Schwarzfahren

"Fahrausweise bitte!" - Unterwegs mit einem Kontrolleur

Schwarzfahren kostet jetzt 60 Euro Strafe in Berlin. Das schreckt offenbar mehr ab. Wir waren mit Ticketkontrolleure der S-Bahn unterwegs.

"Die Fahrausweise bitte" - Schwarzfahren kostet jetzt 60 Euro

"Die Fahrausweise bitte" - Schwarzfahren kostet jetzt 60 Euro

Foto: Paul Zinken / dpa/

Wenn Bernd Zeisig (Name geändert) zur Tür rein kommt, sorgt das nicht nur für gute Laune. „Guten Tag. Die Fahrausweise zur Kontrolle bitte“, stellt sich der 57-Jährige in der S-Bahn vor. Während die meisten anfangen, in den Taschen zu kramen, steht einigen die Aufregung förmlich ins Gesicht geschrieben. Erst recht in diesen Tagen. Denn am 1. Juli hat sich das „erhöhte Beförderungsentgelt“ für Fahrgäste ohne gültigen Fahrausweis deutlich verteuert, von 40 auf nun 60 Euro. Das soll Schwarzfahrer stärker abschrecken. Doch zeigt die Erhöhung auch Wirkung? Die Morgenpost hat Bernd Zeisig und seine Kollegen beim Einsatz in der Berliner S-Bahn begleitet.

Gleich in der ersten Bahn, einer S7 in Richtung Wannsee, wird Zeisig fündig. In der einen Hand sein Kartenlesegerät, in der anderen seinen Ausweis, bittet er eine junge Frau um den Fahrausweis. Doch auf dem Ticket fehlt der nötige Stempelaufdruck. „Viele denken, es reicht, einen Fahrschein zu kaufen“, sagt Zeisig. Er bittet die Frau, die sichtlich verunsichert ist, an der nächsten Station mit auszusteigen. Doch ihre Sorge ist unbegründet. Sie muss lediglich das Ticket an einem der roten Stempeldrucker auf dem Bahnsteig entwerten, dann kann sie weiterfahren. „Der Fahrausweis war gerade erst gekauft, und die Frau ganz offensichtlich keine Berlinerin. Das Ticket nicht zu entwerten, ist ein ganz häufiger Touristenfehler“, sagt Zeisig. Für ihn ist es keine Frage, in diesem Fall Kulanz walten zu lassen.

Entwerter sorgen für Verwirrung

Doch längst nicht alle Kontrolleure reagieren so. Eine Berlinerin, die die Situation beobachtet hat, sagt, dass Touristen regelrecht „abgezockt“ würden. „Das mit dem extra Entwerten gibt es ja in vielen anderen Städten nicht“, meint sie. Und viele Nichtberliner würden auch nicht verstehen, warum sie nur auf den Bahnsteigen, nicht aber in den Zügen ihren Fahrschein entwerten könnten. In den Bussen und Straßenbahnen der BVG sei dies aber möglich. Auch S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz hat die Szene verfolgt. Er räumt ein, dass die unterschiedliche Praxis für Verwirrung sorgen könnte. „Wir werden das prüfen.“ Generell hält er aber die Erhöhung des Strafgeldes für Schwarzfahrer für richtig. „Die 40 Euro hatten ihre Abschreckungswirkung verloren“, konstatiert er.

Die Statistik gibt ihm recht: In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Schwarzfahrer in Berlin stark angestiegen. Wurden 2013 von BVG und S-Bahn rund 550.000 Fahrgäste ohne gültigen Fahrschein ertappt, waren es 2014 fast 700.000. Die sogenannte Beanstandungsquote, also die Zahl der Fahrgäste ohne Ticket bezogen auf die Gesamtzahl der Reisenden, liegt mit aktuell 4,2 (S-Bahn) und sieben Prozent (BVG) über der bundesweiten Quote von etwa 3,5 Prozent. Allein die BVG rechnet durch Schwarzfahrer mit Einnahmeausfällen von rund 20 Millionen Euro im Jahr. Mit diesem Geld könnte sie 60 neue Doppeldeckerbusse oder 15 U-Bahn-Wagen anschaffen.

Nach nur einer Station haben Zeisig und seine Kollegen, alle vier sind in Alltagskleidung unterwegs, den Zug gewechselt. Wieder hat eine Frau keinen gültigen Fahrschein dabei. Diesmal ist die Sache eindeutig. „Sie hatte einen Kurzstreckenfahrschein gezeigt, abgestempelt am Montag. Heute ist aber Mittwoch“, sagt Bernd. Nun muss sie ihre Personalien angeben und bekommt ein Strafticket ausgestellt. Zwei Wochen hat sie Zeit, das erhöhte Beförderungsentgelt von 60 Euro zu zahlen. Erfolgt das nicht, geht der Fall an ein Inkassounternehmen. Zusätzliche Gebühren werden dann fällig.

Zwölf Schwarzfahrer in eineinhalb Stunden

Bei Jutta B. ist die Sache nicht ganz so einfach. Die Charlottenburgerin kann Zeisigs Kollegen zwar eine Monatskarte vorweisen, doch deren Gültigkeit endete am 26. Juni. Die aktuelle 10-Uhr-Monatskarte, die sie im Abo bekommt, habe sie zu Hause liegen gelassen, argumentiert sie. Doch auch sie kommt an einem Strafzettel erst einmal nicht vorbei. Ob sie auch die
60 Euro zahlen muss, ist offen. „Wer eine personalisierte Monatskarte bei der S-Bahn hat, kann das innerhalb der folgenden sieben Tage im Kundenzen­trum im Ostbahnhof klären“, sagt Zeisig. Wird nicht mehr als einmal im Jahr der Fahrschein „vergessen“, kommt derjenige um die 60 Euro Strafe herum. Allerdings wird eine Bearbeitungsgebühr von sieben Euro fällig.

Zeisig und seine drei Kollegen haben bei ihren Kontrollen in eineinhalb Stunden zwölf Fahrgäste ohne gültigen Fahrausweis ermittelt. „Das ist weniger als sonst“, sagt Zeisig. Ihm sei schon am Vortag aufgefallen, dass mehr Fahrgäste ein Einzelticket gelöst haben. „Es hat sich wohl rumgesprochen, dass Schwarzfahren teurer geworden ist.“ Für S-Bahn-Sprecher Priegnitz ist dies ein gutes Signal. „Uns geht es nicht darum, von möglichst vielen Fahrgästen 60 Euro Strafe zu kassieren. Wir wollen vielmehr viele davon überzeugen, dass eine Monatskarte die bessere Alternative zum Fahren ohne Ticket ist.“

Für BVG-Chefin Sigrid Nikutta ist der Ticketkauf eine Frage der Achtung. „An allen Tagen der Woche und rund um die Uhr sichern unsere Mitarbeiter Berlins hervorragenden öffentlichen Nahverkehr. Diese Leistung verdient den Respekt, nicht durch ,Schwarzfahren‘ erschlichen zu werden.“