Berliner Luft

Bei den Apnoe-Tauchern bleibt einem die Luft weg

Es geht auch ohne Berliner Luft. Apnoe-Taucher unterdrücken das Atmen, um auch ohne Flasche möglichst lange unter Wasser zu bleiben.

Apnoetauchen: Torsten Kurt übt in der Tauchzentrale in Kreuzberg

Apnoetauchen: Torsten Kurt übt in der Tauchzentrale in Kreuzberg

Foto: Christian Kielmann

Der Punkt, an dem es unangenehm wird, kommt unweigerlich. Dieser Druck in der Brust, der sich in den Bauchraum fortsetzt, die Kieferhöhlen zersprengen möchte und irgendwann die Intensität eines Schmerzes erreicht. Das Zwerchfell beginnt zu zucken, als wollte es dem Zwang nicht länger gehorchen. Als wollte es jetzt, JETZT, seinerseits den nächsten Atemzug erzwingen.

Macht das Spaß? Was, so darf man fragen, treibt Menschen, die natürlichen Funktionen ihres Körpers außer Kraft zu setzen und einfach nicht mehr Luft zu holen? Ja, findet Torsten Curdt, das macht Spaß. Nicht dieser Moment, in dem er seiner Lunge scheinbar Gewalt antut. Curdt, schlank, ohne schlaksig zu sein, kinnlange blonde Haare und eine schmale Nase unter besonnen schauenden Augen, ist kein Rekordjäger. Ihm geht es nicht ums Bezwingen, nicht um den Sieg über Naturgesetze oder Sekunden mehr, als andere schaffen.

Die Freiheit, länger unten zu sein

Nein, es geht vielmehr um die Freiheit, die ihm das Luftanhalten verschafft. Freiheit für den Taucher Curdt, wenn er sich mit der Leichtigkeit der Meeresbewohner, ohne Sauerstoffflasche und doch länger als Schnorchler, durch die Unterwasserwelt bewegt. Freiheit auch für den Kopf, der, um den Drang nach Atemluft überwinden zu können, alle Alltagsanspannung fahren lassen und die innere Ruhe zulassen muss.

Vor zwei Jahren hat Torsten Curdt bei der Tauchzentrale in Kreuzberg mit dem Apnoe-Tauchen begonnen. Ihren Namen leitet diese Sportart vom griechischen Wort für Nichtatmung, Apnoe, ab. Einen Tauchschein, um mit Hilfsgeräten in die Tiefe gehen zu können, hatte Curdt damals längst, schnorchelte im Urlaub aber auch gern. „Ich hatte dabei oft das Bedürfnis, länger unten zu bleiben, wenn ich etwas Tolles entdeckt hatte. Aber dann hatte ich keine Sauerstoffflasche dabei, und mir das Luftanhalten selbst beizubringen, das hat nicht wirklich geklappt“, sagt der 40-Jährige.

Bei der Tauchzentrale zeigt Jessica Schäfer, Trainerin fürs Freitauchen und inzwischen auch Curdts Lebensgefährtin, Anfängern wie Fortgeschrittenen die Techniken und Tricks des Apnoe-Sports. Statisches Üben heißt das, was die fünf Teilnehmer eines Schnupperkurses gerade in einem winzigen Becken praktizieren. Mit den Füßen auf einem kleinen Vorsprung in der Beckenwand stehen sie im Wasser, die Arme auf den Rand gelegt, und halten die Luft an. Eine Klammer über dem Nasenrücken dient als Hilfswerkzeug. Später werden sie dasselbe auch noch mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegend, die Beine gestreckt und die Arme entspannt herabhängend, versuchen. Schäfer hält sie mit der Hand auf dem Rücken in Ruheposition und fühlt den Körperreaktionen nach, wie den Kontraktionen des Zwerchfells, die durch den Neoprenanzug spürbar sind.

Es ist bereits Abend, deutlich nach 21 Uhr, begonnen hat der Kurs vor mehr als drei Stunden. Mit dem spontanen Wettstreit von Schuljungen – Wer schafft es länger unter Wasser? – hat das hier nichts zu tun. Bevor es ins Wasser ging, war eine längere Theorieeinheit zu absolvieren. „Damit die wissen, worum es geht und wo die Gefahren sind, selbst in der Badewanne“, sagt Jessica Schäfer.

Körper sendet Warnsignale

Um die physiologischen und neurologischen Vorgänge im Körper beim Tauchen ging es also. Um den Tiefenrausch, der durch den Einfluss von Stickstoff auf das Gehirn ab 30 Meter Tiefe auftreten kann, den Taucher in Euphorie versetzt und sein Urteilsvermögen auch über die eigenen Belastungsgrenzen einschränkt. Und es ging um das Risiko der Hyperventilation, also hektischen Atmens, vor dem Tauchen. Denn dieses kann den Kohlendioxidgehalt im Blut senken und so den Atemreiz verzögern. Was nach gewolltem Effekt klingt, ist in Wahrheit gefährlich: „Die Signale des Körpers sind überlebenswichtig“, sagt Jessica Schäfer. Nicht sie auszuschalten ist das Ziel beim Apnoe-Sport, sondern sie für eine kontrollierte Zeit zu ignorieren.

