Zweckentfremdung

Wie Berlins Bezirke verborgene Ferienwohnungen jagen

Knapp 1800 Ferienwohnungen sind in Mitte gemeldet. Wie viele darüber hinaus illegal betrieben werden, kann man nur schätzen. Mit fünf Mitarbeiterinnen macht der Bezirk Jagd auf illegale Apartments.

Foto: David Heerde / David Heerde (3)

Manchmal hilft der Zufall. Diana Schmidt suchte eigentlich nach anderen Informationen im Internet, als sie die Anzeige entdeckte. Angepriesen wurde eine Ferienwohnung in Mitte. Hell, zweite Etage, freundlich eingerichtet, beste Lage, nur wenige Schritte zum Alex und zum Rosa-Luxemburg-Platz. Wie üblich, war die genaue Adresse nicht angegeben, die Offerte enthielt aber neben Fotos auch eine Lageskizze mit Stecknadel.

Da brauchte es nur ein paar geübte Klicks – und Diana Schmidt wusste, in welchem Gebäude sich das Appartement verbirgt. Mieten möchte sie es nicht, aufspüren schon. Diana Schmidt ist Mitarbeiterin im Amt für Bürgerdienste des Bezirksamts Mitte. Ihr Aufgabenfeld: Zweckentfremdung von Wohnraum verhindern.

Kommentar: Zweifel am Gesetz

Knapp 1800 Ferienwohnungen sind in Mitte gemeldet und haben vorläufig Bestandsschutz. Wie viele darüber hinaus illegal betrieben werden, kann man nur schätzen. Stephan von Dassel (Grüne), Stadtrat für Bürgerdienste in Mitte, geht von mindestens 2300 aus. Diese Wohnungen zu finden und wieder zu Mietwohnungen für die Berliner zu machen, ist das Ziel von Diana Schmidt und ihren Mitstreiterinnen.

Das Team besteht aus fünf Frauen: eine Gruppenleiterin, zwei Sachbearbeiterinnen und zwei Mitarbeiterinnen, die vor allem den Außendienst übernehmen. Diana Schmidt macht diesen Job seit 15. Januar. Vorher arbeitete sie im Jobcenter Neukölln.

Treffer im Seniorenwohnhaus

Die im Internet entdeckte Ferienwohnung zählt nicht zu den gemeldeten, ist also illegal. Aber wer betreibt sie, und existiert sie überhaupt noch? Wer ist der Eigentümer? Ist die trickreich ermittelte Adresse auch wirklich die richtige? Um das herauszufinden, hilft nur die Recherche vor Ort. Diana Schmidt und ihre Kollegin Annette Koslowsky – der Außendienst ist grundsätzlich zu zweit unterwegs – schnappen sich Kamera, Schreibblock und die Akte, die bislang nur die Ausdrucke des Angebots im Internet enthält. Mit der U-Bahn fahren sie von ihrem Büro im Rathaus Tiergarten zur Weinmeisterstraße, Dienstwagen gibt’s nicht. „In Mitte ist sowieso immer Stau“, sagt Schmidt achselzuckend. Nach einer halben Stunde stehen sie vor dem fraglichen Gebäude und sind sprachlos. Der schlichte Nachkriegsbau ist ein Seniorenwohnhaus. So steht es zumindest auf einem Schild neben der Eingangstür. Eigentümer: die Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM). „Das ist schon heavy“, murmelt die Mitarbeiterin.

Ein Mann kommt aus dem Haus. Diana Schmidt hält ihm ihren Dienstausweis entgegen und spricht ihn an. Sie redet nicht lange drumherum, fragt ihn, ob ihm eine Ferienwohnung im Haus aufgefallen sei. Erst hält sich der Mann zurück („Ick will keenen anscheißen“), dann erzählt er, dass nicht alle Mieter Senioren seien. Zu guter Letzt bestätigt er den Verdacht und auch, dass die Ferienwohnung tatsächlich in der zweiten Etage liegt. Mit ihrer lockeren, freundlichen, aber bestimmten Ansprache hat die Bezirksamtsmitarbeiterin Erfolg. Welche Wohnung es genau ist, will der Nachbar dann aber nicht verraten.

