Europa-Vergleich

Berliner Studenten lieben Wohngemeinschaften

Die Wohnsituation von Studenten in Europa unterscheidet sich von Land zu Land erheblich. In Deutschland ist die WG Standard, in Italien das Hotel Mama. Franzosen ziehen dagegen die Einsamkeit vor.

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„Als ich mit dem Studium begonnen habe, stellte sich mir nicht die Frage, ob ich eine eigene Wohnung nehme oder ob ich in einer Wohngemeinschaft leben möchte“, sagt der 23-jährige Marian. Ihm war gleich klar: „Ich wollte lieber mit Freunden zusammenwohnen.“ Der angehende Wirtschaftsingenieur lebt mit einem Freund in einer Zweier-WG in Wedding. „Die Wohnung könnte zwar ein wenig größer sein, aber ich bin sehr zufrieden.“

Paul teilt sich mit drei weiteren Mitbewohnern eine Wohnung in Wilmersdorf. Der Maschinenbaustudent beschreibt die Situation mit den zwei Worten „alle zufrieden“. Er berichtet aber auch von der Fluktuation. Durchschnittlich würde ein Mitbewohner im Jahr ausziehen, ein neuer Mieter müsste anschließend in das WG-Casting. „Ich hoffe auf die Unterstützung aus dem Freundeskreis, wenn ich zurückkomme“, sagt Lena. Die 23-jährige Berlinerin studiert derzeit an der Universität in Mönchengladbach und lebt dort auch in einer WG. Einen Platz habe sie sofort gefunden, sagt sie. Im kommenden Jahr will sie aber wieder in die Hauptstadt ziehen. „Zu Hause bei meinen Eltern kann ich aus Platzgründen nicht mehr wohnen. Dann suche ich einen WG-Platz in Berlin.“

Die Wohngemeinschaft ist in den deutschen Universitätsstädten zum Standardmodell geworden. In Großstädten wie Berlin, Hamburg, München, aber auch kleineren Städten wie Regensburg, Tübingen oder Greifswald stellen Studenten einander gar nicht mehr die ergebnisoffene Frage, wie man denn so wohne. Die übliche und natürlich vollkommen naheliegende Frage lautet: „Mit wie vielen wohnst du denn zusammen?“ Da wird dann bedauert, wer eine Zahl zwischen vier und acht angibt und der beneidet, der nur einen Mitbewohner hat.

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Zimmer bei den Eltern ist unbeliebt

Denn Wohnheimplätze gibt es irgendwie nie, Singlewohnungen sind viel zu teuer – und wohnen bei den Eltern? Gott bewahre. Dann lieber die Dusche mit zehn Leuten teilen. So tickt der deutsche Student. Diese Haltung teilt er in Europa mit den Iren und Slowaken. In diesen drei Ländern ist die WG die am meisten verbreitete studentische Wohnform. In Deutschland wohnen 35 Prozent in einer WG, weitere 19 Prozent der Studierenden teilen die Bude mit ihrem Partner oder Kindern. In der Slowakei leben 44 Prozent mit „Fremden“ zusammen, in Irland 36 Prozent.

Das sind Ergebnisse des europaweiten „Eurostudent Reports“, den das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung jetzt veröffentlicht hat. Er zeigt auch auf, wie unterschiedlich der Alltag der jungen Europäer aussieht. Trotz eines europäischen Hochschulraums, der nach dem Willen der Politik schon seit einem Jahrzehnt zusammenwachsen soll. Dass viele Befunde zur Wohnlage auch etwas über die Gestalt der Hochschulen in den Ländern aussagen, liegt auf der Hand.

Beispiel Italien: Italienische Studenten sind die Antipoden zu deutschen oder irischen. Nur 16 Prozent der studierenden Italiener kennen das WG-Leben. Dagegen wohnen 75 Prozent noch bei den Eltern. Dieses Phänomen, das oft als „Hotel Mama“ beschrieben wurde, hat nicht nur damit etwas zu tun, dass es Italienern so gut gefällt, wenn jemand ihre Wäsche macht und für sie kocht. In Italien sind Wohnheime selten, in den engen Altstädten gibt es kaum kleine Wohnungen, zudem sind die Preise horrend.

Deutsche, die ihr Auslandsstudium in Italien verbringen, sind oft fassungslos, wenn sie etwa in Padua oder Bologna feststellen müssen, dass sie das Studentenwerk in eine WG mit vier weiteren Kommilitonen gesteckt hat. Denn dabei handelt es sich in aller Regel um Mehrbettzimmer. Privatsphäre ist ein Luxus in Italien. Alleine zu wohnen – immerhin für 22 Prozent der deutschen Studenten normal – ist in Italien die absolute Ausnahme. Nur sechs Prozent können sich das leisten. Und noch weniger, drei Prozent, wohnen mit ihrem Partner zusammen. Hier dürfte das gesellschaftliche Klima eine Rolle spielen. Das Zusammenleben vor der Ehe ist jenseits der Alpen noch immer nicht etabliert.

