Tarifstreit

Streik sorgt bei Berliner S-Bahn und BVG für Millionenverluste

Der Lokführerstreik soll die Berliner S-Bahn pro Tag rund eine Million Euro gekostet haben, sagt das Unternehmen. Aber auch die BVG hat wegen des Ausstandes Verluste gemacht - obwohl dort alles fuhr.

Foto: Paul Zinken / dpa

Die jüngsten Lokführerstreiks sind den Verkehrsunternehmen in Berlin teuer zu stehen gekommen. Die zum bundeseigenen Bahnkonzern gehörende S-Bahn Berlin sowie DB Regio Nordost beklagen dabei jeweils Verluste in zweistelliger Millionenhöhe. Doch auch die landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), die nicht direkt vom Ausstand betroffen waren, rechnen wegen des Mehreinsatzes von Bussen und Bahnen mit Zusatzausgaben. Allein diese drei Unternehmen müssen nach ersten Schätzungen Einnahmeausfälle von insgesamt rund 25 Millionen Euro verkraften. Der volkswirtschaftliche Schaden dürfte jedoch nach Meinung von Experten um ein Vielfaches höher sein.

Vertragsstrafen für die vielen Zugausfälle

„Der Lokführerstreik hat uns rund eine Million Euro pro Tag gekostet“, bestätigte Bastian Knabe, Finanz-Geschäftsführer der S-Bahn, der Berliner Morgenpost. Wenn Züge nicht oder unpünktlich fahren, können die Länder Berlin und Brandenburg als Besteller der Leistung ihre Zahlungen kürzen. Diese „Strafabzüge“ beliefen sich im Vorjahr auf 8,7 Millionen Euro. Wegen der Länge der Arbeitsniederlegungen rechnet die S-Bahn für dieses Jahr mit deutlich höheren Kürzungen. Allein im April und Mai hatte es neun Streiktage gegeben, an denen die S-Bahn nur etwa ein Drittel des Normalangebots fahren konnte. Doch auch nach Ende des Streiks dauert es jeweils Stunden bis wieder alle Züge nach Plan fuhren. Die S-Bahn Berlin hatte noch im Vorjahr einen Gewinn von 54,2 Millionen Euro erwirtschaftet. „In diesem Jahr liegen wir noch in den schwarzen Zahlen. Sollte es aber zu weiteren Streiks kommen, können wir auch noch in die Verlustzone rutschen“, sagte Knabe.

Nur jeder fünfte Regionalzug fuhr

Noch höher fielen mit 1,2 Millionen Euro pro Streiktag die Verluste bei der Bahntochter DB Regio Nordost aus. Das in Potsdam ansässige Unternehmen bietet einen Großteil des Regionalbahnverkehrs in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern an, darunter den besonders fahrgaststarken RE1 (Potsdam-Berlin–Frankfurt/Oder) sowie die Linien RE7 und RB14, die Berlins Innenstadt mit dem Flughafen Schönefeld verbinden. Während der Lokführerstreiks konnte DB Regio nur knapp ein Fünftel der Züge fahren, die im Fahrplan stehen. Auch dafür gibt es Vertragsstrafen, die durch Einsparungen etwa beim Stromverbrauch nicht ausgeglichen werden.

Höherer Reparaturaufwand bei der BVG

Um die Streikauswirkungen zu mindern, hatte BVG mehr Busse und längere U-Bahn-Züge und Straßenbahnen eingesetzt. Der große Fahrgastandrang vor allem im Berufsverkehr sorgte zudem für mehr Defekte, vor allem Tür-Störungen bei der U-Bahn. „Pro Streiktag rechnen wir mit Zusatzkosten von 300.000 Euro“, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz. Es gebe Gespräche mit dem Senat, dass dieser wenigstens auf Vertragsstrafen wegen Unpünktlichkeit verzichtet. Weil während der Lokführerstreiks mehr Berliner mit dem Auto unterwegs waren, standen auch BVG-Busse und Straßenbahnen deutlich öfter als normal im Stau.

Streikgefahr noch nicht gebannt

Auch für die kommenden Wochen ist die Streikgefahr nicht gebannt. Zwar hatte sich die Deutsche Bahn in der Vorwoche nach fast einem Jahr Tarifverhandlungen mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) über einen Tarifabschluss geeinigt, nicht aber mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Die GDL hatte in den vergangenen Monaten mit zwei Warn- und sieben regulären Streiks Millionen Pendler und Zugreisende ausgebremst. Der Bahnkonzern bezifferte die Verluste auf insgesamt 300 Millionen Euro.

Die GDL hatte kurz vor Pfingsten erst zu einem unbefristeten Streik aufgerufen, dann jedoch einem Schlichtung zugestimmt. Zuvor hatte die Bahn akzeptiert, dass die GDL für alle ihre Mitglieder und nicht für Lokführer Tarifverträge abschließen kann, die auch von denen mit der EVG abweichen können. Das Schlichtungsverfahren wird von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sowie dem früheren brandenburgischen Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) geleitet und soll zunächst bis zum 17. Juni laufen. Bis dahin herrscht in der laufenden Tarifauseinandersetzung Friedenspflicht, danach sind aber weitere Streiks nicht ausgeschlossen.