Fußball-WM 2014

Der Tag, an dem die Weltmeister nach Berlin kamen

| Lesedauer: 13 Minuten
Diana Zinkler
Bastian Schweinsteiger mit dem WM-Pokal in Berlin

Bastian Schweinsteiger mit dem WM-Pokal in Berlin

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Vor einem Jahr kamen die Weltmeister nach Berlin. Die Stadt bereitete der Nationalmannschaft einen triumphalen Empfang. Wir erinnern uns.

Am Morgen des 15. Juli 2014 steht die Sonne hoch über der Stadt. Es ist ein Dienstagmorgen und alles scheint zu flimmern. Es ist aber nicht die Hitze, es ist die Spannung und Aufgeregtheit der Berliner und der Tausenden, die angereist sind, um mit der Deutschen Nationalmannschaft den vierten Weltmeistertitel in Berlin zu feiern. Und das in der ganzen Stadt.

Es ist die Spannung vor dem letzten Akt dieser fantastischen Mannschaft. Die Vorfreude vor dem letzten Mal zusammen zu feiern, zu jubeln und zu bewundern. Erst dann ist diese Weltmeisterschaft in Brasilien wirklich zu Ende. Während man in anderen Städten wie Hamburg oder Frankfurt nach dem spannenden Finale schon wieder zum Alltag übergehen muss, dürfen die Berliner noch ein bisschen weiterfreudentaumeln.

Das Ziel ist das Brandenburger Tor. Dort werden sich die Spieler wie schon 2006, nach der WM im eigenen Land, zeigen und dieses Mal wirklich feiern. Acht Jahre vorher belegten sie den dritten Platz, das Team um Jürgen Klinsmann hatte alle, aber wirklich alle mitgerissen. Die Deutschen waren zudem auch noch sehr gute Gastgeber, das Wetter spielte ebenfalls mit. Der Begriff des Sommermärchens wurde damals geprägt. Nur, ja, nur leider, es war nur der dritte Platz, den es zu feiern gab. Aber, das war okay, total okay.

2010 nach der Weltmeisterschaft in Südafrika reichte das schon nicht mehr. Die Spieler ließen über ihren Teammanager Oliver Bierhoff damals verkünden, dass sie nicht zur Fanmeile kommen wollten, um zu feiern. Denn es war wieder der dritte Platz geworden, also kein Grund mehr, sich da hinzustellen. Die Spieler waren eben nicht mehr zufrieden mit dem Titel „Sieger der Herzen“.

1954, 1974, 1990 und dann 2014. Die U-Bahnen, Busse, und S-Bahnen in Richtung Brandenburger Tor sind schon um 9 Uhr voll. Wer schlau ist, fährt mit dem Fahrrad oder geht zu Fuß. Und wer nicht zur Fanmeile kann, schaut sich die Anreise der Spieler im Fernsehen an, verfolgt heimlich bei der Arbeit diverse Liveticker im Internet, oder versucht doch noch an einer der Straßen zu warten, an denen der Bus mit der Mannschaft vorbeikommen soll.

Ein Tor für die Ewigkeit

Das deutsche Team hatte es geschafft. Zwei Tage vorher, am Sonntag, dem 13. Juli 2014, gewannen Höwedes, Khedira, Lahm, Boateng, Hummels, Podolski, Klose, Özil, Kroos, Müller, Neuer, Schürrle, Podolski und Co. vor 74.738 Zuschauern im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro 1:0 in der Verlängerung gegen Argentinien. Die Berliner Morgenpost zeigte am 13. Juli auf ihrem Titel ein Scrabble-Spiel. Aus den Nachnamen von elf Stammspielern ließ sich das Wort „Weltmeister“ legen. Diese prophetische Titelseite wurde weltweit Tausende Male geteilt.

Es war Mario Götze, der schließlich umsetzte, was ihm der Bundestrainer Joachim Löw bei seiner Einwechselung in der 88. Minute mit auf den Weg gab: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi.“ Miroslav Klose wurde für ihn ausgewechselt, der Applaus war tosend. Denn Klose war bereits im Halbfinale mit seinem 2:0 ein Geniestreich gelungen. Mit seinem 16. Tor schubste er den Brasilianer Ronaldo vom obersten Platz der ewigen WM-Torjägerliste. Er hat jetzt die meisten Tore geschossen. Dieses Halbfinale auf dem Weg zum Titel allein hätte die Mannschaft unsterblich gemacht. Die Partie endete 7:1 für die Deutschen.

