Nahverkehr

Ein Computersystem soll Berlins S-Bahn pünktlicher machen

Ein neuer Computer soll den Fahrstil der Lokführer verbessern – und macht diese vielleicht in Zukunft sogar überflüssig. In 650 Züge wurde das System „Fassi“ bereits eingebaut.

Foto: Krauthoefer

95,8 Prozent der Züge der Berliner S-Bahn sind im März pünktlich gefahren. So sagt es die Statistik des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB). Das sieht auf den ersten Blick gut aus. Doch sind damit derzeit weder die Fahrgäste noch die S-Bahn wirklich zufrieden. Die einen ärgern sich darüber, dass ihnen im eng verzahnten Berliner Nahverkehr so mancher Anschluss direkt vor der Nase wegfährt. Die anderen bekommen deftige Strafen aufgebrummt, weil sie zu oft den Fahrplan nicht einhalten. Um 8,7 Millionen Euro haben Berlin und Brandenburg im Vorjahr ihre Zahlungen gekürzt, weil die S-Bahn die vertraglich vereinbarte Pünktlichkeitsquote von 96 Prozent verfehlt hat.

Das wird jetzt besser, verspricht die S-Bahn. Helfen soll ihr dabei das neue System „Fassi“, das die Bahntochter inzwischen in allen ihren 650 Zwei-Wagen-Zügen einbauen ließ. Das Gerät in Tablet-Größe gibt nun jedem Lokführer Empfehlungen für sein Fahrverhalten. „Es ist ein wenig wie bei der Formel 1 – es geht darum, für eine optimale Fahrt die ideale Linie zu finden“, sagt Mario Gammelin, Projektleiter bei der S-Bahn für das Fahrassistenzsystem, kurz „Fassi“. Wobei anders als beim Rennsport am Ende nicht derjenige gewinnt, der am schnellsten, sondern der am pünktlichsten im Ziel ist.

Wie das funktionieren soll, führte die S-Bahn am Mittwoch bei einer Sonderfahrt vor. Im Führerstand des rot-gelben Zuges ist für „Fassi“ ein weiterer Bildschirm montiert, es ist bereits der dritte, den ein Triebfahrzeugführer während seiner Schicht im Blick haben muss. Die beiden anderen Monitore dienen zum einen der Kontrolle, ob alle Fahrgäste sicher ein- oder ausgestiegen sind, zum anderen der technischen Überwachung des Fahrzeugs.

„Fassi“ soll den Stromverbrauch senken

Auf der „Fassi“-Anzeige zählt eine Uhr bei jedem Bahnhofsstopp sekundengenau die Zeit für eine fahrplangerechte Weiterfahrt herunter. Und ein Pfeil auf dem Monitor signalisiert dem Lokführer während der Fahrt, ob er seinen Zug noch beschleunigen oder ihn besser rollen lassen sollte. „Das ist wie beim Autofahren. Die einen Fahrer geben nach dem Ampelstopp kräftig Gas, die anderen fahren vorausschauend. Und vor der nächsten Ampel treffen sich dann alle wieder“, sagt Triebfahrzeugführer Johannis Rupprecht. Und wie beim Auto sorgt ein allzu sportlicher Fahrstil auch bei der S-Bahn für einen höheren Energieverbrauch.

Das Unternehmen erhofft sich von „Fassi“, den Stromverbrauch um bis zu sieben Prozent zu senken. Das wären rund 25 Millionen Kilowattstunden im Jahr. „Das entspricht dem jährlichen Energieverbrauch von 5000 Vierpersonenhaushalten“, hat S-Bahn-Finanzchef Bastian Knabe ausgerechnet. Tritt die Prognose ein, könnte die S-Bahn rund 2,5 Millionen Euro im Jahr an Stromkosten einsparen. Und klappt das zudem mit der größeren Fahrplantreue, würden sich auch die Strafabzüge für schlechte Pünktlichkeit reduzieren lassen. So könnten sich die sieben Millionen Euro, die die S-Bahn in „Fassi“ investiert hat, innerhalb von nur drei Jahren amortisieren.

Noch arbeitet das von der DB Kommunikationstechnik GmbH entwickelte und bereits in mehreren kleineren Bahnen eingesetzte System nur als Hilfe. Ähnlich wie ein Navigationsgerät gibt „Fassi“ dem Lokführer nur Empfehlungen, ohne in seine Arbeit direkt eingreifen zu können. Anders ist dies schon bei dem elektronischen Zugbeeinflussungssystem ZBS, das die S-Bahn auf einigen ihrer Strecken bereits installiert hat, zum Beispiel gerade im Nord-Süd-Tunnel. ZBS soll zuverlässig verhindern, dass ein Lokführer ein Halt zeigendes Signal oder Tempolimits ignoriert. Werden all diese Systeme jedoch einmal miteinander verknüpft, sei das lokführerlose Fahren von Zügen keine Utopie mehr, mutmaßen einige Eisenbahnergewerkschafter bereits. Die jüngsten Lokführerstreiks dürften eine solche Entwicklung eher beschleunigen, so ihre Befürchtung.