Deshalb blieben auch die fünf im Schnupperkurs, als es endlich in die Schwimmhalle ging, zunächst an Land. Durch langsames Atmen kombiniert mit mentaler Entspannung bereiten sich Apnoe-Taucher auf den Tiefgang vor. „Manches schauen wir beim Yoga oder der Atemtherapie ab“, sagt Schäfer. „Wir müssen das Rad ja nicht neu erfinden.“ Ein letztes, langes Luftholen, bis die Lungen vollgepumpt sind – und dann: Schluss. Kein Atmen mehr. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich 3 Minuten 40 schaffe“, sagt Thomas. Eine Minute lang sei er entspannt geblieben, „dann wurde es anstrengend“, erzählt Yannick. „Es tut schon früh weh, aber man kann es unterdrücken“, ist Annes Erfahrung.

Torsten Curdts persönlicher Rekord beim Luftanhalten liegt bei 4,10 Minuten.Dafür trainiert er regelmäßig einmal die Woche. Ist mal kein Wasserkontakt möglich, können Apnoe-Taucher das auch an Land tun: „Im Prinzip sogar auf dem Sofa“, sagt Curdt. Mit Atemübungen und Entspannungstechniken werden Brustkorb und Zwerchfell gedehnt. Sogenannte Sauerstoff- und Kohlendioxidtabellen, nach denen bei immer wiederkehrendem Wechsel von Atmen und Apnoe im einen Fall mit länger werdenden Atemzügen, im anderen mit länger werdenden Apnoe-Intervallen gearbeitet wird, sollen den Taucher an die Bedingungen unter Wasser gewöhnen. Denn unter dessen Druck plus Luftmangel verändert sich das Gasgemisch in der Lunge. Die Steigerung der individuellen Tauchzeiten hängt nicht nur vom Training, sondern auch von der persönlichen Verfassung ab. Körperliche Fitness spielt eine Rolle, obwohl „jeder Apnoe-Tauchen machen kann“, sagt Jessica Schäfer.

Wichtig ist darüber hinaus, nicht ständig an seine Grenzen gehen zu wollen, sich Zeit zu geben. „Es hat eine Menge mit dem Mentalen zu tun. Wenn ich vom Tag belastet bin, ist es schwieriger“, sagt Torsten Curdt. „Und wer Yoga oder Meditation macht, der hat es leichter.“ Seine Bestmarke erreicht Curdt ohnehin nur, wenn er statisch im Wasser liegt.

Yoga oder Mediation helfen

Apnoe-Taucher profitieren dabei davon, dass auch der Mensch als Landlebewesen noch Reflexe der Meeressäuger besitzt. Tauchen wir ins Wasser, wird der sogenannte Ruhenerv im vegetativen Nervensystem stimuliert, verlangsamt sich der Herzschlag, der Blutkreislauf wird zentralisiert. So steht der vorhandene Sauerstoff länger für überlebenswichtige Organe zur Verfügung.

Mit den Delfinen schwimmen

Trägt Curdt im Freiwasser die extra langen Apnoe-Flossen und regt durch Bewegung den Stoffwechsel an, ist schon nach etwa drei Minuten Schluss. „Draußen kommt es ja aber nicht darauf an, das auszureizen“, sagt Jessica Schäfer. Deshalb kann die mit und ohne Gerät erfahrene Taucherin auf Anhieb gar nicht sagen, wie lange sie dort unten bleiben könnte. Draußen, sagt Curdt, „geht es darum, was wir zu sehen kriegen“. In den Gewässern Papua-Neuguineas begegnete er einer Delfinschule, „ein knappes Dutzend Tiere. Ich weiß nicht, ob die nicht abgehauen wären, wenn ich mit der Sauerstoffflasche gekommen wäre.“

Mit den Rochen schwimmen

An eine Gruppe Adlerrochen kam er bis auf zwei Meter heran. Einen Moment schwamm er mit ihnen, dann schwenkten die großen Knorpelfische ab und verschwanden in unerreichbare Tiefen. Auch Mantarochen konnte er ohne Sauerstoffflasche eine kurze Weile begleiten. „Mit der Flasche produziert man immer Blasen, die Tiere eher vertreiben“, sagt Torsten Curdt. Außerdem erzeugt die Atmung der Gerätetaucher Schallwellen, „das Darth-Vader-Schnaufen“, sagt Jessica Schäfer und grinst.

Sie selbst erinnert sich an ein Erlebnis in einer Höhle, die sie auch schon als Taucherin mit Sauerstoffflasche besucht hatte. „Ohne Gerät kam sie mir auf einmal viel größer vor, das Erlebnis war deutlich intensiver“, sagt die 40-Jährige Kreuzbergerin.

Dass kein Apnoe-Taucher allein unterwegs sein sollte, gehört zu den ehernen Regeln des Abenteuersports. Mindestens schaut ein zweiter von oben zu und schwimmt dem Taucher auf den letzten Metern des Aufsteigens entgegen. Hat dieser sich überschätzt, wird ihm nämlich dann die Luft zu knapp. Dennoch muss er langsam auftauchen, um wegen des Druckabfalls keine Schäden zum Beispiel im Ohr zu riskieren. Auch das Sinken zuvor darf nicht zu schnell erfolgen.

Mit Hilfe von Bleigürteln regulieren die Taucher, ab welcher Tiefe ihr Gewicht die Auftriebskraft der Lungenblase ausgleicht. Musste vorher aktiv gearbeitet werden, beginnt dann der freie Fall im Wasser. „Eine Art Freiheit wie beim Fliegen, die beim Apnoe-Tauchen noch stärker ist als mit Flasche“, schwärmt Curdt.

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