Extremismus

Wie der Berliner Gökhan als „Gotteskrieger“ in Syrien starb

Immer mehr Islamisten reisen in den „Heiligen Krieg“. Sie hinterlassen verzweifelte Angehörige. Es sind junge Menschen auf der Suche nach Identität. Die Morgenpost und der RBB haben recherchiert.

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Der dschihadistische Terror macht demokratische Gesellschaften verwundbar. Mitten unter uns wächst die Zahl von jungen Männern und Frauen, die sich radikalisieren. Der Trailer zum RBB-Dokumentation.

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Filiz C. will nichts mehr fühlen, wenn sie an ihren Sohn denkt. Sie weiß mittlerweile, was sie sich zumuten kann und was nicht. Dem Schmerz freien Lauf zu lassen, dem wohl größten Schmerz, den eine Mutter empfinden kann – das würde sie nicht aushalten.

Denn Filiz C. hat ihren Sohn verloren. Einen Sohn, der bereit war, seine Mutter allein zurückzulassen. Gökhan starb im Oktober 2013. In Syrien. Als selbst ernannter „Gotteskrieger“. Der Gedanke, dass er nun irgendwo in dem fremden Land unter der Erde liegt, ist für die Mutter nicht zu ertragen. Manchmal, so sagt sie, würde sie ihren Sohn dafür, dass er sie sitzen ließ, um in einen sinnlosen Krieg zu ziehen, regelrecht hassen.

Nun sitzt die Berlinerin in ihrer Wohnung in Tempelhof, schaut sich Fotos an, die Gökhan als Kind und als Jugendlichen zeigen, und erzählt aus der Zeit, als ihr Sohn noch kein fanatischer Islamist war. Dass er gern Fußball gespielt hat und gern geschwommen ist. Dass er fröhlich war und verspielt. Und dass sie, als Muslimin, ihrem Sohn die Grundwerte ihres Glaubens vermittelt habe, ihm aber nie eine dogmatische Auslegung des Islam vorgelebt hat. „Es gab bei uns keinen Zwang“, sagt Filiz C. Aber Gökhan habe schon als Kind ein besonderes Interesse für die Religion gehabt und einen Hang, alles sehr genau zu nehmen.

Schwierige Jugend

Leicht hatte es Filiz C. nicht mit ihrem Sohn. Der Vater stirbt, als der Junge gerade mal zwei Jahre alt ist. Filiz C. arbeitet damals jeden Tag von 9 bis 19 Uhr als Friseurin. Sie ist oft gestresst, das sagt sie selbst, und dem jungen Gökhan, das vermutet sie, fehlt der Vater und der Familienzusammenhalt. Seine Leistungen in der Schule sind bescheiden bis schlecht. Seinen damaligen Freundeskreis beschreibt Filiz C. als problematisch. Als Gökhan 19 ist, zieht sie mit ihm nach Pinneberg in Schleswig-Holstein. In der Nähe wohnt eine Cousine und die besorgte Mutter hofft, dass der Wechsel des Wohnortes für Gökhan ein Neustart sein kann. Es scheint zu funktionieren. Gökhan findet in der Kleinstadt nördlich von Hamburg neue Freunde, ist in der Clique akzeptiert. Er feiert viel und kann sich vor Frauen kaum retten, so berichtet es ein damaliger Freund. „Er war aber auch leicht beeinflussbar und faul. Und beruflich hat er nicht viel auf die Reihe bekommen.“

Dschihad in den Köpfen - die Teaser

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Als Gökhan eine praktizierende Muslimin heiratet, wendet er sich mehr und mehr der Religion zu. Im Internet hört er Vorträge von Predigern, die der Ideologie der Salafisten folgen. Sie gehören zum gemäßigten Spektrum der Szene. Die „Gesetze Gottes“ oder vielmehr das, was sie dafür halten, sind für sie wichtiger als das Grundgesetz. Hass gegen Andersgläubige oder Gewalt lehnen sie aber ab. Von Radikalisierung bekommt Filiz C. zunächst nichts mit. „Er hat fünf Mal am Tag gebetet, er war höflich, und er hat auch mich zu schätzen gewusst“, sagt sie. Die neue Religiosität beruhigt Gökhan. Mutter und Sohn verstehen sich so gut wie lange nicht mehr. „Das hat mich damals glücklich gemacht“, sagt Filiz C.