Für die italienischen Universitäten hat das zur Folge, dass sich noch mehr als in anderen Ländern an ihnen in erster Linie junge Menschen tummeln, deren Eltern in der Nähe wohnen. Austauschstudenten können davon ein Lied singen. Sie erleben es regelmäßig, dass ihre Mitstudenten nach den Seminaren sofort nach Haus verschwinden, sie in den Studentenkneipen nur auf andere Austauschstudenten stoßen oder sie mit Glück ein paar versprengte Kommilitonen aus anderen Teilen Italiens treffen.

Franzosen sind die größten Individualisten

Italien findet sich mit seinen studentischen Wohnformen in Gesellschaft von Armenien, Russland, Georgien und Montenegro wieder. Die größten Individualisten unter den Studenten leben dagegen in Frankreich. Entweder ist das Wohnen dort noch so erschwinglich oder der Eigensinn regiert über finanzielle Sorgen, in jedem Fall wohnen 37 Prozent der Franzosen allein. Eine Quote, die allenfalls in Finnland (36 Prozent) und Österreich (30 Prozent) annähernd erreicht wird.

Generell gibt es eine Relation zwischen der Quote der Alleinlebenden und dem Alter der Studenten. Die Formel lautet grob: Je mehr Studenten in einem Land allein leben, desto älter ist der durchschnittliche Student. Dies gilt allerdings wiederum nicht für Frankreich. Hier sind die Individualisten in jeder Altersgruppe in der Mehrheit. Allein leben macht glücklich, auch das ist ein Befund der Studie. So gehört Deutschland zu jenen Ländern, in denen die jungen Menschen einen höheren Grad an Zufriedenheit angeben, wenn sie nicht bei den Eltern leben. Geradezu schrecklich scheint es für österreichische Studenten zu Hause zu sein. Die Differenz zwischen dem Grad der Zufriedenheit in Bezug auf das Mit- oder Ohne-Eltern-Leben beträgt dort mehr als 20 Prozentpunkte.

„Ich wohne in einer Art Mischform“, sagt die 21-jährige Leonie aus Wilmersdorf. „Meine Mutter wohnt die meiste Zeit bei ihrem Freund, und ich habe die Wohnung für mich alleine.“ Ihre Schwester Antonia studiert in Halle und kommt in unregelmäßigen Abständen nach Berlin. Ist sie in Berlin, wohnt sie in ihrem alten Kinderzimmer, in dem sie auch aufgewachsen ist. „Dann ist das eine WG fürs Wochenende.“ Leonie, die ihren Mietanteil neben dem Studium erarbeitet, möchte über kurz oder lang in eine kleinere Wohnung ziehen. „Eine WG ist nichts für mich, ich wohne lieber alleine“, sagt sie. „Die aktuelle Wohnung ist zu groß und zu teuer für mich.“

In Deutschland, wo nur 24 Prozent der Hochschüler bei den Eltern leben, gerät man offenbar schneller in einen Rechtfertigungszwang als in Italien. Mit den Eltern zu leben, stört dort die wenigsten. Mehr als 90 Prozent der Italiener, aber auch der mamatreuen Maltesen oder Serben sind mit ihrer Situation zufrieden. Die unzufriedensten Zeitgenossen leben überall in den Wohnheimen. Nur 60 Prozent tun das EU-weit gern. Dies mag etwas damit zu tun haben, dass sich in Wohnheimen überproportional viele finden, die aufgrund ihrer ökonomischen Situation gezwungen sind, eben diese, oft billigen Zimmer zu beziehen. In Berlin sind das ungefähr 9500 Studenten in 34 Wohnheimen. Wer in ein Zimmer oder in ein Appartement vom Studentenwerk einziehen möchte, braucht Geduld. „Aktuell stehen 1350 Studenten auf unserer Warteliste“, sagt Jürgen Morgenstern, Sprecher des Studentenwerks. „Wer in einem Studentenwohnheim in der Innenstadt leben möchte, muss ungefähr zwei Jahre auf eine Wohnung warten, in den Außenbezirken sind es zwischen sechs und acht Wochen.“

Wohnheimbewohner sind jünger

Überraschend scheint es, dass von den Bewohnern in Studentenwohnheimen in ganz Deutschland eine Mehrheit Eltern hat, die ebenfalls studiert haben. Man könnte das für sozial bedenklich halten, verdienen doch Nichtakademiker schlechter als Akademiker. Doch zu dieser Schlussfolgerung lassen sich die Autoren der Studie nicht hinreißen. Auch wollen sie nicht annehmen, dass die Sprösslinge aus studiertem Haus ein behüteteres Umfeld suchen, für das man Studentenwohnheime halten könnte.

Die Ursache erkennen sie in etwas anderem, einem Befund, der wiederum mehr sagt – und über die reine Analyse der Wohnsituation hinausgeht: Studenten ohne akademischen Hintergrund sind prozentual etwas älter als ihre Kommilitonen. Sie beschreiten oft nicht die direkten Wege zum Studium oder gehen gar Umwege über eine Berufsausbildung. Der „normale“ Wohnheimbewohner ist jedoch statistisch betrachtet ziemlich jung und ziemlich stark an einem stringenten Studium interessiert. Das passt nicht zum Lifestyle der Nichtakademiker, die – salopp formuliert – schon mehr vom Leben gesehen haben.