Epidemie in Berlin

Masern in Berlin - Ärztekammer-Präsident fordert Impfpflicht

Krankenkassen und Mediziner in Berlin appellieren angesichts des Masern-Massenausbruchs an Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen. Ärztekammer-Präsident Jonitz fordert eine Impfpflicht.

Foto: pa/ZB

In Berlin grassiert zurzeit die schlimmste Masern-Welle seit Einführung der Meldepflicht. Mehr als 500 Menschen sind an Masern erkrankt. Nun ist ein anderthalbjähriger Junge mutmaßlich an der Krankheit gestorben – und die Debatte um die Impfpflicht neu entbrannt.

In diesem Zusammenhang hat sich der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, für eine Impfpflicht gegen Masern ausgesprochen. Gerade für Kinder könne die Krankheit tödlich sein.

Eine Impfung habe praktisch keine Risiken oder Nebenwirkungen. Die Krankenkassen müssten die Kosten der Impfung auch für vor 1970 Geborene übernehmen, forderte Jonitz am Dienstag im Inforadio des RBB. Bisher geschieht das nur für nach 1970 Geborene.

AOK-Chef richtet Appell an Eltern

Auch der Chef des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann, appellierte an Eltern, ihre Kinder gegen Masern impfen zu lassen. „Wenn es um das Leben von Kindern geht, die noch nicht allein entscheiden können, sollten wir auch einmal aufhören zu diskutieren und uns an das halten, was uns Medizin und Wissenschaft lehren“, sagte Graalmann der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“.

Eine Krankheit, die schwerwiegende Schäden zufügen und als Spätfolge im Erwachsenenalter eine Hirnhautentzündung verursachen könne, dürfe nicht bagatellisiert werden.

Kinderärzte: „Masernausbruch ist medizinische Katastrophe“

Als „Katastrophe aus medizinischer Sicht“ bezeichnete der Berliner Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, den Masernausbruch in Berlin. Kleine Kinder unter einem Jahr seien besonders gefährdet: „Diese Gruppe kann man nur schützen, wenn das Umfeld geimpft ist.“ Sind Mütter von Kleinkindern nicht geimpft oder verfügen sie nur über wenige Antikörper, die sie etwa beim Stillen weitergeben, greift der sogenannte Nestschutz nicht. Unter elf Monaten sollen Kleinkinder allerdings nicht gegen Masern geimpft werden.

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Bei Schülern seien die Impfraten in Berlin nicht schlechter als anderswo, sagte die amtierende Leiterin des Fachbereichs Impfprävention am Robert Koch-Institut, Anette Siedler. Allerdings bestehe bei der zweiten Masern-Impfung noch Nachholbedarf. Ausbrüche in Berlin sieht sie weniger in Zusammenhang mit Impfverweigerern: Die Großstadt mit ihren Großveranstaltungen und dem Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum biete der Krankheit eher einen Nährboden.

Behörden nehmen an, dass der Ausbruch unter Asylbewerbern aus Bosnien, Herzegowina und Serbien seinen Anfang nahm. Dort sei in den Wirren des Bürgerkriegs der 1990er-Jahre nicht mehr routiniert geimpft worden.

Masern sollten bis 2015 ausgerottet sein

Ginge es nach der Bundesregierung, dürfte es bundesweit in diesem Jahr maximal rund 80 Masern-Erkrankungen geben. Denn Deutschland hat sich bei der Weltgesundheitsorganisation verpflichtet, die Infektionskrankheit bis 2015 auszurotten. Auch in den USA sind seit Dezember 2014 zahlreiche Menschen an Masern erkrankt – viele steckten sich in einem Freizeitpark in Kalifornien an.

Todesfälle durch Masern sind in Deutschland bereits vorgekommen: „Das kann Kinder wie Erwachsene treffen“, sagte RKI-Expertin Siedler. Bei Erwachsenen sei der Krankheitsverlauf häufig schwerer, so dass die Sterblichkeit erhöht sei. Manchmal führten Masern auch erst nach Jahren zum Tod, etwa wenn Spätfolgen wie die Masern-Gehirnentzündung SSPE auftreten. Dass die Krankheit keineswegs harmlos verläuft, zeigen auch die Berliner Zahlen: Etwa ein Viertel der Erkrankten musste ins Krankenhaus.

Impfen „sofort nachholen“

Auch während des Ausbruchs sei eine Impfung noch ratsam, sagte Mediziner Jakob Maske. Wer noch nicht immunisiert sei, solle das „sofort“ nachholen. Er beklagte, dass Kinder- und Jugendärzte Erwachsene seit neuestem nicht mehr mitimpfen dürften, da dies von der Kassenärztlichen Vereinigung als fachfremde Leistung angesehen werde. „Hier verpassen wir mit Wissen des Gesundheitssenats eine gute Chance, bestehende Impflücken zu schließen.“

Ein bis zwei Wochen dauert es nach Angaben von RKI-Expertin Siedler, bis der Impfschutz aufgebaut ist. Selbst wenn eine Ansteckung nicht mehr verhindert werden könne: Studien hätten gezeigt, dass die Krankheit bei Geimpften milder verläuft.

Auch außerhalb Berlins seien viele Jugendliche und junge Erwachsene ungeschützt, betonte Siedler. „Es kann durchaus sein, dass der Ausbruch weitergeht.“ Inwiefern Masernfälle in anderen Bundesländern mit dem Berliner Geschehen zusammenhingen, ließe sich nicht sagen. Mehr als 30 Fälle im Jahr 2015 wurden nach Zahlen des RKI bis zum Ende der 5. Kalenderwoche etwa aus Bayern und Brandenburg gemeldet.

Eine Impfpflicht sieht Mediziner Maske nicht als Lösung: „Wir müssen Eltern überzeugen, dass die Impfung wichtig ist.“ Manche lehnen die Immunisierung ab, da sie den Impfstoff für krankmachend halten. Ende der 1990er-Jahre hatte ein Brite die These aufgestellt, der Impfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln könne Autismus auslösen – diese ist längst widerlegt.

Maskes Kollege Ulrich Fegeler hatte bereits Anfang Februar für eine andere Lösung plädiert: Er fände es hilfreich, wenn alle öffentlichen Einrichtungen von der Kita bis zur Schule einen Impfnachweis vor der Aufnahme eines Kinder verlangten, sagte er. Der Entwurf eines Präventionsgesetzes des Bundesgesundheitsministeriums sieht dagegen vor, dass Eltern vor der Anmeldung ihrer Kinder in der Kita lediglich eine Bescheinigung über eine Impfberatung vorlegen müssen.