Berliner Zoo

Berliner Orang-Utan-Baby von Mutter verstoßen

Freud und Leid im Berliner Zoo: Bei den Orang-Utans gibt es Nachwuchs. Doch die unerfahrene Mutter Djasinga kümmert sich nicht um ihr Baby. Das kleine Äffchen muss nun mit der Hand aufgezogen werden.

Foto: dpa

Am Montagmorgen betraten Pfleger des Berliner Zoos wie gewohnt das Orang-Utan-Gehege, als sie plötzlich ein kleines, schreiendes Fellbündel auf dem Boden vor sich liegen sahen. Djasinga hatte irgendwann zwischen 3 und 7 Uhr ihr Baby geboren, es dann abgelegt und war mit dem Rest der Affenbande verschwunden. Das kleine Mädchen war alleine, ungeschützt und unentdeckt zurückgeblieben. Bis die Pfleger um 7 Uhr den süßen Menschenaffen fanden. Dass Djasinga trächtig war, ist bekannt gewesen. Doch was nach der Geburt geschah, war nicht abzusehen.

Ohne Wärme und Nahrung schwebte das Baby in großer Gefahr. Die Pfleger mussten so schnell wie möglich handeln. Nach Absprache mit Experten beschlossen sie, die Mutter zu betäuben und ihr dann das Jungtier an die Brust zu legen, so würde das kleine Mädchen seine lebenswichtige Milch bekommen und die Affendame vielleicht Muttergefühle für den Nachwuchs entwickeln.

Die Hoffnung der Pfleger erfüllte sich leider nicht. Nach etwa zwei Stunden wachte die Mutter wieder auf und streifte sich das Baby vom Körper. Schweren Herzens beschlossen die Pfleger, das Kind von Djasinga zu trennen, um es pflegen zu können.

Ein Nest mit Wärmeflasche

„Dass die Mutter das Baby verstößt, ist sehr untypisch für Orang-Utans“, so Christiane Reiss, Sprecherin des Berliner Zoos. Orang-Utans sind in der freien Wildbahn als Einzelgänger bekannt, zwischen Weibchen und Jungtier gibt es aber normalerweise eine dauerhafte Bindung.

Die acht Orang-Utans im Zoo sind in zwei Gruppen aufgeteilt. Mutter Djasinga (elf Jahre) lebt zusammen mit Enche (25 Jahre), dem Vater ihres Neugeborenen, und dessen Sohn Satu sowie Satus Mutter Mücke (24 Jahre). Auch das nach der Geburt 1800 Gramm schwere Jungtier hätte Teil dieser Gruppe sein sollen.

Neugeborene Orang-Utans benötigen Wärme und Nähe, klammern sich an das Fell der Mutter. Wird ein Baby von der Mutter nicht angenommen, ist es in großer Gefahr. Alleine kann es nicht überleben. Der neugeborene Menschenaffe im Berliner Zoo hatte also großes Glück, dass er rechtzeitig von den Pflegern gefunden wurde. Ganz außer Gefahr ist er jedoch noch nicht, weiß Christiane Reiss: „Das Baby ist noch nicht aus der kritischen Phase heraus, aber es ist stabil.“

Da die Mutter ihr Kind auch nach dem ersten Säugen nicht anerkannt hat, musste es zunächst in die Wohnung der Pfleger umziehen. Eine Gruppe von Ersatzeltern kümmert sich nun in einer der Zoo-Wohnungen rund um die Uhr um den süßen Nachwuchs.

Alle zwei bis drei Stunden bekommt das Baby Frühchenmilch aus der Flasche – auch nachts. Der Pflegerkreis der sich um das Wohl des Sprösslings kümmert, hat dem kleinen Menschenaffen ein Nest hergerichtet, mit Wärmeflasche und Klammerbeutel, damit sich der Nachwuchs optimal entwickeln kann und sich wohl fühlt.

Normalerweise bleiben Orang-Utan-Babys die ersten ein bis zwei Jahre bei der Mutter, bevor sie selbstständig sind. Obwohl der kleine Affe im Berliner Zoos erst einmal aus der elterlichen Stube ausziehen musste, geben die Pfleger die Hoffnung nicht auf, dass die Mutter ihr Kleines doch noch annimmt.

„Es ist Djasingas erstes Kind und vielleicht entwickeln sich die Muttergefühle noch“, hofft Reiss. Einmal am Tag wird der elfjährigen Affendame ihr noch namenloser Nachkomme präsentiert, und vielleicht lässt sie es eines Tages doch zu, dass sich das Baby an sie klammert.

Äffchen-Amme gesucht

Bis es soweit ist, suchen die Zoo-Verantwortlichen europaweit nach einer Möglichkeit, das Orang-Utan-Baby bestens zu versorgen. Gefahndet wird nach einer tierischen Amme, die noch Milch hat und das Berliner Mädchen übernehmen könnte, oder nach einem Zoo, der bereits eigene Orang-Utan-Jungtiere vorzeigen kann und das verlassene Baby adoptieren könnte.

Das Wohl des Tieres steht bei allen Entscheidungen im Vordergrund, erklärt Zoodirektor Andreas Knieriem: „Ob das Tier bei uns bleibt oder in eine andere Einrichtung wechselt, entscheidet das zuständige Team des Berliner Zoos gemeinsam mit dem Koordinator des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms für Orang-Utans in Karlsruhe, Clemens Becker, in den kommenden Wochen.“