Islam

Wie hältst Du’s mit der Religion?

17 Kreuzberger Oberschüler setzen sich zusammen, um über Muslime in Deutschland zu sprechen. Die Neuntklässler, fast alle haben Migrationshintergrund, befassen sich dabei mit ihrer eigenen Identität.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

„Ich tu alles, damit manche Menschen auf der Welt nicht denken, dass alle Muslime radikale Terroristen sind. Ich bin sehr fanatisch beim Thema Islam ist gleich Terrorismus. Ich respektiere alle Religionen.“ Ilay* ist 15 Jahre alt und hat für seine Selbstdarstellung gleich zwei Plakate dicht beschrieben, um sich vorzustellen. Der deutsch-türkische Kurde hasst Beleidigungen, egal welcher Art, und einige Medien wegen ihrer Berichterstattung über den Islam. Respekt ist in Ilays Klasse ein ganz großes Thema. Und auch über den Islam möchten die 14- bis 15-Jährigen sprechen. Das haben die Neuntklässler in ihrer Schule eingefordert.

Der Nahostkonflikt, der IS-Terror, die Anschläge in Paris und Kopenhagen und die anhaltende Diskussion über den Islam hinterlassen bei den Kreuzberger Jugendlichen Spuren. 17 Schüler der Hector-Peterson-Oberschule sind deshalb mit auf eine Seminarreise ins Helmut-Gollwitzer-Haus nach Wünsdorf gekommen. 13 von ihnen stammen aus muslimischen, vier aus christlichen Familien. Bis auf einen haben alle einen Migrationshintergrund mit türkisch-kurdischen, arabischen, palästinensisch-syrischen, serbischen, weißrussischen oder karibischen Wurzeln. Eine Woche lang werden sie sich damit beschäftigen, was es heißt, in Deutschland muslimisch zu sein.

Am Morgen hängen die zehn Jungen und sieben Mädchen ein bisschen schlapp im Stuhlkreis im großen Seminarraum. Die meisten tragen Jeans und Pullover oder Kapuzenshirts und leichte Schatten unter den Augen, drei der Mädchen tragen ein Kopftuch. Omar hat heute Geburtstag, sie haben wenig geschlafen. Bevor es an die Arbeit geht, scheuchen die Seminarleiter die Schüler mit einem Aufwachspiel auf. Dann kann es losgehen mit dem Programm. Die Jugendlichen haben viel vor. Sie werden sich zunächst in Kleingruppen mit ihrer eigenen Identität befassen, dann im Wünsdorfer Museum Vorträge über die erste Moschee in Deutschland und über die Geschichte der Gastarbeiter in Berlin hören, am Nachmittag im World Café junge Berliner mit Migrationshintergrund über ihr Leben befragen.

Es geht um Identität und Heimat

Die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA), ein bundesweit agierender freier Bildungsträger, der auch Projekte für muslimische Jugendliche entwickelt, hat die Seminarwoche organisiert. Sie ist Teil eines Modellprojekts zur Islamismusprävention und soll die Basis sein für einen halbjährigen Kurs, der dann an der Schule fortgeführt wird. Es geht um Identität und Heimat, um vermeintliche Diskriminierung und tatsächliche Ausgrenzung und darum, die Vielfalt des muslimischen Glaubens und die damit verbundenen Lebensentwürfe kennenzulernen. So soll ein Grundstein gelegt werden für ein differenziertes Weltbild und für Toleranz. Inan Witte, 25, und Hasan-Ali Yildirim, 24, leiten das Projekt. Die beiden Berliner sind zusammen zur Schule gegangen und studieren nun an der FU Kultur- und Geschichtswissenschaften. Seit vier Jahren engagieren sie sich ehrenamtlich bei der KIgA, bilden sich dort regelmäßig fort und haben schon Projekttage mit Schülern durchgeführt. „Die Woche soll Vertrauen schaffen, denn ohne solch eine Basis ist die Arbeit an den Schulen schwierig“, sagt Inan Witte. Zur Unterstützung und als Coaches für die jungen Seminarleiter sind auch KIgA-Chef Aycan Demirel und zwei Kollegen vor Ort.