Doch Gökhans Probleme bleiben. Der fehlende Vater, die berufliche Perspektivlosigkeit, die verzweifelte Suche nach Orientierung und Halt. Die Prediger, denen er anfangs folgt, können ihm keine Antworten geben – und Gökhan will mehr. Er versinkt in einer religiösen, vielleicht eher scheinreligiösen Parallelwelt, in der er sich weltlichen Problemen nicht stellen muss – und überzeugt sein kann, als Anhänger einer auserwählten Gemeinschaft von „wahrhaft Gläubigen“ ins Paradies zu kommen.

Schritte zur Radikalisierung

Gökhan will etwas für seinen neu entdeckten Glauben tun – und macht den nächsten Schritt seiner Radikalisierung. Er gerät an eine Clique junger Islamisten, die im Rahmen der salafistischen Kampagne „Lies!“ in der Pinneberger Innenstadt Korane verteilen. Die Vorträge der vergleichsweise gemäßigten Salafisten-Prediger sind ihnen zu soft. Sie orientieren sich an den Wortführern der Gruppe „Die wahre Religion“.

Ihr Chefideologe ist ein Mann, der sich Abu Dujana nennt. In seinen Ansprachen spricht er vom „Lieben und Hassen für Allah“ – und schwört seine Zuhörer darauf ein, sich von den „Ungläubigen“ fernzuhalten. Gökhans fühlt sich wohl bei den Koran-Verteilern. Das habe sein stolzer Gang verraten, erzählt Filiz C. Er lässt seinen Bart wachsen – und zeigt die Abneigung, mit der er den „Ungläubigen“ begegnet, sogar seiner Mutter. Einen Gesichtsschleier solle sie tragen und fünfmal am Tag beten, fordert er. Er drängt sie sogar, ihren Beruf aufzugeben. „Du schneidest ja auch Männern die Haare und das ist verboten“, belehrt er seine Mutter. „Da habe ich gemerkt, dass es richtig losgeht mit der Radikalisierung und dass ich nicht mehr an ihn herankomme“, sagt Filiz C. Dann hält sie inne – und für einen Moment wirkt es so, als würde sie die mütterlichen Gefühle doch zulassen. Aber Filiz C. fängt sich wieder und sagt nur: „Er hat mich richtig als Mama ausgestoßen.“

Auch Gökhans Frau kann die Radikalisierung nicht stoppen. Die Ehe zerbricht. Anfang 2012 schließt er sich der militanten Islamisten-Kameradschaft „Millatu Ibrahim“ an. Ihr wichtigster Propagandist ist der Kreuzberger Ex-Gangster-Rapper Denis Cuspert. Der Chef der Gruppe ist Mohamed Mahmoud, ein österreichischer Islamist, der in Wien als Terrorpropagandist zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. Mittlerweile sind Cuspert und Mahmoud zu Propagandisten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) aufgestiegen. Über die Segnungen des Märtyrertodes spricht Cuspert aber schon, als er noch in Deutschland weilt. Mohamed Mahmoud schwadroniert seinerzeit davon, dass die Strafen der Scharia bald auch auf dem Petersplatz in Rom vollstreckt würden.