Eine Gehirnerschütterung und ein Siegtor

Doch zurück zum Finale gegen Argentinien. Es war schon während es lief ein episches Spiel. Es brauchte viele Helden, und es bekam sie. Als Sami Khedira früh wegen einer Wadenverletzung ausscheiden musste und sein Ersatz Christoph Kramer auch raus musste, weil er wegen einer Gehirnerschütterung orientierungslos auf dem Platz stand, blieb alles, alles an Bastian Schweinsteiger hängen.

Dabei sollten sie zusammen den zauberhaften Lionel Messi stoppen. Er rieb sich auf, und als er in der 108. Minute am Boden lag, Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt sich über ihn beugte, Schweinsteigers Beine vor Krämpfen zuckten, Blut über sein Gesicht rann, weil er einen Cut unter dem Auge hatte, sah es schlecht aus um ihn.

Doch er kämpfte sich durch. Erst in der 113. Minute war es so weit. Schürrle startete auf der linken Seite, bediente den Offensivmann der Bayern mit einem präzisen Zuspiel. Götze nahm den Ball mit der Brust an, in vollem Lauf, und schoss ihn spektakulär mit links und im Fallen ins lange Eck des argentinischen Tores. Der Rest war pure Spannung. Dann der Abpfiff. Deutschland ist nach 24 Jahren wieder Weltmeister. „Das ist der Moment, der immer bleibt.“ So singt es Andreas Bourani in seiner WM-Hymne „Auf uns“.

Mit wackelnden Flügeln

Und nun, zwei Tage später, ist um 10 Uhr der Siegerflieger, die Lufthansa-Maschine Boeing 747-8, am Berliner Himmel zu sehen. Mit einer Sondergenehmigung fliegt der riesige Jumbojet über die Fanmeile und wackelt zur Begrüßung mit den Flügeln. Ein Pilotengruß an die Menschenmenge am Boden. Aber auch überall sonst sieht man die Maschine, die Arbeitenden schauen aus den Fenstern der Büros und machen Fotos mit ihren Handys.

Auch Andreas Bourani ist auf der Fanmeile und heizt den Fans dort ein. Sein Lied wird laut mitgesungen. Im Fußballtrikot steht er auf der Bühne. Der Moderator fragt ihn: „Ist das dein WM-Moment?“ Und er dreht sich um und sieht schon hinter sich auf der Straße des 17. Juni die Hunderttausenden, die zwar nicht für ihn hier hergekommen sind, aber mit denen er diese vier Wochen WM-Fieber geteilt hat. Er sagt: „Ja.“ Mehr kriegt er nicht raus. Denn die da hingekommen sind, strahlen, wollen feiern, feuern Energie auf die Bühne.

Gegen 11 Uhr steigt die Mannschaft am Kapelle-Ufer von einem geschlossenen in einen offenen Bus um – auf dem Dach tanzen die Spieler. Die beste Aussicht haben Arbeiter auf einem Rohbau an der Strecke. Sie hängen in ihren roten und gelben Warnwesten über der Brüstung des Baugerüsts und applaudieren. Bastian Schweinsteiger hat sich in eine Deutschlandfahne gewickelt, die er später auch auf der Fanmeile trägt.

Vorneweg fahren drei Wagen der Berliner Polizei. Schon für die Beamten gibt es La Ola. „So sehen Sieger aus“, singt die Menge, immer wenn der Bus in Sichtweite kommt. Die Spree ist verstopft, weil die Kapitäne die Touristenschiffe anhalten und ein Hupkonzert anstimmen. Selbst die Lokführer der Regionalzüge auf der Stadtbahn stoppen die Züge, damit ihre Fahrgäste dem deutschen Team zujubeln können. Der Bus fährt im Schneckentempo Richtung Brandenburger Tor. Wo gegen 11.30 Uhr nichts mehr geht, keiner kommt mehr rein. Eine Million Menschen sind auf der Fanmeile und warten.

„Weltmeisterlich und einfach nur geil“

Ein sehr bekannter Limonadenhersteller verteilt kostenlose Klatschpappen, auf denen „WM – das sind wir alle“ steht. Und in einem Bierzelt sitzen sechs Männer aus Münster. Einer sagt über seine Gefühlslage: „Weltmeisterlich, abgefahren und einfach nur geil.“ Es ist die Stimme zur Lage der Nation in diesem Moment. Er und seine Freunde tragen Trikot, Hose, Stutzen und Fußballschuhe. Einer aus Düsseldorf erklärt, warum er mitten in der Nacht dort mit dem Auto losgefahren ist und auch noch seinen Sechsjährigen mitgebracht hat: „Ich will einfach merken, dass der WM-Sieg wirklich real ist.“

Um halb eins hält der Bus an der Ostseite des Brandenburger Tors, am Hintereingang. Handykameras werden in die Höhe gestreckt. Die Masse fordert: „Wir wollen die Mannschaft sehen.“ Die lässt sich Zeit und wird vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit begrüßt. Kurz nach eins ist es so weit. Die Mannschaft betritt die Bühne.

