„Ehrenmord“

Der Fall Hatun Sürücü ist noch nicht zu den Akten gelegt

Vor zehn Jahren wurde Hatun Sürücü ermordet, weil ihre Familie ihren selbstbestimmten Lebensstil nicht akzeptierte. Zwei mutmaßliche Mittäter konnten immer noch nicht zur Verantwortung gezogen werden.

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Die Aufnahmen zeigen eine junge Frau, die in die Kamera strahlt. Sie wirkt fröhlich und offen, verteilt Luftküsse. Das Video, das jüngst in einer Dokumentation des RBB zu sehen war, gehört zu den letzten Aufnahmen, die es von Hatun Sürücü gibt. Denn vor auf den Tag genau zehn Jahren lockte ihr jüngerer Bruder Ayhan die Frau auf die Straße, zog eine Pistole hervor und brachte sie mit drei Kopfschüssen um. Eine Tat mit „Hinrichtungscharakter“, so formulierte es der Richter, als er den zur Tatzeit 18 Jahre alten Ayhan Sürücü zu einer Haftstrafe von neuneinhalb Jahren und drei Monaten verurteilte.

Längst in die Türkei abgesetzt

Die Deutsch-Türkin musste sterben, weil die Familie ihren selbstbestimmten, westlichen Lebensstil nicht akzeptierte. Sie wurde nur 23 Jahre alt und hinterließ einen kleinen Sohn – er lebt in einer Pflegefamilie. Ihr Mörder Ayhan musste seine Strafe bis auf den letzten Tag absitzen und wurde im Juli vergangenen Jahres, unmittelbar nach seiner Entlassung in die Türkei abgeschoben. Zwei weitere Brüder, Mutlu und Alpaslan, wurden zunächst freigesprochen. Als der Bundesgerichtshof die Freisprüche im Jahr 2007 kassierte, hatten sich beide längst in die Türkei abgesetzt. Sie sind zur Fahndung ausgeschrieben. Die Türkei hat eine Auslieferung bisher aber abgelehnt.

Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) hofft dennoch, dass die mutmaßliche Mittäter zur Verantwortung gezogen werden. Er habe den Fall nicht aufgegeben, sagt Heilmann. Immerhin: Die türkische Justiz hat 2013 ein eigenes Strafverfahren gegen die Brüder eingeleitet, die Berliner Staatsanwaltschaft übersandte Akten. Wie weit die Ermittlungen sind, sei aber unklar.

„Ehrenmorde“ gibt es immer noch

Der Fall Sürücü hatte bundesweit für Entsetzen gesorgt. „Ehrenmorde“ gab es, auch in Deutschland, aber schon vorher – und es gibt sie immer noch. Der Berliner Verein Papatya unterstützt Frauen, die unter Gewalt und Unterdrückung im Namen der Ehre zu leiden haben, bereits seit 1986. Die Mitarbeiter bieten rund 60 Frauen und Mädchen Schutz in ihren Einrichtungen. Die Mitarbeiter müssen ebenso anonym bleiben wie die Orte der Krisenhäuser.

Denn Familienangehörige versuchen immer wieder, die vermeintlich ehrlosen Frauen mit Gewalt zurückzuholen – um sie weiter zu verprügeln, ihnen vorzuschreiben, wann sie das Haus verlassen dürfen und wen sie heiraten sollen, berichtet Papatya-Mitarbeiterin Christine M. Einige würden später in ihrer Familien zurückkehren, manche „flüchteten“ sich in eine arrangierte Ehe. Aber es gibt auch Erfolgserlebnisse: „Viele Frauen schaffen es mit unserer Hilfe, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Einige versöhnen sich sogar wieder mit ihrer Familie.“