Dilara, Emine, Alima und Paul, alle 14, sitzen mit ihrer Mentorin Samira, 33, etwas verloren im großen Seminarraum. Die Wände sind mit den Postern vollgehängt, auf denen sie sich selbst beschrieben haben. Doch jetzt sollen sie von sich und ihren Familien erzählen. Es dauert ein wenig, bis die Mädchen auftauen. Sie sind Musliminnen, werden aber nicht streng religiös erzogen, sagen sie. „Jeder Mensch hat seine Religion, ich kann das akzeptieren“, verkündet Dilara, die nicht täglich betet, aber sich gut fühlt, wenn sie es tut. Die Mädchen erzählen von ihren Pflichten im Haushalt. Dilara kocht für ihre Brüder, wenn die Mutter arbeitet. „Ich koche gern deutsches Essen, das können die nicht.“ Emine beschwert sich darüber, dass sie in der Türkei den ganzen Tag Besucher „von vorne bis hinten“ bedienen muss. „In Deutschland ist es besser, da rufen sie wenigstens vorher an und fragen ob es passt.“ Aber auch in Berlin sei nicht alles gut. „Außerhalb von Kreuzberg fühle ich mich oft komisch angeguckt.“ Genauer erklären kann sie das nicht, es sei eher ein allgemeines Gefühl.

In der Türkei „geht es immer ums Heiraten“

Dass die Blicke vielleicht nicht abwertend gemeint sein könnten, sondern auch Neugier oder Bewunderung ausdrücken könnten, nur Neugier, wegen ihres langen schwarzen Haars oder einfach, weil sie ein hübsches Mädchen ist, sind neue Gedanken für Emine. Der zierliche Teenager mit den Glitzerohrsteckern räumt ein, dass es auf dem Dorf in der Türkei schlimmer ist. „Die gucken mehr und gucken pervers“, sagt sie. Zudem ginge es dort immer darum, was die Nachbarn sagen könnten. „Ich fühle ich mich dort von den Regeln begrenzt und außerdem geht es immer ums Heiraten.“ Emines Großväter kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland, ihre Eltern wurden früh zwangsverheiratet. „Ganz schön hart“, sagen die Mädchen, für sie sei eine Zwangsheirat keine Option. „Bei uns kommt sowieso zuerst die Schule“, sagt Dilara. Sie möchte später in Ankara studieren und dort bleiben.

Während Dilara und Emine sich warm reden, hält sich Alima, deren Familie aus dem Libanon nach Berlin gekommen ist, zurück. Sie war nicht sicher, ob sie überhaupt zum Seminar mitkommen wollte, sagt sie leise. Ihre Mutter hätte sie bestärkt. Sehr religiös sei ihre in alle Welt verstreute Familie ohnehin nicht. Paul, der einzige Junge in der Kleingruppe und eher still, hört interessiert zu. Seine deutsche Familie ist überschaubar und kochen kann er auch nicht. Er kennt seine Mitschüler ganz gut, sagt er mit Blick auf die Poster an den Wänden. „Nur die Religionen kannte ich vorher nicht. Man lernt sich hier besser kennen.“ Etwas komisch fühle er sich nur, wenn die Mädchen plötzlich türkisch reden. Das würde er gern verstehen.

Religion ist für sie kein Grund zum Streit

In einer Sitzecke unter einem bunten Wandbild sitzen vier der Jungen, drei muslimisch, einer Christ, mit Seminarleiter Hasan-Ali. Sie sind sich in den meisten Fragen einig. Sie alle sind gläubig, auch wenn einige der jungen Muslime in der Klasse nicht immer wissen, wie sie ihr Leben in Berlin denn nach dem Islam ausrichten sollen. Wie ist das mit dem Beten, und was ist zum Beispiel wenn man raucht oder sich anderes Fehlverhalten leistet? Religion ist für sie kein Grund zum Streit, solange der gegenseitige Respekt da ist. Freundschaft steht darüber, sagen sie, und auch in den eigenen Familien gibt es unterschiedlich strenge Religionsauffassungen. Im Grunde seien die großen monotheistischen Religionen gar nicht so verschieden, finden sie. „Respekt muss man vor allen Leuten haben, die einen selbst respektieren“, sagt ein anderer, es klingt fast wie eine Überlebensformel, vielleicht wollen die Jugendlichen einfach nicht auf ihr Äußeres, auf die Herkunft ihrer Eltern oder auf ihre Religion reduziert werden.

