Von Charité bis Unfallkrankenhaus

Berlins Kliniken erhalten über 100 Millionen Euro zusätzlich

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Andreas Abel

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Der Haushaltsüberschuss macht es möglich: Berlin wird in diesem Jahr 108 Millionen Euro zusätzlich für Kliniken bereitstellen. Über die Hälfte davon erhält die Charité. Der Investitionsstau bleibt aber bestehen.

496 Millionen Euro kann der Senat in diesem Jahr zusätzlich in die Infrastruktur der Stadt investieren. Das Geld stammt aus dem Haushaltsüberschuss des vergangenen Jahres und wurde in den Zukunftsfonds des Landes Berlin eingespeist. Korrekt, aber etwas sperrig heißt der Fonds „Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt“ (Siwa). Die größte Summe, 120 Millionen Euro, bekommen die Bezirke, um Schulen und Straßen zu sanieren. Dann folgt das Gesundheitswesen. Acht Krankenhäuser erhalten insgesamt 55 Millionen Euro, um ihre Infrastruktur zu modernisieren. Hinzu kommen 53 Millionen Euro für die Charité. Diese Bauprojekte sind geplant:

Vivantes-Klinikum Humboldt (Reinickendorf) Erster Bauabschnitt für die Erneuerung und Erweiterung der OP-Säle sowie Neubau der zentralen Sterilisation. Es sollen vier OP-Säle gebaut werden, um nach deren Inbetriebnahme die anderen im zweiten Bauabschnitt sanieren zu können. Dafür sind 13 Millionen Euro vorgesehen.

Vivantes-Klinikum Am Urban (Kreuzberg) Sanierung und Neustrukturierung des OP-Bereichs. Davon seien acht Säle betroffen, die im laufenden Betrieb erneuert werden, sagte Vivantes-Chefin Andrea Grebe im Gesundheitsausschuss des Abgeordnetenhauses. Insbesondere Strom- und Kältetechnik müssten modernisiert werden. Kosten: elf Millionen Euro.

Vivantes-Klinikum Neukölln Dort soll für sechs Millionen Euro ein Neubau für die Zentralsterilisation errichtet werden.

Vivantes-Klinikum Auguste Viktoria (Schöneberg) Erster Bauabschnitt für ein neues Funktionsgebäude. Dort sollen Rettungsstelle, der OP-Bereich und Intensivstationen eingerichtet werden. Kosten: zehn Millionen Euro.

DRK-Kliniken Westend Erneuerung der zentralen Notfallaufnahme für3,5 Millionen Euro.

Evangelisches Waldkrankenhaus Spandau Sanierung und Neustrukturierung des Zentral-OP für Chirurgie und Gynäkologie. Dafür sind sechs Millionen Euro vorgesehen.

St.-Hedwig-Kliniken Mitte Sanierung und Neustrukturierung von vier OP-Sälen für drei Millionen Euro.

Unfallkrankenhaus Berlin (Biesdorf/Marzahn) Erweiterung des OP-Bereichs. Dafür sollen 2,5 Millionen Euro aus dem Siwa-Topf fließen.

Charité, Campus Rudolf Virchow (Wedding) Für die dritte Stufe der Neustrukturierung von Intensivmedizin und Rettungsstellen sind 12,5 Millionen Euro vorgesehen. Außerdem werden am Virchow-Klinikum 19,8 Millionen Euro in die veraltete Starkstromversorgung investiert.

Charité, Campus Benjamin Franklin (Steglitz) Dort werden 4,5 Millionen Euro in die Erneuerung der Polikliniken investiert. Diese befinden sich vielfach noch im Originalzustand von 1969. Der vordringlichste Bedarf bestehe nach Angaben der Senatswissenschaftsverwaltung in den Ambulanzen für Urologie, Unfallchirurgie, Orthopädie, Neurologie, sowie für Hals-, Nasen-, Ohren- und Augenheilkunde. Auch am Steglitzer Charité-Standort muss die Starkstromversorgung saniert werden. Dafür sind 13,7 Millionen Euro vorgesehen. Weitere 2,5 Millionen Euro fließen in den Neubau des Landeplatzes für den Rettungshubschrauber Christoph 31.

So erfreulich die Finanzspritze für die Krankenhäuser ist, sie kann den Investitionsstau nicht annähernd auflösen. Anke-Britt Möhr von der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen bezifferte im Gesundheitsausschuss den jährlichen Investitionsbedarf der Berliner Kliniken auf 219 Millionen Euro. Der Senat zahle allerdings nur 77 Millionen Euro, also rund ein Drittel. Das jährliche Defizit von mehr als 140 Millionen Euro lasse den Investitionsstau wachsen, sagte Möhr. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) räumte ein, dass in Berlin die Krankenhausinvestitionen über viele Jahre zurückgefahren worden seien. Das wird auch am knapp 30 Jahre alten Vivantes-Klinikum Neukölln deutlich. Der landeseigene Krankenhausbetrieb beziffert den Investitionsbedarf für die nächsten Jahre dort auf etwa 350 Millionen Euro. In einem internen Papier, das der Berliner Morgenpost vorliegt, ist unter anderem von einer „akuten Gefährdung“ der Fassaden und Dächer die Rede. Bei starkem Regen laufe Wasser in Räume der oberen Etagen. Das Klinikum Neukölln müsste auch dringend erweitert werden, die Auslastung lag 2013 bei 91 Prozent, im Berliner Durchschnitt betrug sie 82 Prozent.

Besondere Sorgen bereitet die Rettungsstelle, die größte in Berlin. Fast 80.000 Patienten wurden dort im vergangenen Jahr registriert, ursprünglich war sie nur für 25.000 Patienten ausgelegt. „Schwierige Bedingungen bei Massenanfall von Verletzten“, heißt es dazu in dem Papier. Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) warnte, bei einer Katastrophe mit mehr als 70 Verletzten wäre das Klinikum nicht mehr in der Lage, alle Betroffenen zu versorgen. Vivantes entgegnete, das Klinikum Neukölln und die zugehörige Rettungsstelle seien in der Lage, auf Großschadensereignisse zu reagieren. Bei Engpässen gelinge das nicht zuletzt durch engagierte Mitarbeiter und kurzfristige Lösungen.

Abhilfe soll eine neue Rettungsstelle schaffen, die zusammen mit neuen OP-Sälen und Intensivstationen in einem gemeinsamen Neubau errichtet werden soll. Dafür seien rund 100 Millionen Euro nötig, so Liecke. Gesundheitssenator Czaja will das Projekt für den nächsten Berliner Doppelhaushalt 2016/2017 anmelden. Wird es bewilligt, dauert es trotzdem noch mindestens vier Jahre, bis die neue Rettungsstelle ihren Betrieb aufnehmen kann.