozent relative Luftfeuchtigkeit. Immer. Den ganzen Tag. Das ganze Jahr. Die Luft fühlt sich sauberer an. Das hat einen Grund: Die meisten Schadstoffe wurden heraus gefiltert.

„Die Kunstwerke brauchen stabile Klimaverhältnisse, damit sie möglichst lange in ihrem Zustand erhalten bleiben,“ erklärt Georg Josef Dietz. Er ist Sprecher des Arbeitskreises der leitenden Restauratoren der Staatlichen Museum zu Berlin. Das Gremium kümmert sich um die Erhaltung der Sammlungen der Häuser, es konserviert, restauriert – und forscht.

Die Luft im Kupferstichkabinett ist besonders sauber, hat aber ansonsten eine ähnliche Zusammensetzung wie die Luft draußen, am Potsdamer Platz. „Das Museum ist ein idealer Rückzugsort, wenn es draußen zu heiß oder zu kalt sein sollte, und natürlich kann man sich dort dem Kunstgenuss voll hingeben“, schwärmt der 34-jährige Dietz. Er stammt eigentlich aus Schweinfurt und hat in Stuttgart Konservierung und Restaurierung von Kunstwerken auf Papier, Archiv- und Bibliotheksgut studiert.

Seit dem Jahr 2009 ist er nun Chefrestaurator am Berliner Kupferstichkabinett. Als Leiter der Abteilung Konservierung/Restaurierung ist er für die Erhaltung der Sammlung von Kunstwerken auf Papier und Pergament verantwortlich. „Dabei spielt in erster Linie einmal die Erhaltung, also Konservierung der Sammlung als Ganzes eine sehr wichtige Rolle“, sagt Dietz. „Was nützt es, wenn man sich wochenlang der Restaurierung eines einzelnen Objektes widmet und darüber die Erhaltung der übrigen Sammlung vergisst?“ Eine gute Frage.

Das Kupferstichkabinett bewahrt eine Sammlung von etwa 660.000 Kunstwerken auf Papier aus zehn Jahrhunderten. Dazu gehören unter anderem Zeichnungen, Holzschnitte – und eben Kupferstiche. Etwa alle drei Monate gibt es eine neue Ausstellung im Kabinett, weil immer nur einige Exemplare aus der Sammlung im Ausstellungsraum gezeigt werden können. Bei der derzeit laufenden Sommerausstellung „Wir kommen auf den Hund“ kann der Besucher momentan Hundedarstellungen aus den vergangenen 600 Jahren besichtigen.

Ein Klimarahmen zum Schutz

Die Werke im Ausstellungsraum des Kupferstichkabinetts sind alle verglast. So kann der Betrachter mit der Nase ganz nah bis an das Bild gehen. Das Glas schützt die empfindlichen Originale vor Schadstoffen aus der Luft, vor Staub – und vor den Besuchern. Der Raum ist fensterlos, da auch das Licht einen Schaden anrichten könnte: Die Werke könnten verblassen.

Ein Ausstellungsstück ist eine Skizzenbuchseite, die der Maler und Mathematiker Albrecht Dürer auf seiner Reise in die Niederlande in den Jahren 1520 und 1521 bezeichnet hat. Auf dem Papier findet sich zunächst eine Grundierung. Eine Mischung aus Bleiweiß, Knochenmehl und einem Bindemittel, was zu einem Brei verrührt und auf Papier gestrichen wurde. Diese Grundierung war seinerzeit notwendig, um mit einem Silberstift darauf zeichnen zu können. Papier ist ein flexibles Grundmaterial und verändert seine Dimension bei wechselnder Luftfeuchtigkeit. Die Grundierung dagegen ist sehr spröde und könnte abplatzen, wenn sich das Papier dehnt. Das ist heute, fast 500 Jahre später, die Herausforderung.

Damit möglichst wenig Umwelteinflüsse und Schadstoffe an das kostbare Werk kommen und eine gleichbleibende Luftfeuchte herrscht, steckt die Zeichnung deshalb in einem besonderen Rahmen. Dieser nennt sich Klimarahmen und ist quasi ein hermetisch abgeriegelter Raum. In dem Rahmen befinden sich drei Päckchen mit sogenanntem Silika-Gel, das die Feuchtigkeit in dem Rahmen regelt. Dieser Stoff sieht in etwa aus wie kleine braune Steinchen. Wenn es im Rahmen zu trocken ist, gibt das Gel Feuchtigkeit ab. Wenn es zu nass ist, nimmt es Feuchtigkeit auf.

