Bluttat in Neukölln

Mysteriöser Mord an Burak B. - „Die Angst bleibt“

In der Nacht zum 5. April 2012 wurde Burak B. erschossen - mitten in Neukölln, mitten auf der Straße. Doch obwohl es Zeugen gegeben hat, fehlt bis heute jede Spur von seinem Mörder.

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Es begann mit einer Randspalte in einer Zeitung. Im Grunde war es gar keine Nachricht, die Rona Torenz las. Nur, dass es keine Spur im Mordfall Burak B. gab, stand da. Immer noch nicht. Obwohl es Zeugen gegeben hatte, obwohl der Mord mitten in der Stadt passiert war, mitten auf der Straße.

Der Tod dieses jungen Mannes erinnerte Rona Torenz an die Morde, über die damals die ganze Republik sprach. Deutschland stand unter dem Schock des Nationalsozialistischen Untergrunds. Was man jahrelang als „Döner-Morde“ und „Mordserie Bosporus“, als Milieu-Taten, heruntergespielt hatte, erwies sich gerade als eine gezielte Mordserie von Rassisten. Und das, was sich in Köln, Karlsruhe und Kassel ereignete hatte, klang ganz ähnlich wie die Tat, die jetzt in Neukölln geschehen war.

Ein paar Freunde treffen sich auf der Straße, Ömer, Seltunc, Alex, Jamal und eben Burak. Es ist Gründonnerstag, 1 Uhr nachts. Sie sind auf dem Weg zum Bus, eigentlich schon auf dem Weg nach Hause. Da taucht aus dem Nichts ein Mann auf, geht auf die jungen Männer zu, zieht eine Waffe und schießt fünfmal. Alex, Jamal und Burak werden getroffen, sie fallen zu Boden. Der Mann, so erzählt es Seltunc später, habe sie noch ein paar Sekunden beobachtet, wie sie ihren Freunden zu Hilfe kamen. Reglos habe er dagestanden, gesagt habe er nichts. Dann verschwindet er. Und Burak ist tot.

Parallelen zu den NSU-Morden

Rona Torenz hat die ganze Nacht mit ihrem Freund diskutiert. Darüber, welche Konsequenzen jetzt auf diesen Mord folgen müssten, seit man um die rassistischen Hintergründe der Mordserie weiß. Es kann doch nicht sein, dass mitten in Berlin ein Unbekannter einen 22-Jährigen einfach so erschießt und zwei weitere lebensgefährlich verletzt. Ohne dass sie sich kannten. Ohne dass dem wenigstens ein Streit vorausgegangen wäre. Das würde nichts entschuldigen, aber zumindest etwas erklären. Werden die Ermittler aus den Fehlern, die sie bei der Nicht-Aufklärung der NSU-Überfälle gemacht haben, lernen? Werden sie dieses Mal die Angehörigen miteinbeziehen und nicht gegen sie ermitteln?

Rona Torenz und ihr Freund wünschen sich, dass dieser Mordfall mehr Öffentlichkeit bekommt. Dass man genau hinschaut, und es nicht einfach bei den üblichen Nachforschungen belässt. Da müssen wir etwas tun, sagen sie sich. Und so passiert es, dass sie eine Initiative gründeten. Die „Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak B.“.

Rona Torenz ist 31 Jahre alt. Sie stammt aus einer Kleinstadt in Brandenburg. Eine Stadt, wie sie sagt, in der man sich auskennt mit Rassisten. Sie hat Gender Studies und Philosophie studiert und hat ein Buch veröffentlicht: „Kritische Weißseinsforschung und Deutscher Kontext“. Sie hat Burak B. nicht gekannt. Sie lebt in Neukölln, demselben Bezirk, in dem Burak lebte. Sie im Norden, in einer Gegend, die man Kreuzkölln nennt und die mittlerweile in jedem Stadtführer unter dem Stichwort „Szenebezirk“ auftaucht. Er im Süden, familienfreundlich, kleinbürgerlich, grün. Burak machte eine Ausbildung zum Automobilkaufmann. Ein Autonarr war er, sagen seine Freunde. Neukölln ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit von Rona Torenz und Burak B. Und trotzdem beschäftigt sie sich seit bald drei Jahren fast täglich mit ihm.

Es hat lange gedauert, bis die Initiative Kontakt zu den trauernden Eltern gefunden hat. Ein halbes Jahr mindestens. Melek und Ahmet B. stammen von der Schwarzmeerküste. In den 80er-Jahren kamen sie nach Berlin. Er ist TV-Techniker, sie ist Altenpflegerin. Sie kaufen ein kleines Haus in Buckow und bekommen drei Kinder: Burak, drei Jahre später Fatih und dann 2002 noch ein Mädchen, Melike.

Anonyme Briefe: „Ich weiß, wer der Mörder ist“

Als nach dem schrecklichen Tod ihres Sohnes eines Tages eine Vertreterin der Initiative bei ihnen anrief, waren sie skeptisch. Sie hatten Sorge, dass zu viel öffentliche Aufmerksamkeit ihnen schaden könnte. Sie wollten, sagt Torenz, keinen Ärger machen. Sie dachten, wenn man der Polizei keinen Druck macht, dann ist sie eher bereit zu helfen. Es gab ein erstes Treffen mit der Initiative, dann noch eines. Langsam baute sich Vertrauen auf.

