Sigrid Nikutta

Eine BVG-Chefin im Spagat zwischen Beruf und Familie

BVG-Chefin und Vierfach-Mutter Sigrid Nikutta hat die BVG familienfreundlicher gemacht. Ein Gespräch darüber, was sich für Frauen in Führungspositionen in Deutschland ändern muss.

Foto: Reto Klar

Es ist ein emotionales Thema, das bei der Podiumsdiskussion im Goldberger Saal des VBKI auf den Tisch kommt. Bei „Und es geht doch (nicht) – die Wahrheit über Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ diskutiert Sigrid Nikutta, Vorstandsvorsitzende der BVG, mit anderen Frauen in Führungspositionen über ein Thema, das sie alle persönlich betrifft. Den Spagat zwischen Kind und Karriere müssen die berufstätigen Mütter täglich meistern. Die Frauen haben sich ganz nach oben gekämpft, das Vorurteil der Rabenmutter kennen sie alle. Sigrid Nikutta kann ein Lied davon singen. Die vierfache Mutter hat ihr Unternehmen umgekrempelt und über die Jahre ein familienfreundliches Umfeld geschaffen. Doch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das wurde auch beim Podiumsgespräch deutlich, lässt bundesweit immer noch zu wünschen übrig. Das ist auch Sigrid Nikutta bewusst. Ein Gespräch.

Berliner Morgenpost: Was macht ein Unternehmen familienfreundlich?

Sigrid Evelyn Nikutta: Bei der BVG haben wir uns aktiv das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die Fahnen geschrieben. Das betrifft beide Geschlechter. Familien mit Kindern, Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen oder auch Einzelpersonen in besonderen Lebenssituationen. Wir haben eine unglaubliche Vielfalt von Arbeitszeitmodellen, Wunschschichtpläne, eine Vielfalt von Teilzeitmodellen. Außerdem Betreuungsangebote, das Mutter-Kind-Büro, Kursangebote und vieles mehr. Beruf und Familie ist kein Widerspruch.

Was sind denn da die Vorteile für ein Unternehmen, das kostet ja alles erst mal vor allem Geld?

Am Ende macht das jedes Unternehmen, um besser dazustehen als ohne diese Maßnahmen. Wirtschaftlichkeit ist das große Stichwort. Die Mitarbeiterzufriedenheit ist höher, das bedeutet eine geringere Fluktuation. Gerade die Fachkräfte, die wir jetzt alle werben, bleiben dann eher. Das macht sich deutlich bemerkbar.

Wird die Work-Life-Balance in Zeiten von Burn Out und Co. auch in den Unternehmen jetzt wieder wichtiger?

Es gab lange Zeit eine Präsenzkultur: Man muss im Büro sein, man muss vor Ort sein, am liebsten vor dem Chef kommen, nach dem Chef gehen als wichtiges Karrieremerkmal. Und als Zeichen dafür, das man engagiert ist in dem Unternehmen. Das nimmt in meiner Wahrnehmung deutlich ab. Immer mehr Unternehmen, auch wir, setzen auf mobiles Arbeiten. Es kommt auf Ergebnisse an und nicht auf die Anwesenheitszeit im Büro. In der Rolle als Vorstandsvorsitzende kann ich so eine Kultur auch ganz stark mitprägen und mache das sehr bewusst. Natürlich bin ich immer für das Unternehmen da, aber ich versuche an vielen Abenden mit meinen Kindern Abendbrot zu essen. Ich habe vernommen, dass das eine Veränderung bewirkt hat im Unternehmen. Weil jetzt ja auch der Rest der Mitarbeiter nicht so lange da bleiben muss, wenn die Vorstandsvorsitzende nicht so lange da ist. Die Ergebnisse sind besser geworden, nicht schlechter in den Jahren, in denen ich jetzt Vorstandsvorsitzende bin.

Welche Mankos gibt es in Deutschland in dem Bereich der Kinderbetreuung?

Ich glaube in Berlin sind wir in einer ausgesprochen guten Situation, was die Betreuung angeht. Ich weiß worüber ich rede, ich habe auch in anderen deutschen Städten gelebt. Ich glaube aber in der Tat, dass wir da noch einen gesellschaftlichen Wandel brauchen. Ich finde es zum Beispiel völlig unerklärlich, wieso Erzieher/innen nicht genau so bezahlt werden wie beispielsweise Lehrer. Gerade die frühkindliche Prägung ist so entscheidend! Das sind eigentlich die wichtigsten Jahre, die ein Kind in der Krippe oder in der Kita verbringt. Da sollten die Betreuungspersonen doch so gut ausgebildet wie möglich sein. Und entsprechend entlohnt werden. Das klassische Familienideal wurde, im Vergleich zu anderen Ländern, hierzulande auch sehr lange hochgehalten. Dass eine gute Mutter Zuhause ist und sich um das Kind kümmert und dass ein guter Ehemann so viel verdient, dass seine Frau Zuhause bleiben kann, ist ein bei uns noch bis vor Kurzem sehr präsentes Familienmodell.

Rund 68 Prozent der Mütter sind berufstätig. Das ist nicht wirklich viel. Ein politisches oder gesellschaftliches Problem?

Beides. Das Betreuungsangebot ist in vielen Städten sehr dürftig. Es ist ja ein weitverbreitetes Phänomen: Sobald sie schwanger sind, lassen sie sich mal in alle Wartelisten von Krippen und Kindergärten im Umkreis von zehn Kilometern eintragen. In der Hoffnung, dass wenn das Kind dann auf der Welt ist, es noch einen Platz bekommt. Das ist natürlich extrem schwierig und kontraproduktiv für persönliche Planungssituationen. Da könnte man schon verschiedene Lösungsmodelle entwickeln und die Berufstätigkeit dann in ganz anderem Maße fördern. Es gibt hinreichende Untersuchungen, die aussagen, dass berufstätige Mütter zufriedener sind als nicht berufstätige.

Was muss denn in der Politik passieren, damit das besser wird?

Ich gehöre nicht zu den Menschen, die nach der Politik rufen. Aber ich habe mit großem Wohlwollen festgestellt, dass die Einführung des Elterngeldes und der Vätermonate tatsächlich etwas bewegt hat. Jetzt gehört es ja zum guten Ton, dass jeder Vater mindestens zwei Monate Elternzeit nimmt. Das heißt ein Gesetz bewirkt etwas! Das Elterngeld Plus ist auch gut. Das Vorgängermodell war ein Anreiz für Frauen, nicht zu arbeiten. Der Mensch ist doch ökonomisch getrieben! Wenn ich mir zum Elterngeld etwas dazuverdienen kann, dann arbeite ich auch eher wieder. Diese Änderung ist sehr wichtig. Und ich wünsche mir gnadenlosen Ausbau der flexiblen Betreuung!

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