Man kennt Silika-Gel aus Verpackungen von Elektrogeräten, Taschen oder Schuhen. Dort sind oft kleine weiße Pakete mit einem roten Warnzeichen drauf enthalten – das Silika-Gel. Für Werke auf Papier, wie die Skizzenbuchseite von Dürer, ist eine relative Luftfeuchte von 48 Prozent optimal. Außerdem hat der Klimarahmen eine spezielle Scheibe, die die UV-Strahlung filtert. Welches Klima gerade Rahmen herrscht, können die Restauratoren an einem kleinen Gerät auf der Rückseite überprüfen. Es zeigt alle bedeutenden Werte an.

Das alles ist wichtig, denn schlechte Luft kann ernste Schäden anrichten. Bei einer Entwurfsskizze des Genueser Malers Bernardo Castello aus der Zeit um 1600 ist eine sogenannte Bleiweißverschwärzung zu erkennen. Castello zeichnete seinerzeit auf hellblauem Papier, unter anderem mit Bleiweiß. Wird dieses Pigment, das ganz besonders weiß ist und deshalb gern verwendet wurde, in einem wässrigen Bindemittel angerührt, verdunstet das Wasser später. Die in der Luft enthaltenen Schadstoffe können dann die weißen Pigmente direkt angreifen.

Und das hat dann Folgen: Bleiweiß, was chemisch gesprochen ein basisches Bleicarbonat ist, reagiert mit dem Schwefel aus Luft zu Bleisulfid und verfärbt sich. An den Stellen, wo Castello viel Farbe aufgetragen hat, ist das Bleiweiß heute rosa. Wo er weniger aufgetragen hat, ist es nun schwarz. An den heutigen Farben lassen sich die Schädigungsstufen ablesen: Das Bleiweiß verfärbt sich erst gelblich, dann rosa, wird zu grau und ist am Ende schwarz. Die schwarzen Stellen sind durch die Luft also am schlimmsten beschädigt. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses hänge von verschiedenen Faktoren, wie die Temperatur, Luftfeuchtigkeit und der Menge an schwefelhaltigen Schadstoffen, ab. Chefrestaurator Dietz geht davon aus, dass das Werk wahrscheinlich schon seit es erworben wurde, in dem gleichen Zustand ist.

Unumkehrbar sind die Verfärbungen aber nicht. „Es ist tatsächlich möglich den Schaden zu restaurieren“, sagt Dietz. „Allerdings muss man sich dabei eines Kunstgriffs bedienen und verändert die chemische Struktur des Pigments für immer. Man erhält ein anderes, aber eben wieder weißes Pigment, nämlich Bleisulfat.“ Der Eingriff könne sogar so erfolgen, dass die Oberflächenstruktur des Pinselstrichs nicht verändert werde. „Es ist allerdings eine sehr risikoreiche und invasive Behandlung, deren Vor- und Nachteile sehr gut abgewogen werden müssen“, erklärt Dietz.

Besondere Reinigung der Luft

Nicht nur im Ausstellungsraum des Kupferstichkabinetts ist besonders klimatisierte und gefilterte Luft notwendig. Überall wo Kunstwerke sind, muss es die gleiche Luft geben, also auch im Sammlungsmagazin, wo die meisten Werke aufbewahrt werden. Deshalb ist die Berliner Luft in der angrenzenden Gemäldegalerie besonders aufbereitet. Und das funktioniert so: Die Luft wird von außen angesogen und von Staub, Pollen und zum Beispiel von Schadstoffen wie Schwefeldioxid gereinigt.

