„Gotteskrieger“

Berliner Dschihadist stirbt bei Luftangriff in Syrien

Der Berliner Emrah F. ging als Gotteskrieger nach Pakistan und dann nach Syrien. Jetzt wurde er bei einem Luftangriff getötet. Der Vater hatte vergeblich versucht, seinen Sohn zur Rückkehr zu bewegen.

Foto: o.A.

Behcet F. hatte bis zuletzt gehofft. Er war aus Berlin nach Istanbul gefahren, hatte versucht, seinen Sohn zurückzuholen. Manchmal erreichte er ihn auf dem Handy. Er solle nicht auf Menschen schießen, flehte der Vater seinen Sohn an. „Er hat gesagt, Papa ich mache so etwas nicht“, erzählte Behcet F. im März dieses Jahres in einer Fernsehdokumentation der Berliner Morgenpost und des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB).

In Telefonaten schien Emrah ganz nah zu sein – und Vater Behcet mag gedacht haben, dass alles ein böser Traum war. Die Zeit, in der sein Sohn sich den Salafisten anschloss. Die Nachricht, dass er in die Kampfgebiete in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion gereist war. Die Meldung, dass er in Syrien bei der Al-Qaida-nahen Nusra-Front war.

„Durch und durch radikalisiert“

Doch es war kein Traum. Vor wenigen Tagen erreichte die Familie die Nachricht, dass Emrah ins Syrien ums Leben gekommen ist. Er soll bei einem Luftschlag der von den USA geführten Anti-Terror-Koalition nahe der Stadt Idlib getroffen worden sein. „Getötet von den Bomben der Kreuzzügler“, meldeten Dschihadisten auf Twitter. Polizei und Verfassungsschutz wollen die Nachricht nicht offiziell kommentieren. Aus Kreisen mehrerer Sicherheitsbehörden, sowie aus dem Umfeld der Familie erfuhren die Berliner Morgenpost und der RBB jedoch, dass die Information korrekt ist. Emrah F. wurde 33 Jahre alt. Er ist einer von mindestens elf Berlinern, die seit Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien und im Irak starben. Bundesweit sind es laut Verfassungsschutz etwa 85.

Emrah F. wuchs am Nauener Platz in Wedding auf. Die jungen Männer in einem Wettcafé in der Liebenwalder Straße können sich gut an ihn erinnern. Er stand voll im Leben, sagen sie, betrieb Internetcafés, fuhr einen teuren Geländewagen. Ein Foto aus der damaligen Zeit zeigt einen gut aussehenden Mann mit markanten Gesichtszügen und schwarzen Haaren. Ein ruhiger und ehrlicher Typ, so beschreiben ihn die einstigen Weggefährten. Einer sagt: „Vielleicht war er ein bisschen naiv.“

Staatliche Beobachter zeichnen ein anderes Bild. Emrah sei „durch und durch radikalisiert“ gewesen. Einer, der sich bewusst gegen die westliche Gesellschaft entschieden habe. Vor seiner Ausreise verkehrte er in der als Salafisten-Treff bekannten Al-Rahman-Moschee in Wedding, radikalisierte sich im Umfeld einer „Scharia-Gemeinschaft“ – und versank in der salafistischen Ideologie. Er dürfe nur dem Koran folgen, schärften seine neuen Freunde ihm ein. Die Erklärung, wie das Heilige Buch zu verstehen sei, lieferten sie mit. Die „wahrhaft Gläubigen“, Muslime wie sie also, das waren die Guten. „Ungläubige“ und „Heuchler“, Muslime also, die ihre Religion friedlich interpretieren, waren „Feinde des Islam“. Feinde müsse man bekämpfen.

Nach seiner Ausreise in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet soll Emrah im Umfeld der „Deutschen Taliban Mudschaheddin“ agiert haben. Die Gruppe bestand vor allem aus Berlinern. Sie sorgte für Aufregung, als sie in Propagandavideos mit Anschlägen in Deutschland drohte. Als die USA ihre Drohnenangriffe in der Region intensivierten, zog Emrah nach Syrien. Den „Islamischen Staat“ soll er vehement abgelehnt haben. Stattdessen schloss er sich der Al-Qaida-nahen Nusra-Front an. Ob er selbst gekämpft hat, ist unklar.

700 Deutsche im Kriegsgebiet

Je länger die Leute im Kriegsgebiet seien, so der Leiter des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda, desto größer sei die Gefahr, dass sie ums Leben kämen. Um weitere Ausreisen zu verhindern, müssten Prävention und Deradikalisierung intensiviert werden. Auf ein entsprechendes Landesprogramm hat sich die Koalition in Berlin prinzipiell geeinigt. Der Linken-Abgeordnete Hakan Tas, der sich seit Jahren intensiv mit der Szene befasst, begrüßt das. „Genauso wichtig ist es aber, dass auch die Sicherheitsbehörden gut arbeiten und ihre Erkenntnisse austauschen“, sagt Tas.

Prävention, Deradikalisierung, bessere Zusammenarbeit – für Emrah F. kommt das zu spät. Die Familie trauert – und die Sicherheitsbehörden können seinen Namen von der Liste potenzieller Gefährder streichen. Doch die Liste bleibt lang. Bundesweit sind fast 700 Islamisten in die Kampfgebiete gereist.