Nach Orkantief „Niklas“

Chaos in Tegel - Hunderte Koffer sind noch verschwunden

Wegen der starken Windböen des Orkantiefs „Niklas“ konnten am vergangenen Dienstag Flugzeuge in Tegel nicht be- oder entladen werden. Passagiere wussten am Ostermontag noch nicht, wo ihre Koffer sind.

Foto: Reto Klar

„Baggage Service Center“ verkündet das grüne Schild am Eingang – der Gepäckservice. Dutzende Menschen sind in das kleine Gebäude am Terminal C im Flughafen Tegel gekommen. Die Luft ist schlecht, die Stimmung auch. „Das ist wirklich ärgerlich“, sagt Horst Czauderna, der sich seinen Ostermontag anders vorgestellt hatte. Statt Ostereier sucht er seine Koffer. Czauderna kam am Dienstag vergangene Woche aus dem Türkei-Urlaub zurück, Landung um 21 Uhr in Tegel. Während er und Ehefrau Fortunata aus der Maschine stiegen, blieb ihr Gepäck dort zurück. Erst um 1 Uhr nachts, sagt Czauderna, habe man den Fluggästen mitgeteilt, dass sie ohne Gepäck nach Hause müssten. Alles kein Problem, wurde den Passagieren mitgeteilt, die Sachen würden nachgeschickt, man werde die Betroffenen kontaktieren.

Doch eine Woche später herrscht immer noch Chaos. Passagiere aller Flüge sollen am Dienstag, während Sturmtief „Niklas“ tobte, in Tegel ihre Koffer nicht erhalten haben. Darunter waren auch je zehn Maschinen von Lufthansa und Germanwings. Rund 5000 Gepäckstücke, davon 1000 bis 1200 der beiden deutschen Airlines, waren nach Angaben der Lufthansa wegen des Sturms in der Maschine oder am Boden geblieben. Wegen der starken Windböen konnte keine Maschine be- oder entladen werden. Wie bei einer Autotür, die bei starkem Sturm geöffnet wird, bestand sonst die Gefahr, dass Halterungen oder Scharniere einfach abknickten.

Passagier kritisieren mangelnde Information

So kam es, dass das Gepäck abfliegender Passagiere in Tegel blieb, während die Koffer der Angekommenen sich wieder auf die Reise machten. Die Passagiere seien informiert worden, dass sie ohne Gepäck fliegen müssten, sagt Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber. Weil alles schnell gehen musste, sei bei vielen Gepäckstücken aber keine Zeit gewesen, sie zu scannen. Vieles habe per Hand nachgearbeitet werden müssen. „Es war alles voll in Tegel, deshalb mussten Maschinen auch abfliegen, um Platz zu schaffen“, so Weber. Die Stationsmitarbeiter hätten Sonderschichten gefahren. „Schneller ging es nicht“, wirbt Weber um Verständnis. Zuletzt habe es im Winter 2010/2011 solch eine Situation gegeben. Wegen des strengen Winters habe es damals Probleme mit den Koffern gegeben. Damals habe es zwei bis drei Wochen gedauert, bis alles wieder normal lief.

Nicht nur das Ehepaar Czauderna, sondern nahezu jeder Betroffene berichtet, dass es kaum oder nur fehlerhafte Auskünfte gegeben habe. Die Telefonhotline, die man ihnen genannt habe, sei ständig belegt gewesen. „Meine Verwandten müssen morgen zurück nach Italien fliegen“, sagt Dina, die am Montag seit einer halben Stunde in der Schlange steht. „Wenn sie bis dahin ihr Gepäck nicht haben, ist das ein Problem.“ Fünf Gäste hatte sie zu Besuch, darunter drei Kinder. Sie mussten sich neue Kleidung kaufen oder leihen. Czauderna indes ist heilfroh, dass er kurzfristig an neue Medikamente für seine Frau kam. Sie ist Diabetikerin, das Insulin war im Koffer.

Verlustmeldung verschwunden

Viele Passagiere wissen nicht einmal, wo sich ihr Gepäck überhaupt befindet. Renate Mallwitz aus Stuttgart kam am vergangenen Dienstag zu Besuch nach Berlin, anhand des Verlustzettels ließ sie ihre Cousine im Internet nachschauen, wo sich ihr Koffer befand. „Meine Meldung war nicht im Computer, der Koffer war nirgends. Weder in Stuttgart noch in Berlin.“ Nicht nur Mallwitz beschreibt das Verhalten der Mitarbeiter vor Ort als „dilettantisch“.

Gemeint ist die Firma Globe Ground, der verantwortliche Dienstleister am Flughafen. Das Personal sei am Montag verdreifacht worden, berichtet ein Mitarbeiter vor Ort. Trotzdem dauere es zum Teil bis zu einer Stunde, bis die Mitarbeiter den richtigen Koffer gefunden hätten – wenn überhaupt. Per Hand müssen sie jedes einzelne Gepäckstück scannen, das der Beschreibung entspricht. „Sucht dann jemand nach einem schwarzen Koffer ohne besondere Merkmale, dauert das natürlich“, sagt ein Globe-Ground-Mitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen will. Die Verantwortlichen des Unternehmens, das zur Firma Wisag gehört, waren über mehrere Tage nicht zu sprechen. Offiziell gab es auch am Ostermontag keine Stellungnahme.

Immerhin die Flughafengesellschaft gab Auskunft. „Wisag/Globe Ground ist in Tegel zuständig für das Gepäck. Uns gegenüber wurde mitgeteilt, dass mittlerweile knapp zwei Drittel abgearbeitet sind“, teilte ein Sprecher am Sonntag auf Morgenpost-Anfrage mit. Die Flughafengesellschaft erwarte, dass liegen gebliebene Koffer nun schnellstmöglich den Passagieren übergeben werden. „Sollte dafür zusätzliches Personal notwendig sein, muss der Dienstleister für ausreichend verfügbare Mitarbeiter sorgen. Es kann nicht sein, dass unsere Passagiere Ostern ohne Gepäck verbringen müssen“, kritisierte der Flughafen-Sprecher. Nach den Feiertagen würde die Flughafengesellschaft „intensive Gespräche“ mit Globe Ground führen. Ihr Gepäck bekommen die Betroffenen dadurch wohl trotzdem nicht schneller zurück. Sowohl Renate Mallwitz als auch das Ehepaar Czauderna verlassen den Flughafen am Montag mit leeren Händen. Neuester Stand: Es könne noch zwei Wochen dauern, bis ihr Gepäck ausfindig gemacht sei.