„Ehrenmord“

Gedenken an Hatun Sürücü - Frauen leiden noch immer

Vor genau zehn Jahren wurde die Deutsch-Türkin Hatun Sürücü in Tempelhof von ihrem Bruder getötet. Noch immer erleiden viele Frauen das gleiche Schicksal.

Foto: dpa

Die Häuser an der Oberlandstraße sind grau und unauffällig. Kleine Bäckereien säumen die Tempelhofer Straße und wechseln sich mit türkischen Läden, Lidl- und Aldi-Supermärkten ab. Nur eine Häuserecke scheint sich von den anderen zu unterscheiden. Dort liegt ein großer Stein, in den eine Gedenktafel eingelassen ist, neben der Backsteinmauer des Hauses. Um diesen Stein haben sich am Sonnabend Frauen und Männer, Politiker und Journalisten versammelt.

Einige mit Rosen in den Händen, andere haben Schilder und kleine Plakate mitgebracht. Mehr als 100 Menschen sind gekommen, hören den Worten der Politiker zu und schweigen. Der Gedenkstein wurde für Hatun Sürücü an die Häuserecke in Tempelhof gesetzt. Für die junge Frau, die vor zehn Jahren an diesem Ort getötet wurde. Die 23-Jährige hatte sich aus einer Zwangsehe befreit, eine Ausbildung begonnen und ihre Zukunft mit ihrem fünfjährigen Sohn geplant. Dann hat ihr kleiner Bruder sie erschossen.

In ihren Reden bezeichnen Tempelhof-Schönebergs Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und Frauensenatorin Dilek Kolat (beide SPD) Hatun Sürücü als starke Frau und als Symbolfigur. Eine mutige Frau, die ihre Zukunft selbst in die Hand genommen hätte. Die Bürgermeisterin betont, was man aus ihrem Tod gelernt hat. Die Wichtigkeit präventiver Arbeit. „Werte müssen verändert werden, bevor etwas passiert“, fordert sie bestimmt.

„Wir müssen wachsam sein“

Die Senatorin verlangt den Einsatz aller, um weitere Gewalttaten zu verhindern: „Wir müssen wachsam sein und dafür sorgen, dass betroffene Frauen nicht alleine sind“, sagt sie. Jeder sei im Privaten und Beruflichen von Frauen umgeben, die zu möglichen Opfern werden könnten. Das soziale Umfeld von Betroffenen müsse Verantwortung übernehmen und handeln.

Weiter betont sie die wichtige Rolle der islamischen Verbände. Es dürfe nicht mehr zugelassen werden, dass frauenfeindliche Prediger in ihren Reden so einfach Heranwachsende negativ beeinflussen könnten. Die Politikerin will den Gedenktag an Hatun Sürücü nutzen, um deutlich zu sagen: „Zwangsverheiratung darf es in unserer Gesellschaft nicht geben. Und auch das Thema Gewalt an Frauen darf nicht vergessen werden.“

„Terres des Femmes“-Referentin Monika Michell nennt im Anschluss erschreckende Zahlen. 2013 wäre die Zahl der von Zwangsverheiratung betroffenen Frauen in Berlin auf 460 gestiegen. Auch zehn Jahre nach dem Mord an Hatun Sürücü würden immer wieder Lebensläufe mit deutlichen Parallelen zu dem Schicksal der jungen Frau verlaufen. Wie im Fall von Hatun Sürücü werden junge Mädchen ins Ausland gebracht, um dort gegen ihren Willen verheiratet zu werden. „Es hat sich auch zehn Jahre nach ihrem Tod nichts geändert. Wertvorstellungen zählen mehr als das Leben einzelner“, resümiert Michell.

Nach der Kranzniederlegung und einer kurzen Schweigeminute haben die Gäste Zeit, ihre Blumen neben die Gedenktafel zu legen. Viele Frauen sind gekommen, die Informationsblätter des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung verteilen. Mitglieder der „Heroes – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“, einem Projekt für Jungen und Mädchen aus Ehrenkulturen, die sich für die Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern einsetzen, stellen Plakate an die Häuserwand. Darauf fordern sie die freie Partnerwahl. Auf den Plakaten sind ein Mann und eine Frau, die sich umarmen, oder zwei Männer, die sich innig küssen. Einige Deutsche – wie Hatun Sürücü kurdischer Herkunft – sind auch gekommen, Kopftücher sind nicht zu sehen. Etwas abseits steht eine blonde Frau und weint.

Der sogenannte Ehrenmord hatte Deutschland erschüttert und eine Debatte über Integration und Parallelgesellschaften ausgelöst.

Der Mörder wurde im Sommer 2014 nach verbüßter Haft nach Istanbul abgeschoben, zwei weitere Brüder sind seit Jahren international zur Fahndung ausgeschrieben. Sie hatten sich in die Türkei abgesetzt.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.