Welche Schwierigkeiten durch die Luft noch entstehen können, zeigt das berühmte Bildnis des Kaufmanns Georg Gisze des Künstlers Hans Holbein dem Jüngeren. Das Werk hängt ebenfalls in der Gemäldegalerie und stammt aus dem Jahr 1532. Es wurde auf einer Tafel aus zusammengeleimten Holzplatten gemalt. Holz nimmt – ähnlich wie Papier, aber viel langsamer – Wasser aus der Luft auf und dehnt sich dann aus. Anders auf die Feuchte in der Luft reagieren jedoch die darauf aufgetragenen Farbschichten: Sie dehnen sich nur gering aus. Durch die unterschiedlichen Reaktionen der Holzplatten und der Malerei entstehen Spannungen. Die Gefahr: Die Malschicht könnte sich vom Holz abheben. Auch hier sind deshalb gleichbleibende Klimaverhältnisse notwendig, damit genau dies verhindert werden kann.

Ideal für die Luft sind hier deshalb 50 Prozent Luftfeuchtigkeit und eine Temperatur von 20 Grad. „Dies ist ein Kompromiss zwischen Papier, dass vielleicht bei 45 Prozent Luftfeuchtigkeit gut aufbewahrt ist, und den Holztafeln, die man besser bei 55 Prozent bewahrt, damit sie nicht schrumpfen und die Malschicht sich aufwirft“, erklärt Restaurator Dietz. Eigentlich wäre aber sogar eine noch niedrigere Temperatur besser für die Kunstwerke – denn je kälter es ist, desto langsamer laufen chemische Abbauprozesse ab.

Es wäre also theoretisch optimal, wenn man die Bilder und Zeichnung im Kühl- oder im Gefrierschrank lagern würde. Nur dann könnte niemand sie mehr besichtigen. Aber es gibt auch einen anderen, logischen Grund: Bilder werden auch deshalb nicht gefroren, da beim Auftauen Kondenswasser entstehen würde. Und das würde wiederum einen großen Schaden an den Werken verursachen.

Doch trotz der aufwändigen Technik sind die idealen Klimawerte im Kupferstichkabinett nicht immer zu halten. Es gibt Schwankungen – was vor allem mit dem Wetter und der Berliner Luft draußen vor der Tür zu tun hat. Ein Beispiel: Draußen hat es geregnet. Es ist Sommer. Die Menschen haben also keine Regenjacken an, die sie an der Gardrobe abgeben könnten, sondern kommen mit feuchter Kleidung ins Museum.

Die Klimaanlage kann auf solche besonderen Situationen nicht immer schnell genug reagieren. Das Ergebnis: Die Luftfeuchtigkeit in den Räumen steigt an. „Plus fünf Prozent oder minus fünf Prozent innerhalb von 24 Stunden sind auch noch akzeptable Werte“, sagt Dietz. Wichtig sei dabei in jedem Fall, dass innerhalb von einem Tag die Feuchtigkeit um nicht mehr als fünf Prozent schwankt.

Nur wenig Frischluft

Im Kupferstichkabinett wird deshalb immer versucht, das Klima möglichst gleichmäßig zu halten. „Die frische, gefilterte, temperierte und aufbereitete Luft kommt durch die schlitzförmigen Öffnungen oberhalb der Bildzone in den Raum. Die verbrauchte Luft wiederum wird durch die schlitzförmigen Öffnungen unten abgesogen“, sagt Dietz.

Der Frischluftanteil werde gering gehalten. Gerade so, dass die Auflagen erfüllt werden und das Klima in den Räumen angenehm ist. Das ganze geht nicht ohne Finanzellen und energetischen aufwand: Für das Kühlen von Luft muss mehr Energie aufgewendet als für das Heizen. Die Temperatur verringern ist aufwendiger – und somit teurer.

Die gute Berliner Luft aus den Staatlichen Museen reist manchmal sogar in anderen Museen der Welt. Für eine Ausstellung lieh das Kupferstichkabinett kürzlich fünf Werke in die USA nach Washington D.C. aus. Die Ausstellung „Drawing with Silver and Gold: Leonardo to Jasper Johns“ lief dort drei Monate. „Sie beschäftigte sich mit dem Thema des Zeichnens mit Metallstiften und speziell dem Silberstift“, sagt Dietz. Die Leihgaben reisten natürlich inklusive ihrer Klimarahmen. Ist doch klar: Die Luft muss immer gleich bleiben – auch am anderen Ende der Welt.

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