Kommentar

Die Lokführer-Gewerkschaft GDL ist auf dem falschen Gleis

Bereits zum siebten Mal wollen die Lokführer der GDL streiken - im längsten Ausstand der deutschen Bahn-Geschichte. Doch die Streiktaktik der GDL hat sich längst abgenutzt, kommentiert Thomas Fülling.

Nicht nur erfahrene Eisenbahner wissen es: Rasen zwei Züge auf demselben Gleis mit voller Geschwindigkeit aufeinander zu, droht eine Katastrophe. Im letzten Moment helfen kann da nur eine rasche Vollbremsung der Lokführer.

Doch in dem seit einem Jahr verbissen geführten Tarifkonflikt bei der Deutschen Bahn ist es ausgerechnet die Lokführergewerkschaft GDL, die nicht bremst, sondern das Zugtempo auf dem falschen Gleis immer weiter erhöht. Bereits siebenmal hat die Gewerkschaft ihre Mitglieder zum Streik aufgerufen, immer nach dem Motto: Es geht noch mehr.

Nun folgt Streik Nummer acht, ab Montag 15 Uhr soll der Güterverkehr auf der Schiene stillstehen, ab Dienstagfrüh dann auch der Fern- und Regionalverkehr sowie die S-Bahnen in den Großstädten. Streik-Ende ist erst am Sonntag, 9 Uhr. Uns Nutzern öffentlicher Verkehrsmittel steht nichts weniger als der längste Streik in der deutschen Bahn-Geschichte bevor.

Die Streiktaktik der GDL hat sich abgenutzt

Natürlich schockt dieser Superlativ erst einmal. Und natürlich werden sich wieder Hunderttausende Menschen ärgern, weil sie nicht auf dem geplanten Weg zur Arbeit, zu einem wichtigen Termin oder in den Urlaub fahren können. Doch bereits Streik Nummer sieben vor zwei Wochen hat gezeigt, wie stark die wenig einfallsreiche Streiktaktik der GDL sich inzwischen abgenutzt hat. Die Deutsche Bahn, aber auch ihre Tochter-Unternehmen reagieren inzwischen schon beinahe routiniert mit nahezu verlässlichen Ersatzfahrplänen, die den Reisenden zumindest ein Grundangebot sichern.

Ging etwa bei der Berliner S-Bahn noch während der ersten Warnstreiks so gut wie gar nichts, konnte sie beim GDL-Streik vor zwei Wochen rund ein Drittel aller regulären Züge fahren lassen – und am zweiten Streiktag sogar noch ein paar mehr. Was vor allem auch daran lag, dass die Streikbereitschaft selbst unter den Lokführern immer mehr abnimmt. Ein Großteil von ihnen hat einfach keine Lust darauf, auch unter dem Zorn vieler Kollegen dieses Land regelmäßig ins Verkehrschaos zu stürzen.

Sie haben inzwischen gemerkt, dass die Sparten-Gewerkschaft, die weniger als ein Zehntel der Bahn-Beschäftigten vertritt, nicht ernsthaft für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne streitet. Erst in der vorigen Woche hatte die Bahn-Spitze angeboten, die Entgelte aller Beschäftigten in zwei Stufen um 4,7 Prozent anzuheben und eine Einmalzahlung von 1000 Euro obendrauf zu legen. Und das in Zeiten, in denen gerade der Fernverkehr der Bahn durch den stark expandierenden Fernbus wirtschaftlich massiv unter Druck geraten ist. Doch das Angebot wurde von der GDL in Bausch und Bogen zurückgewiesen.

Die sture Kompromisslosigkeit der Lokführer-Gewerkschaft

Der Lokführergewerkschaft geht es nicht wirklich um Arbeitsbedingungen und Entgeltverbesserungen. Der GDL, die sich selbst in Konkurrenz zur viel größeren Eisenbahnergewerkschaft EVG sieht, geht es vor allem darum, für möglichst viele Beschäftigtengruppen Tarifverträge abzuschließen. Denn das Tarifeinheitsgesetz, wie es derzeit von der Regierungskoalition auf Bundesebene diskutiert wird, soll verhindern, dass einzelne Berufsgruppen ihre Interessen egoistisch, ohne Rücksicht auf andere durchsetzen. Es soll gelten: Die jeweils größte Gewerkschaft in einem Unternehmen handelt die Tarifverträge für alle aus. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Es gibt indes so manchen Zweifel, ob bei diesem Weg nicht berechtigte Interessen einzelner Berufsgruppen unter die Räder geraten. Doch mit ihrer geradezu sturen Kompromisslosigkeit könnte die GDL dem Tarifeinheitsgesetz geradezu den Weg eben. Und das könnte gleichzeitig ihr Ende sein.

Der Konflikt bei der Bahn, das wird immer klarer, kann nicht mehr von den Tarifparteien allein gelöst werden. Ein Schlichter muss her, der an einem Kompromiss im Interesse aller Bahn-Mitarbeiter, aber auch im Interesse der täglich Hunderttausenden Bahn-Kunden interessiert ist. Gegen einen Schlichter sperrt sich die GDL vehement. Dabei hat sie ihr Pulver längst verschossen. Das wird die kommende Streikwoche erneut bestätigen.