Neuer Rahmenlehrplan

Berliner CDU wirft Scheeres Bruch des Schulfriedens vor

Der neue Rahmenlehrplan für die Klassenstufen eins bis zehn soll einheitlich für alle Berliner Schularten gelten. Die CDU moniert mangelnde Differenzierung - und sieht das Gymnasium in Gefahr.

Foto: Reto Klar

Nach dem offen ausgetragenen Streit über die Sanierung maroder Schulgebäude steht der rot-schwarzen Regierungskoalition der nächste massive Krach auf dem Gebiet der Bildungspolitik ins Haus. Anlass ist der neue Rahmenlehrplan für die Jahrgangsstufen eins bis zehn, den die Schulen in Berlin und Brandenburg mit dem Schuljahr 2016/2017 einführen sollen. Dieser soll die bisherigen drei Rahmenlehrpläne für die Grundschule, die Sekundarstufe eins (Klassen sieben bis zehn) sowie für sonderpädagogische Förderschulen für Lernschwache ablösen. „Die Rahmenlehrpläne wurden modernisiert und verschlankt, um auf dem Weg zum inklusiven Lernen Ziel, Standards und Inhalte anzupassen. So werden zukünftig die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten der Schüler noch mehr berücksichtigt sowie Themen der Lebensgestaltung und Berufsorientierung einer zukünftigen Gesellschaft“, heißt es dazu auf der Internetseite der Senatsbildungsverwaltung.

Der Landesfachausschuss Schule der Berliner CDU sieht es ganz anders: Der Entwurf zum neuen Rahmenlehrplan hebe die Unterschiede zwischen allen Schulformen auf und bereite als „Einheitslehrplan die Einheitsschule vor“. „Die Verbindlichkeit der Inhalte des Rahmenplans wird durch eine vollständige Beliebigkeit abgelöst“, kritisiert Katrin Schultze-Berndt, Bildungsstadträtin von Reinickendorf und Mitglied des CDU-Fachausschusses. Zudem sei er „unsozial“, weil er die Kopplung des Bildungserfolgs an die soziale Herkunft befördere. Der Ausschuss fährt schweres Geschütz auf: Der von SPD-Bildungssenatorin Sandra Scheeres vorgelegte Rahmenlehrplan „stellt den vereinbarten Berliner Schulfrieden in Frage“.

„Gegen Gymnasien“

Die CDU-Bildungspolitiker benennen in einem Papier, das der Berliner Morgenpost vorliegt, eine Fülle von Details. Ein gemeinsamer Lehrplan von Klasse eins bis Klasse zehn für Grundschüler und Lernbehinderte, für Sekundarschüler und Gymnasiasten ignoriere unterschiedliche Bedürfnisse und Fähigkeiten der Jugendlichen. Eine angemessene Differenzierung zwischen den unterschiedlichen Niveaus werde aufgehoben. Das richte sich vor allem gegen die Gymnasien. „Die Unterschiede zwischen Sekundarschülern, die für den Ausbildungsmarkt vorbereitet werden sollen, und Gymnasiasten, die ein Universitätsstudium anstreben, reduzieren sich auf eine leicht unterschiedliche Anzahl von Themenbereichen“, moniert die Union. Weder inhaltlich noch qualitativ werde auf unterschiedliche Anforderungen eingegangen. Mit dem Verzicht auf besondere Anforderungen für Gymnasiasten werde das Abitur entwertet und somit der Studienzugang erschwert.

Senatorin Scheeres hatte den Entwurf für den neuen Rahmenlehrplan Ende November vergangenen Jahres vorgestellt. Als wichtige Neuerung nannte sie, dass Sprach- und Medienbildung künftig in jedem Unterrichtsfach stattfinden. Beides sei Voraussetzung dafür, dass die Kinder die Schule und eine Ausbildung erfolgreich abschließen können, hieß es. Auch die erzieherische Aufgabe der Lehrer wird gestärkt. So sind zwölf Themenfelder festgelegt, die sie in ihren Unterricht einbeziehen sollen. Dazu gehören etwa Demokratieerziehung, Europa- und Verbraucherbildung, Berufs- und Studienorientierung sowie Gesundheitsprävention und interkulturelle Bildung.

Fokus liegt auf dem Erlernen von Kompetenzen

Ziel sei es, so Scheeres, einen engen Bezug zur Lebenswelt der Kinder herzustellen, ihnen Grundlagen für das Miteinander in der Gesellschaft und für ihre Lebensgestaltung zu vermitteln. Außerdem sollen die Schüler künftig weniger Stoff lernen müssen. Stattdessen sollen sie Kompetenzen erwerben, die ihnen dabei helfen, sich Wissen selbst anzueignen. Gab es bislang 68 Fachlehrpläne, wird es jetzt nur noch 28 Fachpläne geben sowie weitere zwölf für den Erwerb verschiedener Sprachen. Die CDU-Bildungspolitiker kritisieren hingegen, dieses Konzept zeichne sich durch „Beliebigkeit“ aus. Welche Themen aus einer Vielzahl von Angeboten sich eine Schule wählt, entschieden die Lehrer vor Ort „nach eigener Neigung“.

