Kommentar

Das Entsetzen der Berliner Grünen

Die Berliner Grünen haben ihr Versagen im Umgang mit Pädophilen in den eigenen Reihen eingeräumt. Doch die Aufklärung der dunklen Seite der Parteigeschichte steht erst am Anfang, meint Jens Anker.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Das Entsetzen über die eigenen Verstrickungen in pädosexuelle Machenschaften war am Mittwoch im Landesverband der Berliner Grünen greifbar. Fassungslos sieht die Partei auf das erste Ergebnis der Kommission zur Aufarbeitung der Vorwürfe, anderthalb Jahrzehnte das Thema Pädophilie verdrängt zu haben.

Auf 90 Seiten hat die Kommission ihre Erkenntnisse zusammengefasst. Was viele lange ahnten oder hätten wissen können, ist nun schreckliche Erkenntnis. Von der Gründung der Alternativen Liste im Jahr 1978 bis weit in die 90er-Jahre hinein tummelten sich sexuelle Straftäter in der Partei. Die Protagonisten konnten mehr oder weniger offen ihre Ziele vertreten, ohne dass sich nennenswerter Widerstand regte.

Die Wucht der Erkenntnis trifft die Partei nun umso mehr. Die teilweise romantisierenden Erinnerungen an die Sponti-Anfänge der Grünen und den Aufbruch in eine gesellschaftliche Wende gehen einher mit dem verantwortungslosen Wegsehen beim Tolerieren sexueller Gewalt vor allem gegen minderjährige Jungen. Erleichtert wurde das Treiben der Sexualstraftäter durch vermeintlich reformpädagogische Erkenntnisse, wie sie beispielsweise auch vom langjährigen Leiter der Odenwaldschule vertreten wurden, und dem allgemeinen gesellschaftlichen Klima. Sexuelle Gewalt gegen Jungen wurde lange Zeit ignoriert, die Vergewaltigung von Männern sogar erst 1997 ins Strafgesetzbuch aufgenommen.

Auch heute noch beklagen Hilfsvereine, dass sich die Debatte um die Opfer sexueller Gewalt vor allem auf Mädchen und Frauen richtet, Jungen und Männer dagegen kaum Berücksichtigung finden. Erst die Aufklärung der Missbrauchsfälle im Berliner Canisius-Kolleg und der katholischen Kirche haben hier ein Umdenken eingeleitet.

Für die Grünen steht die Aufklärung der dunklen Seite ihrer Parteigeschichte daher erst am Anfang. Bislang fehlt die Sicht der Opfer auf das Dulden sexuellen Missbrauchs in eigenen Parteistrukturen. Erst dann wird der Blick auf das Ausmaß des Versagens vollständig.