Nahverkehr

Kein Pardon für Schwarzfahrer

Fast 700.000 Fahrgäste sind im Vorjahr ohne gültigen Fahrschein in Bussen und Bahnen erwischt worden. Ab 1. Juli drohen den Schwarzfahrern höhere Strafen. Das „erhöhte Beförderungsentgelt“ steigt von 40 auf 60 Euro.

Wer am Mittwoch in die S-Bahn oder den Bus steigt, sollte zuvor genau schauen, ob er auch ein gültiges Ticket dabei hat. Denn sonst könnte die Fahrt teuer werden. Ab dem 1. Juli steigt die Strafgebühr fürs Schwarzfahren um 20 auf nunmehr 60 Euro. Eine Schonfrist für die säumigen Fahrgäste wird es nicht geben, erklären übereinstimmend die beiden großen Verkehrsunternehmen der Stadt, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und die S-Bahn Berlin.

Mehr als 200 Kontrolleure

„Das ist eine gesetzliche Regelung, die wird von uns ab dem 1. Juli selbstverständlich umgesetzt“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. „Wir kontrollieren nach einem festen Plan“, bestätigte auch S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz. Es soll am 1. Juli aber auch keine schärferen Kontrollen als sonst geben. „Wir werden die Kontrollen nicht ausweiten, aber auch nicht zurückfahren“, so Priegnitz. Zwischen 70 und 80 Kontrolleure seien im Auftrag der S-Bahn ständig in den Zügen unterwegs, um Fahrscheine zu kontrollieren. Die BVG, die die Verluste durch Schwarzfahrer auf 20 Millionen Euro im Jahr beziffert, setzt zurzeit 40 eigene Mitarbeiter zur Überprüfung der Tickets ein und hat die Zahl der externen Kontrolleure von 85 auf 100 erhöht.

Ende vorigen Jahres hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) das „erhöhte Beförderungsentgelt“ (EBE), das für das Fahren ohne gültigen Fahrausweis verlangt werden kann, bundesweit von 40 auf 60 Euro angehoben. Die letzte Erhöhung ist zwölf Jahre her: 2003 stieg das EBE von 30 auf 40 Euro.

Doch seither hat sich nicht nur die Lebenshaltung verteuert, auch die Fahrpreise sind teilweise stark angestiegen. Kostete etwa der Einzelfahrschein in Berlin (Tarifgebiet AB) 2004 noch zwei Euro, so muss der Fahrgast heute 2,70 Euro dafür bezahlen. Kaum geringer fällt das Plus bei der Monatskarte aus: Deren Preis stieg in Berlin von 64 auf inzwischen 79,50 Euro. „40 Euro fürs Schwarzfahren schrecken niemanden mehr ab“, konstatierte der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) bereits 2013 und machte sich für eine Anhebung des erhöhten Beförderungsentgelts stark. Nach VDV-Schätzungen verlieren die deutschen Verkehrsbetriebe durch Schwarzfahren pro Jahr Einnahmen in Höhe von mindestens 250 Millionen Euro. Geld, das den Unternehmen für oft dringend notwendige Investitionen in die Infrastruktur oder den Kauf neuer Fahrzeuge fehlt. Einen beträchtlichen Teil der Verluste müssen die ehrlichen Fahrgäste ausgleichen. Nach Ansicht des Berliner Fahrgastverbandes Igeb hätte auf die Preiserhöhung zu Jahresbeginn verzichtet werden können, wenn alle Fahrgäste ehrlich fahren würden.

Doch das tun sie nicht. Deutschlandweit geht der VDV von einer Schwarzfahrerquote von etwa 3,5 Prozent aus. In Berlin liegt der Anteil unehrlicher Fahrgäste noch höher. Gemessen an der Zahl der kontrollierten Reisenden sind bis zu acht Prozent der Reisenden ohne gültiges Ticket unterwegs (siehe Grafik). Die BVG unterscheidet dabei zwischen der Beanstandungsquote (sieben bis acht Prozent) und der eigentlichen Schwarzfahrerquote (nach eigenen Angaben etwa vier Prozent). Nicht immer steckt Absicht dahinter, doch eine Statistik über jene, die aus Versehen das falsche und damit eben nicht gültige Ticket dabei haben, gibt es bei BVG und S-Bahn nicht.

Die Folgen können erheblich sein. Denn neben dem wirtschaftlichen Aspekt hat Schwarzfahren auch eine strafrechtliche Seite. Es wird im Strafgesetzbuch als Erschleichen von Beförderungsleistungen geächtet, Geld- und Haftstrafen drohen. Berlins Verkehrsunternehmen stellen grundsätzlich bei drei Verstößen Strafanträge. Die BVG zeigte im Vorjahr 33.723 Schwarzfahrer bei der Polizei an, die S-Bahn 20.356 Personen. Über Inkasso-Verfahren haben beide Unternehmen zusammen 10,3 Millionen Euro eingefordert (2013), doch nur ein Bruchteil der Summe wird tatsächlich gezahlt.

In Berlins Gefängnissen sitzen daher Hunderte Schwarzfahrer, die lieber Ersatzfreiheitsstrafen in Kauf nehmen, statt zu zahlen. Die Grünen und die Piraten sehen dafür auch soziale Gründe. Sie fordern deshalb, Schwarzfahren zu entkriminalisieren und es wie Falschparken als Ordnungswidrigkeit zu ahnden. In einem aktuellen Antrag fordern die Grünen ein Modellprojekt nach Bremer Vorbild, in dem Menschen mit psychosozialen Problemen besonders betreut werden.