Prozess

Rabiater Radfahrer verletzt Rentner tödlich

39-Jähriger gesteht Faustschlag im S-Bahnhof. Der Rentner soll ihn zuvor geohrfeigt haben. Doch kein Zeuge hat das gesehen. Der Vorwurf vor Gericht: Totschlag.

Es sei „ein typischer Rentnermorgen“ gewesen, sagte die 72-jährige Barbara B. am Montag zu Prozessauftakt vor einem Moabiter Schwurgericht: „Gemeinsam frühstücken, Zeitung lesen“, anschließend sei ihr Mann einkaufen gefahren. „Ich habe nicht geahnt, dass ich ihn nicht mehr lebendig wiedersehen werde.“

Verantwortlich dafür, dass der 72-jährige Joachim B. am 6. August 2014 zu Tode kam, ist nach Meinung der Staatsanwaltschaft der Angeklagte Sebastian L. Der 39-Jährige fuhr mit seinem Fahrrad nach Aussage eines Zeugen „mit hoher Geschwindigkeit“ in die Unterführung des S-Bahnhofs Grünbergallee (Ortsteil Treptow). Joachim B., der mit zwei Taschen voll mit leeren Flaschen unterwegs zum Supermarkt war, musste damit nicht rechnen. Das Fahrradfahren ist in der Unterführung verboten.

Drei Zeugen berichteten am Montag vor dem Schwurgericht, dass Sebastian L. den Rentner beim Vorbeifahren touchierte und Joachim B. hingefallen sei. Der 72-Jährige soll den Radfahrer daraufhin erbost verfolgt und schließlich gestellt haben. Es folgte ein heftiger Wortwechsel. Barbara B. sagte aus, dass ihr Mann ein Typ gewesen sei, der sich nichts gefallen lasse habe. Er wäre in solchen Situationen aber keinesfalls handgreiflich geworden.

Wuchtige Faustschläge ins Gesicht

„Ich habe gefragt, was er von mir will“, heißt es in einer Erklärung des Angeklagten. Daraufhin habe ihn Joachim B. einmal geohrfeigt. „Ich schlug dann ohne nachzudenken zurück“, so Sebastian L. Er wisse noch, dass die Brille des Rentners heruntergefallen sei. Er selbst habe sich um sein Fahrrad gekümmert. Deswegen habe er auch nicht gleich gesehen, dass der alte Mann die Treppe herunter gefallen sei. Er habe sich stattdessen panisch vom Tatort entfernt: „Ich habe den Tod von Herrn B. nicht gewollt“, so die Erklärung, „ich fühle mich aber moralisch verantwortlich.“

Im Anklagesatz wird der Tathergang etwas anders geschildert. Dort werden „mehrere wuchtige Faustschläge“ erwähnt, die Sebastian L. dem Rentner „ins Gesicht und gegen den Oberkörper“ versetzt haben soll. Joachim B. stürzte zwölf Stufen hinunter und erlitt dabei schwerste Kopfverletzungen. Er starb fünf Tage später im Krankenhaus.

Keiner hat einen Angriff des Rentners wahrgenommen

Einen Angriff des Rentners als Anlass für diese brutale Attacke hat keiner wahrgenommen. Auch ein als Zeuge geladener Freund des Angeklagten wusste am Montag nichts davon. Sebastian L. hatte sich mit dem 30-Jährigen eine Stunde nach den Ereignissen auf dem S-Bahnhof getroffen und ihm aufgeregt davon erzählt. Von einer Backpfeife war da noch nicht die Rede.

Sebastian L. konnte zehn Tage nach dem Vorfall nach einer Öffentlichkeitsfahndung festgenommen werden. Er wurde wegen Totschlags angeklagt. Der Erwerbsunfähigkeitsrentner ist mehrfach vorbestraft, auch wegen Körperverletzung. Der Prozess wird fortgesetzt.