Mord in Neukölln

Frank Henkel besucht Familie des erschossenen Burak B.

Zum ersten Todestag des 22-jährigen Burak B. traf Innensenator Henkel die Angehörigen. Der Fall lastet stark auf den Ermittlungsbehörden - vom Täter fehlt jedoch bisher jede Spur.

Foto: Markus Heine / dpa

Es war die Nacht zum Gründonnerstag des vergangenen Jahres, die die Welt der Familie B. aus Neukölln für immer veränderte. Ihr ältester Sohn Burak war mit vier Freunden unterwegs, wie so oft. Seine Eltern kannten die anderen, es seien gute Jungs, versichern sie, unterschiedlichster Herkunft.

Sie stammen aus der Türkei, aus Arabien und Russland. Zunächst feierten die jungen Männer gemeinsam in einem Klub, danach saßen sie noch auf einem Geländer an der Rudower Straße, direkt vor dem Krankenhaus Neukölln. Die jungen Männer unterhielten sich, vielleicht waren sie etwas laut, von Grölerei könne aber keine Rede gewesen sein, berichteten Anwohner später.

Kurz nach 1 Uhr tauchte plötzlich ein Unbekannter auf und eröffnete das Feuer auf die Gruppe. Zuerst fielen drei Schüsse, dann noch einmal zwei. Burak B. lag sterbend auf der Fahrbahn, seine beiden Freunde auf dem Gehweg. Ein Augenzeuge sprach später bei der Polizei von einer regelrechten Hinrichtung.

Die Feuerwehr brachte Burak ins gegenüberliegende Krankenhaus. Doch den Ärzten der Intensivstation wurde schnell klar, dass es für den jungen Mann keine Rettung gab. Kurz darauf starb Burak auf dem Operationstisch.

15.000 Euro Belohnung für Hinweise zum Täter ausgesetzt

Auch fast genau ein Jahr nach der Tat steht die Polizei vor einem Rätsel. Trotz der Zeugenaussagen, mehr als 100 Hinweisen und einer ausgesetzten Belohnung in Höhe von 15.000 Euro fehlt den Ermittlern eine Spur, die sie auf die Fährte des Täters führen könnte. Und je mehr Zeit verstreicht, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Tat aufgeklärt wird.

Den Jahrestag – den 5. April – nahm Innensenator Frank Henkel (CDU) am Mittwoch zum Anlass, die Familie des Mordopfers zubesuchen. Fast ein wenig hilflos wirkt Henkel an diesem Vormittag, als er zusammen mit Polizeipräsident Klaus Kandt im Vorgarten der Familie steht.

„Ich komme nicht mit einem Ermittlungserfolg“, sagt er zum Vater des Opfers. Zum zweiten Mal bereits besucht Henkel die Familie in ihrem Haus in Buckow. „Ich möchte, dass der Fall nicht in Vergessenheit gerät“, sagt er. „Die Polizei unternimmt alles, um den Mörder ihres Sohnes ausfindig zu machen.“

Henkel will verstärkt gegen Alltagskriminalität vorgehen

Der Fall lastet besonders stark auf den Ermittlungsbehörden, weil er in die allgemeine Diskussion um die zehn Morde an meist türkischstämmigen Deutschen des Nazi-Terror-Trios der NSU fiel. So lange der Täter nicht identifiziert ist, steht auch weiter die Möglichkeit einer ausländerfeindlichen Tat im Raum.

„Die Polizei ermittelt in alle Richtungen“, versichert Henkel dem Vater des Mordopfers an diesem Mittwoch. „Die Polizei schließt nichts aus.“ Auf keinen Fall soll der Eindruck entstehen, dass die Berliner Behörden wie ihm Fall des NSU-Terrors einen rechten Tathintergrund von vorne herein ausschließen.

Innensenator Henkel hat angekündigt, in diesem Jahr verstärkt gegen die Alltagskriminalität vorzugehen. Dazu zählt die Verfolgung von Hütchenspielern, Einbrechern oder Gewalttätern im öffentlichen Nahverkehr.

Sicherheitsgefühl der Bürger soll gestärkt werden

Grundsätzlich sollen die Ermittlungsbehörden einen stärkeren Fokus auf die Delikte, die die Menschen unmittelbar betreffen und die sie in ihrem Sicherheitsgefühl beeinträchtigen, legen. Dazu werde er eine Strategie mit Berlins neuem Polizeipräsidenten Klaus Kandt verabreden.

2012 hatten brutale Gewaltfälle in der Hauptstadt für Schlagzeilen gesorgt. Zuletzt war Mitte Oktober der 20 Jahre alte Jonny K. am Alexanderplatz von sechs jungen Männern totgeprügelt worden. Auch diese Tat hat bundesweit Aufsehen erregt. Im Gegensatz zum Fall Burak B. allerdings sind die Täter bekannt.

Wertedialog als Mittel gegen Verrohung und Gewalt

Am 13. Mai soll der Prozess gegen fünf der Täter beginnen, der mutmaßliche Haupttäter befindet sich weiter auf der Flucht. Die anderen Täter müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung sowie Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Innensenator Henkel startete als Reaktion auf diesen und andere Fälle einen Wertedialog mit den Bürgern als Mittel gegen Verrohung und Gewalt.

So besuchte er am Todestag der von ihren Brüdern ermordeten Hatun Sürücü ein Projekt muslimischer Männer, das sich gegen Gewalt im Namen der Familienehre wendet und sprach mit jugendlichen Inhaftierten in der Jugendstrafanstalt. Vor allem mit jungen Menschen will der Innensenator ins Gespräch kommen. Er wolle damit erreichen, irgendwann die Spirale der Gewalt zu durchbrechen, sagte Henkel.