Ausländische Fachkräfte

Wie die Bürokratie Berliner Start-ups bremst

Berlin gilt bei vielen als das Silicon Valley Europas. Start-ups brauchen dringend Fachkäfte aus dem Ausland. Doch eine Arbeitserlaubnis zu bekommen ist schwierig. Viele Bewerber gehen woanders hin.

Foto: Reto Klar

Nadia Hamdan ist wohl das, was Soziologen als „Talent“ bezeichnen. 24 Jahre alt, US-Bürgerin mit libanesisch-brasilianischem Hintergrund, Abschluss in International Relations der University of Texas, erste Berufserfahrung. „Ich möchte in Europa arbeiten“, sagt die Marketingexpertin, „und Berlin gilt ja als das Silicon Valley Europas“. Einen Job hätte sie in der Hauptstadt. Atheneum Partners, ein schnell wachsender, international tätiger Wissens-Makler mit Sitz an der Torstraße in Mitte würde die Amerikanerin gern einstellen, um die Marketingabteilung aufzubauen.

Obgleich sich beide Seiten einig und andere Kandidaten schwer zu finden sind, kann es dauern, ehe Hamdan zum Team stoßen kann. Deutsche Behörden brauchen im Regelfall drei bis vier Monate, ehe ein Bewerber aus Nicht-EU-Staaten eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhält. Personalchef Michael Brinkmeier schlägt sich seit Jahren für Atheneum und frühere Arbeitgeber aus der Berliner Games- und Online-Szene mit dem Problem herum. Er kann nur lächeln, wenn Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) „Marketing für Zuwanderer“ anmahnt.

Nicht wettbewerbsfähig

Bewerber, sagt der Director of Human Resources, wie er im englischen Branchenjargon heißt, seien „hoch qualifiziert und können sich die Jobs aussuchen“. Gleichzeitig seien viele wegen Studiendarlehen verschuldet, könnten nicht drei Monate auf deutsche Behörden warten und unterschrieben oft woanders. „Daran krankt das System“, sagt Brinkmeier, „deshalb sind wir in Deutschland nicht wettbewerbsfähig“. Gerade in Berlin wiegen die Vorgaben des Ausländerrechts und die Anforderungen für Nicht-EU-Bürger schwer. Denn es gibt zahlreiche Unternehmen, die nach erfolgreicher Gründungsphase einen schnellen Expansionskurs steuern und eben nicht, wie in der Start-up-Phase, drei, vier Spezialisten benötigen, sondern gleich 30 oder 40.

Bei der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner kennen sie das Problem. Es sei ein „Riesenanliegen, auf das wir immer wieder angesprochen werden“, sagt Geschäftsführer Stefan Franzke: „Wir sind in Berlin in einer Phase des Wachstums. Das erzeugt Probleme, die wir bisher nicht hatten.“ Ein Treiber des Wachstums sei, dass viele Unternehmen versuchten, Talente nach Berlin zu holen. „Dieser Erwartung müssen wir gerecht werden“, sagt Franzke. „Wenn wir die Bürokratie nicht schnell überwinden, behindert das die Entwicklung der Stadt.“

Um ein Haar hätte Berlin so auch einen erfolgreichen Unternehmer verloren. Der Inder Projjol Banerjea hatte nach dem Abschluss in Oxford 2010 ein Angebot des Berliner Start-ups Fyber. Aber weil er zwölf Wochen auf das Visum wartete, waren beide Seiten kurz davor abzusagen. Später wollte er seine Frau nach Berlin holen, die 2013 ebenfalls an der Eliteuniversität ihr Studium abgeschlossen hatte. Obwohl er inzwischen eine unbefristete Niederlassungsgenehmigung hatte, dauerte es trotz Anwaltshilfe „14 schmerzvolle Monate“, bis seine Frau nach Berlin ziehen durfte.

„Frustrierendste Erfahrung unseres Lebens“

„Ihr Visum zu bekommen, war die beschwerlichste und frustrierendste Erfahrung unseres Lebens“, berichtet der Inder: „Der Prozess war verworren, unfreundlich und undurchsichtig“. Am Ende hatten sie die Hoffnung schon aufgegeben, orientierten sich nach London. Inzwischen hat Banerjea selbst eine Technologiefirma in Berlin gegründet.