Diskriminierungen haben einige schon erlebt. „Scheiß-Ausländer“ oder „Scheiß-Moslem“ bekommen sie manchmal zu hören und erzählen von Neonazis, die in der U-Bahn Mädchen mit Kopftuch beleidigen, ohne dass jemand eingreift. Möglicherweise hatten ja die anderen Passagiere selber Angst, wirft Hasan-Ali ein. Ja, nicken die Jungen, das kennen sie auch. Mirko und Ahmet entspannen in einer Pause mit ihren Handys auf den Sesseln am Fenster. Beide finden es gut, dass das hier alles in Ruhe besprochen wird. „Es wird einfach mal klar, wie wichtig das ist.“ „So offen und intensiv diskutieren wir das nicht auf dem Schulhof und unsere Schule hat einen hohen muslimischen Hintergrund, das passt gut.“ So etwas sollte es in allen Schulen geben, finden sie.

„Ich war der Mobber“

Am Nachmittag treffen die Jugendlichen auf junge Erwachsene, von denen sie dachten, dass es sie nicht gibt. Es sind sogenannte Peer-Educator, sechs junge Berliner, ebenfalls aus muslimischen Einwandererfamilien, einige religiös, andere nicht. Es sind engagierte junge Leute Anfang bis Mitte 20, meist Studenten, die ebenso wie ihre Seminarleiter den Jugendlichen bieten wollen, „was sie selbst in ihrer Schulzeit vermisst haben“: Sie wollen ihnen auf ihrer oft verwirrenden Identitätssuche beiseite stehen.

Die Schüler lassen sich nicht zweimal bitten und fragen die Peer-Educator aus. Munieb etwa, der beinahe Fußballer geworden wäre und der, bevor er mit 16 Jahren zum Islam fand, ein ziemlich schlimmer Typ war. Wie er denn mit Mobbing umgegangen sei, will Cem von ihm wissen. „Ich wurde nicht gemobbt, ich war selber der Mobber“, sagt der hochgewachsene 21-Jährige, der sehr gepflegt und gar nicht gefährlich aussieht. „Heute würde ich einen Typen wie ich es damals war, nicht mögen, ich war ein Rowdy“, sagt er ohne weiter ins Detail zu gehen. Oder Kerem, der gibt Grundschulkindern Skaterkurse. Der 30-Jährige hat sich vom muslimischen Glauben abgewandt und bezeichnet sich jetzt als Atheisten. Das können sich die Jugendlichen schwer vorstellen, beschließen aber, dies als persönliche Entscheidung zu akzeptieren. Was denn die Eltern dazu gesagt hätten, ist an diesem Nachmittag eine häufig gestellte Frage. Ziya beeindruckt zunächst wegen seiner Muskeln. Der 26-jährige Student der Kultur- und Geschichtswissenschaften sieht aus wie ein Schwergewichtsboxer, aber er hat auch etwas Sanftes. Religion ist für den Aleviten reine Privatsache, „meinen Glauben halte ich aus allen anderen Lebensbereichen raus“. Am Ende nennt er lachend doch den Umfang seiner Oberarme, um hinzuzufügen, dass das Äußere nicht wichtig sei: „Wer sich wehren will, braucht Argumente.“ Es wird viel gelacht in diesen Runden.

„Egal, wo du bist, du bist immer Ausländer“

Schwieriger wird es in allen Gruppen beim Heimatbegriff. Die Heimat der Eltern ist nicht automatisch auch die ihre. Und obwohl sie Berliner sind und sich in Kreuzberg wohl und aufgehoben fühlen, würden sich nur vier der Jugendlichen spontan als Deutsche einordnen. „Egal, wo du bist, in Berlin oder in der Türkei, du bist immer Ausländer“, sagt Emine.

Das war der erste Tag. In den folgenden Tagen werden die Themen vertieft. Am Ende der Woche mit vielen tiefer gehenden Diskussionen über den Islam, über Rassismus und über Vorurteile werden die Seminarleiter zufrieden sein. „Die Woche war ein Eisbrecher“, sagt Inan Witte, „darauf können wir aufbauen“. Ein Grundstein ist gelegt.

*alle Namen der Schüler geändert

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