Am Anfang haben Melek und Ahmet B. auch selbst nach dem Mörder ihres Sohnes gesucht. Er starb fünf Minuten von seinem Elternhaus entfernt. Irgendjemand muss doch etwas gesehen haben. Gerüchte gab es viele. Am Grab fanden die Eltern anonyme Briefe. „Ich weiß, wer der Mörder ist“, stand darin. Und Hinweise. Aber keiner ergab etwas. Nur noch mehr Schmerz.

Die TV-Sendung „Aktenzeichen XY“ drehte einen Beitrag über Burak B. An dem Abend postete die Freundin eines Neuköllner NPD-Funktionärs einen rassistischen Kommentar auf Facebook. Die Initiative zeigte sie an, das Verfahren wurde eingestellt. Warum, das weiß Torenz nicht. Die Polizei überprüfte die Besitzer von Waffenscheinen aus Neukölln, sagt sie. Noch nicht mal bis nach Königs Wusterhausen hätten sie geschaut, sagt sie. Einmal gab es schon Meldungen, dass der Mörder von Burak B. gefasst sei. Die erwiesen sich als falsch.

Am 5. April starb Burak B.. Am 5. Tag jeden Monats veranstaltet die Initiative für ihn eine Mahnwache. Die Mitglieder treffen sich an unterschiedlichen Orten der Stadt, sie gehen in Geschäfte, sprechen mit Menschen auf der Straße, und sie verteilen Flugblätter, auf denen sie die Geschichte von Buraks letzter Nacht erzählen und auf denen sie Forderungen aufstellen. Dass es endlich gezielte und bundesweite Ermittlungen in Richtung eines Mordanschlags und einer NSU-Nachahmungstat geben soll, dass die Anwälte vollständige Akteneinsicht bekommen sollen.

Zu einer der ersten Mahnwachen trugen die Freunde von Burak rote Basecaps. Das war sein Markenzeichen, erzählten sie. Die Mütze dient der Initiative jetzt als Symbol. Einmal ging Torenz mit den Flyern zur Mahnwache in eine Fahrschule. Da hätten die Mädchen richtig gekreischt, erzählt sie. Burak B. sah gut aus.

Initiative will einen Gedenkort

Zur Erinnerung kamen am ersten Todestag von Burak B. 400 Menschen. Zu wenig, findet Torenz. Der Fall bekomme nicht genügend Aufmerksamkeit. Doch die Art, wie der Täter vorging, sei nicht unbekannt. Aus neonazistischen Anleitungsbüchern wie den „Turner Tagebüchern“, „Eine Bewegung in Waffen“ oder dem „White Resistance Manual“. Darin wird ein bewaffneter „Rassenkrieg“ propagiert, sagt Torenz, den auch einer alleine kämpfen kann. Diese „Ein-Personen-Zelle“ sei undurchdringlich für die Strafverfolgung. Es gelte die „Propaganda der Tat“, die ausgeführten Mordanschläge sollen ohne Bekennerschreiben für sich selbst sprechen. „Das passt alles“, sagt Torenz.

An diesem Ostersonntag jährt sich der Mord an Burak und der versuchte Mord an seinen Freunden. Rona Torenz und die anderen werden wieder auf der Straße stehen und an Burak B. erinnern. Sie treffen sich um 14 Uhr an der Todesstelle. Die Überschrift auf dem Flyer mit der Ankündigung ist: „Die Angst bleibt“ .

Die Initiative steckt in der Sinnkrise. Es geht nicht vorwärts. 94 Prozent aller Morde in Deutschland werden aufgeklärt. Der Mord an Burak B. gehört zu den anderen sechs Prozent. Die Generalstaatsanwaltschaft Berlin teilt den aktuellen Stand mit: „Der Täter ist weiterhin unbekannt, es gibt auch keinen Verdächtigen. Die Ermittlungen dauern an. Eine ‚heiße Spur‘ gibt es allerdings leider nicht“, so eine Sprecherin.

Auf dem Weg zum NSU-Prozess in München

Im März fuhr die Initiative zusammen mit Melek und Fatih B. nach München zum NSU-Prozess, um nochmal auf die Möglichkeit einer Nachahmungstat hinzuweisen. „Als hätte es die Mord-Serie des NSU nie gegeben, werden Parallelen ignoriert. Wie bei den NSU-Morden fehlt der Polizei auch hier ein erkennbares Motiv, obwohl die überlebenden Jugendlichen berichteten, der Mord erinnere sie an eine gezielte Hinrichtung“, so erklärten sie der Presse.

Am 17. April wird die Initiative eine Zwischenbilanz ziehen. Sie laden dazu Menschen ein, die mit ihnen zusammen gearbeitet haben. Journalisten, Anwälte, andere Initiativen, die sich gegen Rassismus und Faschismus einsetzen. Sie wollen erforschen, ob ihr Ansatz noch sinnvoll ist, ob sie nicht über eine andere Herangehensweise nachdenken müssten.

Und noch ein anderes Ziel verfolgen sie. Aus dem Ort, an dem Burak starb, soll ein Gedenkort werden. Eine permanente Konfrontation für die Nachbarschaft, sagt Torenz.

Was damals in der Randspalte stand, stimmt auch drei Jahre später noch. Bis heute wissen Melek und Ahmet B. nicht, wer ihren 22-jährigen Sohn in der Nacht zum 5. April 2012 erschossen hat. Aber sie wissen, dass es Menschen gibt, denen das nicht egal ist.