Bei Atheneum Partners verzögert die Bürokratie zumindest die Expansion. Wenn eine Firma oder ein Medium Know-how sucht, auch zu den ausgefallensten Themen, organisiert Atheneum Experten mit Spezialkenntnissen, die weiterhelfen. „Demzufolge brauchen wir Muttersprachler aus vielen verschiedenen Gebieten“, sagt der Personalchef. „Wir wollen unsere Mitarbeiterzahl verdoppeln.“ Bisher beschäftigt das Unternehmen 80 Mitarbeiter aus 30 Nationen in Berlin, hinzu kommen Niederlassungen in Chile, Shanghai, Hongkong und Pakistan. London und New York sind im Aufbau. Deshalb hat Brinkmeier den Vergleich. In den USA dauert der gleiche Vorgang, für den die Deutschen drei bis vier Monate brauchen, zwei bis vier Wochen. Notfalls könne man für 2000 Dollar das Premium-Paket buchen und bekomme die Papiere in 14 Tagen.

Gerade in einer so spezialisierten Branche wie der von Atheneum, aber auch in vielen Software-Firmen arbeiten immer wieder Quereinsteiger, die sich ihre Kenntnisse selbst angeeignet haben. Für diese ist das deutsche System besonders schlecht ausgelegt. Berliner Unternehmen fälschen bisweilen Diplomzeugnisse von ausländischen Hochschulen, um solche Spezialisten ins Land zu bekommen. Oder sie heuern sie zunächst zu teuren Tagessätzen als Freiberufler an, lassen sie aus dem Ausland für sich arbeiten, damit sie nicht woanders einen Job annehmen.

Yzer fordert Firmenservice

Wer aus Russland, Brasilien oder Tunesien nach Deutschland zum Arbeiten möchte, muss zunächst in der Botschaft vorsprechen. Auf Termine warte man in Sao Paulo drei Wochen und in Moskau sechs, sagt der Personaler, der schon mehr als 100 Spezialisten aus zahlreichen Staaten nach Berlin lotste. Sind die Unterlagen vollständig, sendet die Botschaft sie an die Berliner Ausländerbehörde. Aber selbst für Hochkaräter, die eine sogenannte Blue Card erhalten, weil sie Akademiker in Mangelberufen wie Ingenieur sind und Jobs mit Jahresgehältern von mehr als 47.000 Euro bekommen, dauert das bis zu acht Wochen. Noch schwieriger wird es für Geisteswissenschaftler oder Politologen, die Atheneum auch braucht. Für sie ist die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit in Duisburg zuständig. Die scannt die deutsche Arbeitslosenstatistik nach Kandidaten. Die Erfahrungen sind ernüchternd. Brinkmeier hat in mehreren Jahren in seinem Job noch nie einen Mitarbeiter über diesen Weg angestellt.

Wirtschaftsförderer Franzke kann zumindest für ausländische Investoren, die hier etwa eine Firma gründen wollen, Fortschritte verkünden. Bisher brauchten sie acht Monate bis zur Zulassung. Jetzt sei das in einem Monat zu schaffen, auch weil Berlin Partner für die Ausländerbehörde begutachte, welchen Nutzen eine Investition für Deutschland und Berlin haben kann. Auch bei der Prüfung ausländischer Hochschulabschlüsse sind Berlin Partner und die Handelskammer behilflich und haben sich verpflichtet, innerhalb von fünf Tagen zu sagen, ob eine Ausbildung seriös war oder nicht. „Aber wir füllen nur Defizite“, sagt Franzke, „es muss sich grundsätzlich etwas ändern“.

Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) möchte vor allem bessere Bedingungen schaffen für Hochqualifizierte, die bisher durch die überlastete Ausländerbehörde geschleust werden. „In einer internationalen Metropole wie Berlin muss der Firmenservice getrennt werden vom regulären Betrieb der Ausländerbehörde“, sagt Yzer. Verbessert hat sich die Lage bereits für ausländische Absolventen deutscher Unis. Sie dürfen 18 Monate nach dem Abschluss bleiben, um sich einen Job zu suchen.