Zuerst Jogi Löw, Hansi Flick, Andi Köpke und Oliver Bierhoff. Alle tragen ein schwarzes T-Shirt, darauf prangt eine große, schwarz-rot-goldene „1“. Löw sagt: „Ohne Euch wären wir nicht hier.“ Der Applaus für diesen Dank ist überwältigend. Und Löw setzt nach: „Wir sind alle Weltmeister!“ Jetzt beginnt die Party.

Plötzlich kam das „Gaucho-Gate“

Die Spieler kommen dann in der Folge ihrer Wohngemeinschaften auf die Bühne. Zuerst Sami Khedira, Mesut Özil, Lukas Podolski, Per Mertesacker und Jerome Boateng. Man sieht ihnen an, dass sie schon ziemlich lang gefeiert haben. Und als der Wilmersdorfer Boateng ins Mikro spricht: „Hallo Berlin. Ich bin stolz, ein Berliner zu sein“, ist das einfach nur wunderschön. Und alle sind so stolz auf den Jungen aus ihren Reihen, der es so weit gebracht hat. Philipp Lahm spricht aus, was alle fühlen: „Der Weg schon hierhin war unglaublich.“ Er könnte damit die WM und auch die Titelkämpfe 2006 und 2010 gemeint haben, aber tatsächlich bezieht er sich wohl nur auf die Busfahrt vom Flughafen.

Den ersten unfreiwilligen Höhepunkt liefert die WG um Miroslav Klose, Toni Kroos und Mario Götze. Gemeint ist das „Gaucho-Gate“. Wie war das doch gleich noch einmal? Sie kommen raus und singen: „So gehen die Gauchos, die Gauchos gehen so“, nehmen dabei eine gebückte, traurige Haltung ein. Um dann aufrecht hüpfend zu skandieren: „So gehen die Deutschen, die Deutschen gehen so.“ Was sich wohl ein paar zu unbeschwerte Sportler im Überschwang ihres Erfolges ausgedacht haben, geht daneben.

Auf dem Fanfest werden sie von der Menge gefeiert. Aber in den Medien wird noch tagelang über diesen Auftritt gesprochen. Einige argentinische Medien finden den Auftritt alles andere als lustig. Die größte argentinische Zeitung „La Vaca Loca“ titelt „Gauchogate“. Gaucho-Gate ist zwar in Zeiten schneller digitaler Verbreitung ein Thema, aber ein Jahr danach denken die meisten nur noch: Schwamm drüber.

Atemlos mit Helene Fischer

Derjenige, der den meisten Applaus bekommt, ist Bastian Schweinsteiger. Bekleidet mit der deutschen Fahne ruft er: „Wir haben uns hier alle schon 2006 gesehen, aber jetzt haben wie das Scheißding endlich. Und den vierten Stern.“ Und als Philipp Lahm auf die Bühne kommt, bringt er, umringt von seinen Teamkameraden, endlich den Pokal mit. Er bringt ihn zu den Fans. Diese Choreografie zündet.

Für einen weiteren unvergessenen Auftritt sorgt Helene Fischer: In Jeans und einem bauchfreien Trikot singt sie ihren Sommerhit „Atemlos“. Dabei ist sie stets umringt von den Spielern, es ist ihr gemeinsamer Abschlusstanz. Zum Ende macht Thomas Müller mit den Fans das beliebte „Humba Humba Täterää“.

Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach sagt: „Ich wüsste nicht, was dieses Wirgefühl in unserem Land stärker auslösen könnte als diese Fußball-WM.“ Tatsächlich gleicht der Empfang einem Staatsereignis. Die Handynetze rund um das Brandenburger Tor brechen zusammen, es herrscht Ausnahmezustand. Nach gut einer Stunde ist die Show vorbei. Und Lukas Podolski spricht vom „geilsten Moment“ seiner Karriere. Die Spieler auf dem „Helden-Steg“ am Brandenburger Tor sind zum ersten Mal wirklich die Weltmeister.

Und was bleibt? Ein Jahr danach, nach diesem unglaublichen Vormittag? Nach einer WM, die einmalig war? Die Antwort gibt Sänger Andreas Bourani, der an diesem Tag die deutsche WM-Hymne gleich dreimal anstimmen darf: „Ein Hoch auf uns. Auf dieses Leben. Auf den Moment, der immer bleibt. Der immer bleibt.“

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