Polizeiarbeit

Auf Streife durch Berlin mit Polizisten und Zivilfahndern

Polizisten und Zivilfahnder der Bundespolizei stellen sich Tag für Tag der Kriminalität auf Berlins Straßen. Die Berliner Morgenpost hat sie bei ihren Schichten am Tag und in der Nacht begleitet.

Foto: Sergej Glanze (4) / Glanze

Polizeiabschnitt Pankstraße. Gesundbrunnen. Tagesschicht, 14 bis 22 Uhr. „Seid Ihr die Reporter?“, fragt ein Hüne mit Kurzhaarschnitt, Bart und breitem Grinsen im Gesicht. Sein Händedruck tut weh. Hans K. ist 29 Jahre alt und vom Rang her Polizeikommissar. Er trägt die neue funktionale Einsatzkleidung und Schutzweste. „Zieht Eure mal besser an, man weiß nie, was kommt. Es gibt leider immer wieder Angriffe auf Polizisten. Und ihr seht aus wie Zivilbeamte. Ihr fahrt heute mit mir und Benny.“ Der hat den gleichen Rang, ist drei Jahre jünger. Die beiden sind Freunde, das merkt man.

Kein Tag ohne politische Debatten über die Bekämpfung der Drogenkriminalität, der Fremdenfeindlichkeit, des organisierten Verbrechens. Regelmäßig werden Task Forces gegründet, es gibt lange Sitzungen bei Kaffee und Keksen. Zur gleichen Zeit geht der Alltag weiter. Zur gleichen Zeit sind Funkstreifenbesatzungen und Zivilbeamte unterwegs, um sich der Kriminalität in der Praxis zu stellen. Eine Sisyphosarbeit. Reporter der Berliner Morgenpost haben Berliner Streifenbeamte und Zivilfahnder der Bundespolizei in ihren Schichten am Tag und in den Nachtstunden begleitet.

Tarnung ist alles

Aus dem versprochenen Kaffee wird nichts mehr. „Los, los“, ruft der Wachleiter. „An der Brunnenstraße brennt eine Wohnung. Darin soll ein Kind eingeschlossen sein.“ Hans springt hinter das Steuer, Benny auf den Beifahrersitz, das Martinshorn wird schon im Hof angeschaltet. Es hallt in der Durchfahrt. Das breite Grinsen ist zu einem ernsten Gesichtsausdruck geworden. Hans rast durch die Straßen Richtung Einsatzort. Jetzt redet er wenig. Hans hat eine kleine Tochter. Kurz darauf ist das Ziel erreicht. Andere Beamte waren eine Minute schneller und besprechen sich mit den Kollegen der Feuerwehr. Einer erkennt den heranlaufenden Hans und hebt den Daumen. „Fehlalarm. Die Wohnung war leer. Niemand in Gefahr.“ Der Adrenalinpegel sinkt wieder.

Bundespolizeirevier Zoologischer Garten. Nachtschicht, 19 bis 5 Uhr. Am Ende des Ganges liegen mehrere kleine Büros. Eine Tür ist bunt beklebt, unter anderem mit einem Stück Flatterband aus Amerika: „crime scene, do not cross.“ Dahinter befindet sich die Zivile Fahndungseinheit, kurz ZFE. Sechs Beamte sitzen um einen Tisch, darauf Pfefferspray und Schutzwesten, Handschellen, Kaffeetassen und Teller mit Käsekuchenkrümeln. Drei der Männer sehen ungewöhnlich aus – mit ihren langen Bärten. Sie könnten dem Äußeren nach auch Mitglieder eines Rockerclubs sein. „Tarnung ist eben alles“, schmunzelt der Chef des Ganzen, nennen wir ihn Alex.

Knapp zwei Meter groß und durchtrainiert, schaut er mit lustigen Augen unter seinem Basecap hervor. Schwerpunkt in dieser Nacht: die Suche nach Kabeldieben und Grafittischmierern. „Mit den Farbmeistern fangen wir an.“ Die Zivilbeamten postieren sich entlang der S-Bahntrasse an der Hochstraße. Ihr Versteck ist geheim, denn schon oft sind sie in dieser Gegend erfolgreich gewesen. Drei Torbögen sind besonders beliebt bei den Tätern. Marco blickt durch seine Wärmebildkamera. Es wird nur geflüstert. Wer husten muss, tut es in die Jacke hinein. Es bleibt ruhig. Ein Liebespaar knutscht unter einer Laterne, eine alte Dame führt ihren Hund aus. Dann spannt sich Marcos Körper. „Habe etwas in der Kamera“, informiert er die um das Gebiet verteilten Kollegen. Kurz darauf wieder Entwarnung: „Ist nur ein Fuchs.“ Dabei bleibt es. Zu kalt in dieser Nacht, es regnet.

Vergesslicher Ladendieb

Freie Streife in Gesundbrunnen. 14.46 Uhr, ein Funkspruch kommt herein. Ladendiebstahl an der Gerichtstraße. Der Täter hatte den Ladendetektiv bedroht und war entkommen, die Beute ließ er zurück. Hans und Benny warten auf den Bericht des Angestellten. Und müssen später selbst einen Bericht schreiben.