Weitere Kritikpunkte: „Die Schulen müssen ein schuleigenes Curriculum aufstellen, anstatt die wertvolle Zeit für die Unterrichtsvorbereitung nutzen zu können. Bei zu großer Belastung der Lehrkräfte drohen Schulbuchverlage mit der eigenen Auswahl ihrer Angebote den Unterricht in seinen Schwerpunktsetzungen zu bestimmen.“ Damit werde den Schülern auch erschwert, die Schule zu wechseln. Und schließlich sehe der Rahmenlehrplan keine hinreichenden Aussagen zur Leistungsbewertung vor, die herkömmliche Sechs-Stufen-Skala reiche in der Bandbreite vom lernbehinderten Schüler bis zum künftigen Abiturienten nicht aus. Scheeres hatte dazu im vergangenen November erklärt, Vorgaben für die Benotung müssten durch Rechtsverordnungen extra geregelt werden. Der Rahmenlehrplan lege lediglich Standards für alle Schüler fest. Eine Rechtsverordnung könne aber erst erlassen werden, wenn das Planwerk endgültig beschlossen worden sei.

Kritik am Fach Geschichte

„Die Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder am Ende eines jeden Schuljahrs ein bestimmtes Grundwissen haben“, forderte Katrin Schultze-Berndt im Gespräch mit der Berliner Morgenpost. Künftig könne sich aber jede Schule Themen raussuchen, es fehle die große Linie. Besonders deutlich werde das im Geschichtsunterricht. Mit der Fokussierung auf das 19. und 20. Jahrhundert blieben etwa Antike und Mittelalter im Unterricht außen vor. Damit würden Kinder nicht mehr lernen, aktuelle Geschehnisse vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen zu verstehen und einzuordnen. Gunilla Neukirchen, Vorsitzende der Vereinigung der Berliner Schulleiter, hatte sich bereits ebenfalls kritisch zum Rahmenplan Geschichte geäußert. „Wir laufen Gefahr, in diesem Fachgebiet ins Anekdotische abzugleiten“, sagte sie der Berliner Morgenpost.

Etwa, wenn in den Jahrgangsstufen fünf und sechs historische Zusammenhänge eher schmückendes Beiwerk sind, da eine vertiefte Auseinandersetzung allein aus zeitlichen Gründen nicht stattfinden kann. Oder wenn in den Jahrgangsstufen sieben und acht die historische Auseinandersetzung mit den verpflichtenden Themen Migration und Armut höher gehalten werde als die zu Wahlthemen gemachten Fragen von Krieg und Frieden oder der Weg zur modernen Demokratie oder die Auseinandersetzung mit Weltbildern.

Unterschiede „in völlig neuer Weise differenziert“

Die Schulverwaltung wies den Vorwurf zurück, die Unterschiede zwischen den Schulformen würden aufgehoben. Diese würden durch das Schulgesetz definiert. Unterschiede in Leistungsfähigkeit und Bedürfnissen der Schüler würden keineswegs ignoriert, sondern im Gegenteil „in völlig neuer Weise“ differenziert. Zudem sehe das Schulgesetz auch heute vor, dass die Rahmenlehrpläne den Schulen einen „hinreichend großen Entscheidungsspielraum für die aktive Gestaltung ihres Schulprogramms“ überlassen „und den unterschiedlichen Fähigkeiten, Leistungen und Neigungen der Schüler sowie der pädagogischen Verantwortung der Lehrkräfte entsprochen werden kann“.

„Die CDU hat hier offenbar ein größeres Informationsdefizit. Der Entwurf für die neuen Rahmenlehrpläne wurde gemeinsam von den Bundesländern Berlin und Brandenburg entwickelt. Das macht nicht irgendein Politiker im Kämmerlein“, sagte Thorsten Metter, Sprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Der Entwurf sei von mehr als einhundert Lehrkräften und rund 30 weiteren ausgewiesenen Experten aus Didaktik und Pädagogik entwickelt worden. „Wir sind deshalb guter Dinge, dass das Vorhaben auch für unseren Koalitionspartner nachvollziehbar wird“, so Metter. CDU-Stadträtin Schultze-Berndt fordert, die bis Ende März geplante Online-Befragung zum Rahmenlehrplan bis zu den Sommerferien zu verlängern und durch Fachgruppengespräche und Experten-Anhörungen zu ergänzen. Mit dem neuen Rahmenlehrplan von Berlin und Brandenburg werde die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler verbessert.