Umstrittenes Verkehrsprojekt

Neue S-Bahn-Linie zum Hauptbahnhof droht zu scheitern

Weil im Hauptbahnhof die Vorsorge-Bauwerke für die S21 nicht nutzbar sind, drohen dem Projekt erhebliche Kostensteigerungen. Haupt-Geldgeber Bund will nun eine neue Nutzen-Kosten-Untersuchung.

Foto: Reto Klar

Seit dem Jahr 2000 arbeitet die Deutsche Bahn – immer wieder mit mit Unterbrechungen – an einer zweiten Nord-Süd-Verbindung für die Berliner S-Bahn. Etliche Millionen sind für die Trasse, die einmal von der nördlichen Ringbahn über den Hauptbahnhof bis zum Potsdamer Platz führen soll, bereits verbaut. Doch nun droht dem wegen seiner hohen Kosten umstrittenen Projekt, das unter dem Liniennamen S21 bekannt ist, möglicherweise das Aus. Hintergrund sind mögliche Kostensteigerungen – die Rede ist von bis zu 90 Millionen Euro.

Der Bund als wichtigster Geldgeber für das aktuell mit 330 Millionen Euro veranschlagte Vorhaben hat daher eine neue Nutzen-Kosten-Untersuchung gefordert. Sollte diese zum Ergebnis kommen, dass die S21 keinen verkehrlichen Mehrwert haben wird, könnte er dem Projekt den Geldhahn zudrehen. Das Land Berlin, das sich mit 40 Prozent an den Kosten beteiligt, müsste die S21 dann entweder allein zu Ende finanzieren oder gleichfalls aussteigen.

Station muss umgeplant werden

Hintergrund der drohenden Kostensteigerung sind vor allem Probleme beim Bau einer unterirdischen Station im Berliner Hauptbahnhof. Wie berichtet, haben sich die Vorsorge-Bauwerke, die unter dem Hauptbahnhof für die S21 geschaffen wurden, als ungeeignet erwiesen. Bevor der neue Bahnhof im Mai 2006 in Betrieb ging, waren große Teile des rund 600 Meter langen Tunnels für die S21 schon gebaut worden – teils jedoch anders als in den Plänen, wie ein Bahnsprecher sagte. So würden Bauwerksübergänge und Abdichtungen nicht stimmen. Von Verkehrsexperten außerhalb des Bahn-Konzerns ist zudem zu hören, dass etwa ein tragender Pfeiler der geplanten S-Bahn-Trasse im Weg steht. Dies habe zur Folge, dass Station und Tunnelanschlüsse für die S21 an anderer Stelle völlig neu geplant werden müssen. Damit die Strecke wenigstens teilweise wie avisiert 2018 in Betrieb gehen kann, will die Bahn zudem unter der Entsprechende Invalidenstraße einen „unterirdischen Interimsbahnsteig“ bauen. „Über den zukünftigen Zugverkehr finden zur Zeit Abstimmungen statt“, sagte ein Bahn-Sprecher.

Provisorium „völlig ungeeignet“

Der Berliner Fahrgastverband Igeb, der das Projekt S21 wegen der hohen Kosten in der Vergangenheit wiederholt kritisiert hat, hält ein solches Provisorium für „völlig ungeeignet“. Dort könnte bestenfalls eine Kurzzug mit vier Wagen halten, der zwischen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof hin und her pendelt. „Wenn die Strecke wirklich einen Sinn haben soll, dann als Verbindung wenigstens bis zum Potsdamer Platz“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Um ausreichend Fahrgäste für die S21 zu gewinnen, werde zudem der S-Bahnhof an der Perleberger Brücke dringend gebraucht. Die Station, mit dem die Europacity, das neue Wohn- und Geschäftsviertel nördlich des Hauptbahnhofs, an das S-Bahn-Netz angeschlossen werden kann, war vom Senat – genauso wie der Bahnhof am Reichstag – aus Kostengründen einst gestrichen worden.

Pläne stammen aus den 1990er-Jahren

Das Projekt S21 geht auf das neue Verkehrskonzept, das von der Deutschen Bahn nach der Wiedervereinigung 1990 entwickelt wurde. Mit der Trasse soll zum einen der neue Hauptbahnhof eine zusätzliche Anbindung an das S-Bahn-Netz erhalten, zum anderen soll der stark befahrene Nordsüd-Tunnel zwischen dem Nordbahnhof und dem Anhalter Bahnhof entlastet werden. Der Tunnel war zwischen 1936 und 1939 gebaut worden, ist sehr eng und teilweise marode. Nachdem der Berliner Senat 1999 der Bahn eine Vorfinanzierung einer Verbindung vom nördlichen S-Bahn-Ring zum Lehrter Bahnhof (heute Hauptbahnhof) zusicherte, wurde der Bau der S21 im Jahr darauf mit einem ersten Spatenstich symbolisch begonnen. Gebaut wurden jedoch lediglich Ausfädelungen aus den Ringbahnsteigen Westhafen und Wedding. Ursprünglich sollte die Trasse für die S21 gemeinsam mit dem Nord-Süd-Tunnel für Fernbahn in Betrieb gehen. 2011 gab es zum zweiten Mal einen ersten Spatenstich, damals auch für den Stationsbau unter dem Hauptbahnhof, der nun komplett neu geplant werden muss.

Ungeachtet der aktuellen Probleme hält die Senatsverkehrsverwaltung an dem Projekt fest. „Wir halten die S21 verkehrlich weiter für sinnvoll“, sagte Sprecher Martin Pallgen der Berliner Morgenpost.