22 Uhr, Bahnhof Gesundbrunnen. Einsatz mit der ZFE. Alex hat einen Spitznamen. „Mister Festnahme“ wird er genannt. Weil er immer den richtigen Riecher hat. Aus dem Autofenster fallen ihm drei Männer auf, die sich an geparkten Autos zu schaffen machen wollen. Vivian, die einzige Frau im Team, und der Reporter gehen als Pärchen in ihre Richtung. Die drei fühlen sich beobachtet, lassen von ihrem Vorhaben ab und verschwinden in der Nacht. „Wenigstens haben wir den Besitzern den Schaden erspart.“

14.30 Uhr. Ackerstraße in Gesundbrunnen.

Drei Jugendliche erkennen einige Mitglieder einer Jugendgang wieder, von der sie vor zwei Wochen überfallen, geschlagen und beraubt worden waren. Die Täter sind nicht mal 14 Jahre alt und sehr vorlaut. „Ihr kontrolliert mich doch nur, weil ich Ausländer bin“, sagt einer. Bei ihm wird ein Handy sichergestellt, es gehört einem der Opfer. „Hab’ ich geschenkt bekommen“, lügt der Junge. Gegen ihn wird Strafanzeige erstattet, dann wird er entlassen. „Der wird uns sicher wieder begegnen“, sagt Hans und steigt zurück in den Wagen.

16.26 Uhr. Wieder ein Ladendiebstahl, wieder das gleiche Geschäft an der Gerichtstraße. „Wird doch wohl nicht der Typ sein, der seine Tasche vergessen hat?“, witzelt Hans. Es ist aber einer, der Bier kaufen wollte, jedoch wegen früherer Taten Hausverbot in dem Geschäft hat. Der Detektiv wurde angegriffen, Anzeige wegen versuchter Körperverletzung und Hausfriedensbruch. Wieder viel Schreiberei mit wenig Aussicht auf Ermittlungserfolg. „Der wartet einfach, bis ein anderer Detektiv Dienst hat, und kommt wieder“, sagt Benny und schüttelt den Kopf.

16.40 Uhr. Prinzenallee. Ein über 100.000 Euro teurer Porsche fährt durch die Allee. Ohne zu blinken wechselt der Fahrer die Fahrspuren, wirkt unsicher. Er wird aus dem Verkehr gewunken. Das Blinken habe er vergessen, und Alkohol trinke er aus religiösen Gründen nicht. Aber der Mann schwankt. Benny vermutet, dass er Drogen genommen hat. Doch der Test ist negativ. Dennoch wird er Strafe zahlen müssen. Blinken vergessen, die Busspur genutzt, keine Warnweste dabei, der Verbandskasten hat das Haltbarkeitsdatum überschritten.

20 Uhr, BVG-Betriebshof in Wedding. Ein Mann randaliert in einem Bus am Endbahnhof. Eigentlich kann er nicht mehr. Der Tourist ist volltrunken. Hans und Benny begleiten ihn hinaus. Der Mann torkelt, kann aber alleine gehen und will zu einem Hotel laufen. „Wir müssen aufpassen, dass er für andere und sich selbst keine Gefahr darstellt. Genauso müssen wir aber auch darauf achten, dass wir ihm das Recht auf Freiheit nicht durch eine Nacht in der Ausnüchterungszelle entziehen, wenn er noch halbwegs fit ist. Das ist eine Gratwanderung.“ Noch dreimal treffen sie den Mann an, bis er schließlich zu seinem Hotel findet.

Deckung im Gebüsch

1 Uhr nachts. Die Beamten der ZFE warten in der Nähe von Schildow an der Bahntrasse aus Richtung Berlin. Mehrere Teams haben sich entlang der Gleise in Gebüschen versteckt. Mit Nachtsichtgeräten spähen sie das Terrain aus. „Es klingt banal“, flüstert Alex. „Aber Kabeldiebstahl stellt ein großes Problem dar. Die Kupferstränge, die aus den Versorgungsleitungen der Bahn geschnitten werden, sind kostbar und finden Abnehmer. Der materielle Wert ist dabei weniger problematisch als die durch die Schäden verursachten Ausfälle von Zugverbindungen.“ Die Trasse liegt an einem Feld, es gibt keine Deckung außer in kleinen Büschen.

Der eisige Wind peitscht übers Rübenfeld, und Hagel setzt ein. Eine Stunde lang. „Gerade jetzt brechen wir nicht ab“, grinst Alex. „Das ist genau deren Wetter. Und an dieser Stelle wurde in den letzten Wochen bereits dreimal zugeschlagen.“ Doch die einzigen Lebewesen auf dem Feld sind in dieser Nacht vier Rehe und ein Fuchs. Keine Kabeldiebe. „Mister Festnahme“ hat seinen Spitznamen an diesem Einsatztag nicht erneut bestätigt. „Aufgeben gehört nicht zur Ausbildung. Auf ein Neues.“ Sisyphosarbeit, im Funkwagen und bei der Bundespolizei. Der Öffentlichkeit bleibt diese meist verborgen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze