Prozess in Berlin

„Gotteskrieger“ aus Wedding drohen zehn Jahre Haft

Der Berliner Murat S. soll als Dschihadist in Syrien gekämpft haben. Ab Montag steht er vor Gericht. Er soll enge Kontakte zum Berliner Ex-Rapper und Islamisten Dennis Cuspert gepflegt haben.

Foto: Michael Koslowski / ddp images/dapd

Murat S. wusste offenbar recht genau, was ihm bevorstand: „Wollt Ihr, dass ich komme? Ihr würdet mich dann im Gefängnis besuchen kommen“, soll er seiner minderjährigen Tochter im April vergangenen Jahres am Telefon gesagt haben. Damals war er noch in Syrien unterwegs – als sogenannter „Gotteskrieger“ im Kampf gegen die „Ungläubigen“.

So sieht es die Berliner Staatsanwaltschaft. Für sie ist Murat S. ein Dschihadist. Einer, der in Syrien mit einer Kalaschnikow unterwegs war und sich an Kämpfen beteiligte. S. selbst hat das, nachdem er nach Deutschland zurückgekehrt war und die Polizei seine Wohnung durchsucht hatte, bestritten.

Ab Montag muss sich der 41 Jahre alte Weddinger vor der 2. Strafkammer des Berliner Landgerichts verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen der Vorbereitung einer „schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ erhoben. Im Fall einer Verurteilung drohen Murat S. bis zu zehn Jahre Haft.

90 Berliner Islamisten zogen in die Gebiete in Syrien und im Irak

Laut Berliner Verfassungsschutz sind seit Ausbruch des Bürgerkriegs etwa 90 Islamisten aus der Hauptstadt in die Gebiete in Syrien und im Irak gezogen, die vom sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) oder anderen Terrorgruppen beherrscht werden. Nach der im Januar dieses Jahres eröffneten Hauptverhandlung gegen den Kreuzberger Islamisten Fatih K. gehört das Verfahren gegen Murat S. zu den ersten Prozessen, in denen sich ein Berliner deswegen vor Gericht verantworten muss. Die Berliner Morgenpost konnte die Anklage vorab einsehen. Die Staatsanwaltschaft erhebt darin schwere Vorwürfe gegen Murat S.

Laut Anklage gehörte Murat S. zu einer Gruppierung, die von dem selbst ernannten „Emir“ Ismet D. angeführt wurde. Der damals 41-jährige Weddinger wurde im Januar dieses Jahres festgenommen und sitzt zurzeit in Untersuchungshaft. Als „Präsident“ des eingetragenen Vereins „Fussilet 33“ soll er Muslime in den Räumen der früheren Hicret-Moschee an der Perleberger Straße radikalisiert und zudem den IS unterstützt haben. Außerdem soll D. an Schleusungsaktivitäten für Dschihadisten beteiligt gewesen sein. Die „Unterrichte“ für seine etwa 30 Gefolgsleute hielt D. den Ermittlern zufolge seit Frühjahr 2013 ab. Mitunter versammelte er seine Gefährten auch in der Privatwohnung des nun angeklagten Murat S.

Murat S. wurde im Oktober 1973 in Tekman in der östlichen Türkei geboren. Er ist Kurde – das ist bemerkenswert. Denn die Dschihadisten, denen er sich angeschlossen haben soll, betrachten die Kurden, weil sie meist dem Alevitentum anhängen, als „Ungläubige“. Murat S. scheint sich von seiner ursprünglichen religiösen und kulturellen Sozialisation also radikal abgewandt zu haben.

Mit Tarnjacke und Kalaschnikow

Nach Deutschland kam S. vor mehr als zehn Jahren. Er ließ sich als Bäcker ausbilden und arbeitete als Reinigungskraft bei der Deutschen Bahn. Als das Unternehmen seine islamistische Gesinnung bemerkte, wurde das Arbeitsverhältnis nach Informationen der Berliner Morgenpost jedoch beendet. In der Berliner Dschihadisten-Szene soll S. fest verankert gewesen sein. Laut Anklage verstand er sich bestens mit dem Berliner Ex-Rapper Denis Cuspert („Deso Dogg“), der nach seiner Wandlung zum Hardcore-Islamisten in Syrien zum Chefpropagandisten des IS für den deutschsprachigen Raum aufstieg. Enge Kontakte soll S. auch mit Mohamed Mahmoud gepflegt haben.

Der Österreicher saß wegen der Verbreitung von Terrorpropaganda mehrere Jahre in Haft. Mit dem Ex-Rapper Denis Cuspert hatte Mahmoud im Herbst 2011 die ultraradikale Islamisten-Kameradschaft „Millatu Ibrahim“ („Gemeinschaft Abrahams“) gegründet. Ihre Anhänger zettelten im Sommer 2012, kurz bevor Innenminister Thomas de Maizière (CDU) die Gruppe verbot, Straßenschlachten in Solingen und Bonn an. Unmittelbar nach dem Verbot zogen viele Anhänger von „Millatu Ibrahim“ zunächst nach Ägypten.

Mit Tarnjacke und Kalaschnikow posiert

Murat S. soll, mit Unterbrechungen, zwischen August 2013 und Juni 2014 in Syrien gewesen sein. Laut Anklage ließ er sich an Schusswaffen ausbilden und lernte, wie man mit Handgranaten umgeht. Seine „Arbeit“, laut Anklage eine Umschreibung für Kampfhandlungen, soll er mit seinem Handy dokumentiert haben. Dort fanden die Ermittler laut Anklage Fotos, auf denen er mit Tarnjacke und Kalaschnikow posierte, ebenso Fotos, die eine Zusammenarbeit mit der tschetschenischen Terrorgruppe Junud al-Sham nahe legen. Ein weiteres Bild deutet die Staatsanwaltschaft als Beleg dafür, dass S. sich im Februar 2014 bei einem Angriff auf das Zentralgefängnis in Aleppo beteiligte. Medienberichten zufolge starben dabei zwei Regierungssoldaten und mehrere Gefängnisinsassen.

Im Frühjahr vergangenen Jahres schien Murats Euphorie verflogen. Das legen zumindest in der Anklage aufgeführte Chatprotokolle mit Gefährten seiner Islamisten-Gruppierung nahe, die in Berlin geblieben waren. Demnach beklagte er sich über eine zunehmende „Zwietracht“ und darüber, dass seine Gefährten und er ständig bombardiert würden. Im Sommer vergangenen Jahres reiste Murat S. laut Staatsanwaltschaft zurück nach Wedding. Einige Wochen soll er als Bauhelfer gearbeitet haben – in der Firma seines einstigen „Emirs“ Ismet D., dem mutmaßlichen Anführer der Islamisten-Zelle „Fussilet 33“.

Ende August sollen der in Syrien verbliebene IS-Propagandist Denis Cuspert und der Rückkehrer Murat S. sich per Internet-Chat versichert haben, wie sehr sie sich vermissen. Es könnte der letzte Kontakt zwischen beiden gewesen sein. Denn zwei Tage später klopften Beamte des polizeilichen Staatsschutzes an die Tür von Murat S. und durchsuchten seine Wohnung in der Weddinger Wildenowstraße. Drei Wochen später nahmen sie Murat S. fest.

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