Randale in Solingen und Bonn

Im Mai 2012 geht die Saat des Hasses auf. Anhänger der islamfeindlichen Partei Pro NRW provozieren in Solingen und Bonn mit Karikaturen des Propheten Mohammed – und Anhänger von Millatu Ibrahim zetteln eine regelrechte Straßenschlacht an. Gökhan ist mittendrin. Seine Mutter erkennt ihn auf Videos, die auf der Internetplattform Youtube abrufbar sind. In einem Auto, in dem Gökhan unterwegs ist, findet die Polizei später sogar Messer. Für einen Tag, so berichtet Filiz C., muss er ins Gefängnis.

In Syrien tobt unterdessen der Bürgerkrieg. Terrororganisationen wie der IS verbreiten in Videos schwülstige Kriegsromantik, missbrauchen das Leiden der Zivilbevölkerung, um für den „Heiligen Krieg“ zu rekrutieren – und werben mit dem Versprechen, am Aufbau eines vermeintlich „islamischen“ Gottesstaates mitwirken zu können. Die Propaganda wirkt. Im August 2013 reist auch Gökhan aus. Ein Freund erinnert sich, ihn etwa einen Monat zuvor noch einmal getroffen zu haben. „Da wirkte er völlig normal.“ Von einem Plan, nach Syrien zu reisen, habe Gökhan nicht gesprochen. „Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, das war ein Abschiedsgespräch“, sagt er.

Der Mutter erzählt Gökhan, er fahre zu einem Freund. Tatsächlich reist er in die Türkei. Der Nato-Partner ist für europäische Dschihadisten zur Durchgangsstation geworden. Wer in einer Grenzstadt zu Syrien mit Salafisten-Bart herumläuft, wird schnell von einem Terror-Rekruter angesprochen. Die türkischen Grenzbeamten, das berichten sowohl Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden als auch Anhänger der Dschihadisten-Szene, winken die „Gotteskrieger“ in aller Regel durch. Auch Gökhan wurde nicht aufgehalten. Im September, einen Monat vor seinem Tod, schickt er seiner Mutter eine letzte Nachricht. Er werde in den nächsten Wochen kein Handy haben und sich nicht melden, schreibt er. Einen Monat später berichten dschihadistische Weggefährten in sozialen Netzwerken, der 25-Jährige sei bei einem Schusswechsel durch die Kugel eines Gefährten ums Leben gekommen.

Verlassene Mutter

Filiz C. erfährt von der geschiedenen Ehefrau von Gökhans Tod. Danach zieht sie zurück in ihre Heimat – nach Berlin. Die Ungewissheit quält sie. Das ist verständlich. Es gibt kein Grab, keinen Totenschein und anders als bei anderen getöteten „Gotteskriegern“ haben Terrorgruppen kein „Märtyrer-Foto“ veröffentlicht. Doch auch die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Gökhan nicht mehr lebt. Ihre Quellen nennen sie nicht. Der Hamburger Verfassungsschutz bestätigt Gökhans Tod aber sogar in einem Fernsehinterview. Mit Filiz C. hat bis zum heutigen Tag dagegen kein Amtsmitarbeiter über den Tod ihres Sohnes gesprochen. Die Mutter fühlt sich verlassen – von ihrem Sohn, aber auch von den Behörden. Ihr Recht auf Information will sie nun vielleicht sogar einklagen.

Als die Todesnachricht sie erreicht, geht sie zu Gökhans Gefährten der Gruppe „Millatu Ibrahim“. „Ich habe geklingelt und gefragt, wo mein Sohn ist“, erzählt sie. Doch die Islamisten hätten sie auflaufen lassen. Sie solle froh sein, wenn Gökhan in Syrien getötet wurde, sagen sie. Als Märtyrer käme er ins Paradies.

Die Texte sind Ergebnis einer Recherche der Berliner Morgenpost und des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB). Die Autoren sind Ulrich Kraetzer (Berliner Morgenpost), Sascha Adamek, Jo Goll, Torsten Mandalka (RBB). Das RBB-Fernsehen sendet dazu am Dienstag, 24. März, um 20.15 Uhr eine 45-minütige Dokumentation.

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