Also rein ins Haus, zweiter Stock. Der lange Flur wirkt düster. Handläufe auf beiden Seiten, immerhin war es mal ein Seniorenwohnhaus. 15 Wohnungen liegen auf der Etage. Die Türen und Namensschilder verraten nichts. Diana Schmidt atmet einmal tief durch, geht auf eine Wohnungstür zu, klingelt. Die Befragung von Nachbarn ist einer ihrer wichtigsten Wege der Informationsbeschaffung. Niemand öffnet, nächste Tür. Dort hat die 46-Jährige Erfolg. Die Mieterin, eine alte Dame, erzählt, dass sie seit einiger Zeit regelmäßig fremde Menschen mit Koffern im Haus sehe. Aber in welche Wohnung die gehen, wisse sie nicht. Immerhin, Indiz Nummer zwei. Weiter, nächste Tür, nächste Klingel. Das dritte Gespräch bringt den Treffer. Die Mieterin berichtet, eine Nachbarin wohne jetzt in Frankfurt und habe vor dem Umzug erzählt, dass sie ihre Wohnung künftig ab und zu Verwandten überlasse. „Viele Leute sind sehr offen und reden mit uns“, erzählt Schmidt. Dennoch: Das Ganze ähnelt der Arbeit von Polizisten oder Detektiven.

Ahnungslose Eigentümer

Annette Koslowsky fotografiert die Wohnungstür, den Flur, das Klingelbrett am Eingang, den Infokasten der Hausverwaltung. Mehr können die beiden hier erst mal nicht tun. Nun müssen sie den Eigentümer der Wohnung zweifelsfrei ermitteln, anschreiben und zur Anhörung auffordern. Bestätigt sich dabei der Sachverhalt, wird er aufgefordert, die rechtswidrige Nutzung der Wohnung „unverzüglich“ zu beenden. Die Frist dazu ist nicht vorgegeben, meist sind es sechs Wochen. In diesem Fall wird die Vermieterin, allem Anschein nach die WBM, vermutlich aus allen Wolken fallen, wenn sie mit den Vorwürfen konfrontiert wird. „Vielfach sind es die Mieter oder Untermieter, die aus der Wohnung eine Ferienwohnung gemacht haben“, erzählt Gruppenleiterin Cornelia Elsner-Testrich. In der Regel sei das ein Kündigungsgrund.

Diana Schmidt und Annette Koslowsky kontrollieren auf ihrer Tour gleich noch eine weitere Wohnung in einem Nachbarhaus. In diesem Fall hatte eine entnervte Nachbarin im Amt angerufen. Dort haben die beiden weniger Erfolg, um die Mittagszeit ist das Haus wie verwaist. Nur eine Nachbarin erzählt etwas, ihre Angaben geben aber wenig her. In der fraglichen Wohnung öffnet niemand die Tür. Das sei beileibe nicht immer so. „Wir haben schon mit den Touristen zusammen auf dem Sofa gesessen oder sind gerade gekommen, als neue Gäste eincheckten“, erzählt Diana Schmidt. Die genaue Lage einer Ferienwohnung im Gebäude zu ermitteln, sei auch nicht immer so schwer wie in dem Seniorenwohnhaus. „Wenn auf dem Klingelschild ,Ferienwohnung‘ steht oder ein Nummerncode, dann ist alles klar.“ Etwa zehn Wohnungen könnten sie pro Außendiensttag kontrollieren, sagt sie, manchmal sogar mehr, je nach Güte und Umfang der Informationen. Der Innendienst sei allerdings umfangreicher. Bauakten sichern, Dokumentationen anlegen, das nehme viel Zeit in Anspruch, sagt Schmidt. Aber der Job mache viel Spaß. Auch, weil er sinnvoll und wichtig sei. So erkläre sich auch die Aufgeschlossenheit vieler Bürger ihrer Arbeit gegenüber, ist Gruppenleiterin Elsner-Testrich überzeugt. „Die sagen: Mit Wohnungen spekuliert man nicht.“