Zwangsehen

Kolat fordert schärfere Gesetze gegen Zwangsehen

Laut „Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung“ gab es im Jahr 2013 in Berlin 460 Fälle erzwungener und angedrohter Ehen. Die Zahl steigt. Berlins Integrationssenatorin will schärfere Gesetze.

Foto: Soeren Stache / dpa

Anlässlich des zehnten Jahrestages des sogenannten „Ehrenmordes“ an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü hat Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat (SPD) schärfere Gesetze gegen Zwangsverheiratungen gefordert. Auch Hatun Sürücü war zunächst zwangsverheiratet worden. Nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt und einen westlichen Lebensstil angenommen hatte, brachte ihr jüngerer Bruder sie am 7. Februar 2005 um.

Kolat erinnerte daran, dass es in Deutschland noch immer sogenannte Ehrenmorde gibt. Sexistische Ansichten, wie die eines Predigers, der Frauen kürzlich jegliches Recht auf Selbstbestimmung absprach, hätten in Deutschland keinen Platz. Zwangsverheiratungen müssten auch dann bestraft werden, wenn sie nur rein religiös geschlossen werden, forderte Kolat.

Zahl der Zwangsehen steigt

Der „Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung“ hat Mitarbeiter in 705 Beratungsstellen und Frauenhäusern, Polizeidirektionen und Kriseneinrichtungen befragt und deren Antworten ausgewertet. Das berichtet die Tageszeitung „BZ“ in ihrer Printausgabe von Freitag.

Insgesamt wurden 460 Fälle zusammengetragen. Davon seien 107 Zwangsehen tatsächlich „vollzogen“ worden. Die übrigen wurden angedroht.

Zum Vergleich: Die letzte Erhebung datiert aus dem Jahr 2007. Damals wurden insgesamt 378 Fälle bekannt.

Betroffen sind alle Altersgruppen. Unter den 10- bis 12-Jährigen sollen drei Mädchen und ein Junge betroffen sein. Am stärksten vertreten sind die 18- bis 21-Jährigen: 149 Frauen sollen zwangsverheiratet werden.

Ein neues Phänomen ist der Arbeitkreis-Koordinatorin Petra Koch-Knöbel zufolge, dass immer mehr Jungen und Männer um Hilfe bitten. Deren Familien wollten mit einer Zwangsehe verheimlichen, dass die Söhne homosexuell sind.

Eine Zwangsverheiratung ist keine arrangierte Ehe

Eine Zwangsverheiratung liegt dann vor, wenn die Betroffenen sich zur Ehe gezwungen fühlen und entweder mit ihrer Weigerung kein Gehör finden oder es nicht wagen, sich zu widersetzen, weil Eltern, Familie, Verlobte und Schwiegereltern mit den unterschiedlichsten Mitteln versuchen, Druck auf sie auszuüben. So definiert es der „Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung“ in einer Informationsbroschüre aus dem Jahr 2013.

Sie ist etwas anderes als eine arrangierte Ehe. So heißt es weiter in der Broschüre: „Allein die Auswahl potentieller Ehegatten durch die Familie der Heiratenden ist kein hinreichendes Kriterium für eine Zwangsverheiratung: Viele Mädchen akzeptieren, dass die Eltern ihnen mögliche Heiratskandidaten präsentieren - und viele Eltern akzeptieren ihrerseits ein Nein der Tochter und überlassen ihr das letzte Wort bei der Entscheidung.“

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