Bericht zu Pädophilie

Grünen-Abgeordneter - „Ich sah die Nacktbilder der Jungen“

Nach Veröffentlichung des Grünen-Berichts zu Pädophilie kommen neue Einzelheiten heraus. So räumte der Berliner Abgeordnete Thomas Birk ein, vom Missbrauch mindestens eines Jungen erfahren zu haben.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Es war ein Fehler. Das räumt Thomas Birk einen Tag danach ein. „Ich hätte es sagen sollen, jetzt kommt es blöd rüber.“ Nur einen Tag nach der Veröffentlichung des Zwischenberichts zur Verstrickung des Berliner Landesverbandes der Grünen in das Pädophilenmilieu hat Birk ein weiteres – bislang unveröffentlichtes Detail – zur Aufarbeitung beigetragen. Der Grünen-Abgeordnete räumt bei Facebook in einem „persönlichen Nachtrag“ zur Veröffentlichung der Ergebnisse ein, selbst Kenntnis vom Missbrauch minderjähriger Jungen gehabt, sein Wissen darüber aber bis jetzt zurückgehalten zu haben. „Ich ging weder zur Polizei, noch zur Parteispitze“, schreibt Birk in seiner Erklärung. „Dafür schäme ich mich bis heute.“

Warum Birk schwieg

Birk räumt nun ein, bei einem Besuch in der Wohnung des damaligen Grünen-Mitglieds Fred Karst vom Missbrauch mindestens eines Jungen erfahren zu haben. „Wenige Monate später wurde Karst wegen Missbrauchs an einem achtjährigen Jungen verurteilt.“ Warum er bislang geschwiegen habe, „das habe ich mich in den letzten Monaten immer und immer wieder gefragt“, heißt es weiter. Vermutlich sei es aus Scham geschehen, die damals von einem Teil der Grünen geforderte Straffreiheit von sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern mit vertreten zu haben, so Birk.

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Die Grünen verteidigten die verzögerte Veröffentlichung Birks am Donnerstag. „Ohne die Arbeit von Thomas Birk wäre der Bericht nicht so gründlich geworden“, sagte Landeschefin Bettina Jarasch. „Bei der Vorstellung des Berichts ging es uns um das institutionelle Versagen der Partei“, so Jarasch. Es gebe bei vielen damaligen Parteimitgliedern auch eine persönliche Verantwortung. „Thomas Birk hat sich dazu bekannt.“ Bei den Grünen wird nun erwartet, dass in den kommenden Wochen weitere Einzelheiten über persönliche Verstrickungen in die Pädophilenszene ans Licht gelangen. „Leute wie ich, die gewusst, aber nichts gesagt haben, gibt es viele“, sagte Birk im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. „Wir werden hoffentlich noch mehr dieser Geschichten hören.“

Neue Phase in der Parteigeschichte

Damit tritt die Aufklärung des dunklen Kapitels in der Parteigeschichte der Grünen in eine neue Phase. Nach der institutionellen Aufarbeitung, die mit der Veröffentlichung des Zwischenberichts abgeschlossen ist, tritt nun die persönliche Verstrickung in den Vordergrund. Die damaligen Mitglieder müssen sich damit auseinandersetzen, welche Rolle sie persönlich in den Anfangsjahren der Partei eingenommen haben.

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Mindestens zwei langjährige Mitglieder des Landesverbandes waren einschlägig vorbestrafte Sexualstraftäter, die ihre Forderung nach der Freigabe von Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern in der Partei vertraten – und lange damit Gehör im Landesverband fanden. Auf 90 Seiten hat die zwölfköpfige Kommission, bestehend aus Parteimitgliedern und externen Experten, das Ergebnis ihrer Arbeit zusammengefasst. Durch die vermeintliche Freizügigkeit in den Gründungsjahren der Partei sei ein gesellschaftliches Umfeld geschaffen worden, in dem sich Täter als Opfer darstellen konnten, heißt es in dem Bericht. Die Grünen baten die Opfer um Entschuldigung. Mit der Aufklärungsarbeit des Berliner Landesverbandes rücken pädosexuelle Gewalt und Täterschaft ganz nah an die Grünen heran, möglicherweise sogar in Parteistrukturen hinein. Denn die 1992 bis 1995 bestehende „AG Alt & Jung“ war ein kaum getarnter Treffpunkt pädosexueller Männer, die den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen nicht nur propagierten, sondern auch vollzogen. Denn mit dem Aufarbeitungsbericht der Berliner Grünen stellt nun auch die Partei selbst klar, dass sich die pädophilen Gruppen nicht nur darauf beschränkt haben, in Parteitagsbeschlüssen die Forderung nach Straffreiheit für sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern zu verankern.

Mit einem der im Bericht genannten Protagonisten pädosexueller Gewalt, dem inzwischen verstorbenen Fred Karst, hatte das Treffen mit Birk stattgefunden. „Ich sah die Nacktbilder von seinen Pfadfinderjungen an den Wänden seiner Wohnung, sah die Hausbar und hörte die Geschichte eines der Jungen, der sich, um diesem Mann zu entfliehen, freiwillig in ein Heim begeben hatte, wie dessen betrunkene Mutter an Karsts Hausbar bekannte“, heißt es in dem persönlichen Nachtrag Birks.

Foto: Bündnis 90 / Die Grünen