Neue Studie

In der Hauptstadt ist das Glück ungleich verteilt

Im Bundesvergleich sind die Berliner nicht gerade glücklich. Innerhalb der Stadt sind aber die Spandauer am zufriedensten, hinten liegen Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg.

Foto: Buddy Bartelsen / impress picture - Buddy Bartelsen

Die Berliner sind ja im Bundesvergleich nicht besonders zufrieden. In dieser Kategorie liegen die Norddeutschen vorne. Berlin ist immerhin die Nummer eins im eher mäkelig gestimmten Osten des Landes. In der Hauptstadt jedoch besteht ebenfalls ein Ost-West-Glücks-Gefälle. Die Lebenszufriedenheit ist am größten in Spandau, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf. Am wenigsten glücklich fühlen sich die Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf.

Berliner sind anders

Die örtlichen „Hotspots of Happiness“ sind ein Ergebnis der zweiten Hertie Berlin Studie 2014, die am Dienstag offiziell vorgestellt wird. Zum zweiten Mal nach 2009 hat die Hertie Stiftung zum 25. Jahrestag des Mauerfalls Wissenschaftler und Meinungsforscher beauftragt, den Befindlichkeiten der deutschen Hauptstadt auf den Grund zu gehen. Interviews mit 2000 Berlinern zwischen 14 und 94 Jahren geben die Stimmung wieder. Berechnungen von Forschern um die Herausgeber Helmut K. Anheier und Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance runden das Bild ab.

Was viele ahnen, haben die Soziologen wissenschaftlich festgestellt: Berliner sind anders, auch wenn etwa die Einkommen ebenso ungleich verteilt sind wie im Rest des Landes. Aber die verschiedenen Milieus, nach denen Stadtforscher die Bürger nach Einstellungen, Verhalten und Einkommen aufteilen, unterscheiden sich signifikant vom deutschen Bild. „Das junge, moderne Segment sowie der untere Rand der Gesellschaft sind über- und das traditionell-bürgerliche Segment unterrepräsentiert“, fassen die Autoren die Lage zusammen.

In Berlin zählen 18 Prozent zu den Hedonisten, die sich als frei, unangepasst und cool betrachten. Ihr Hauptlebensraum ist Neukölln. Bundesweit sehen sich nur 15 Prozent so. Neun Prozent der Berliner betrachten sich als „innovativ und anders“, als mobile Avantgarde, die ausgeprägt in Friedrichshain-Kreuzberg vorkommt. Für Deutschland liegt der Vergleichswert bei sieben Prozent. Und zwölf Prozent zählen zu den „Prekären“, drei Prozentpunkte mehr als in Deutschland, die täglich ums Überleben kämpfen müssen. Vergleichsweise stark ist diese Gruppe in Marzahn-Hellersdorf.

Weniger ausgeprägt sind in der Hauptstadt mit acht gegenüber zehn Prozent bundesweit die „Konservativ-Etablierten“ vertreten, die gut situiert vor allem in Frohnau und Zehlendorf leben. Die bürgerliche Mitte, der leistungs- und anpassungsbereite Mainstream, umfasst in Berlin zwölf, im Bundesdurchschnitt 14 Prozent und ist besonders in Treptow-Köpenick stark vertreten. Auch die „Traditionellen“, die die Autoren als pflichtbewusste Ur-Berliner in Ost- und West“ beschreiben, sind in Berlin mit elf gegenüber 14 Prozent im Bundesdurchschnitt schwächer vertreten. Diese „kleinen Leute“ sind am Nützlichen orientiert, ziehen sich ins Häusliche zurück und halten traditionelle Moral hoch.

Zehn Jahre bis zum „Berlin-Gefühl“

Die anderen vier „Milieus“, die „Liberal-Intellektuellen“ (Hauptwohnort Steglitz-Zehlendorf), die leistungsorientierten „Performer“ (City West), die Sozialökologischen (Westbezirke) und die „Adaptiv-Pragmatischen“ (Pankow) sind mit sieben beziehungsweise acht Prozent der Bevölkerung ebenso stark wie anderswo im Land. Zu dem Bild dieser zielstrebigen, gut ausgebildeten, aber auch angepassten Gruppe passt, dass nirgendwo in Berlin mehr Mütter arbeiten als in Pankow. Dort sind fast 80 Prozent aller Frauen mit Kindern im Haushalt erwerbstätig. Im Berliner Durchschnitt sind das zwei Drittel. Aber es gibt Unterschiede unter den Stadtteilen. In Mitte, Neukölln und Spandau arbeiten nur etwas mehr als die Hälfte der Mütter.

Die Studie belegt auch, dass es etwa zehn Jahre dauert, bis sich Zugezogene, die zumeist höher gebildet sind als die Eingeborenen, sich auch als Berliner fühlen. Insgesamt sind 51 Prozent Ur-Berliner, 30 West und 21 Prozent Ost. 49 Prozent stammen von außerhalb. Während die hier Geborenen sich fast alle als Berliner fühlen, sind es bei Menschen mit weniger als dreijährigem Aufenthalt nur 23 Prozent, bei bis zu zehn Jahren 33 Prozent, bei mehr als zehn Jahren in der Stadt 62 Prozent. Hier ist die Identifikation der ausländischen Bürger annähernd ebenso groß wie unter den Menschen mit deutschem Pass.

Die Studie hat auch ergeben, dass die Berliner sehr wenig von ihren Behörden halten. 80 Prozent sind mehr oder weniger stark der Ansicht, die Berliner Verwaltung sei überlastet und arbeite zu bürokratisch. Nur eine Minderheit der Befragten glaubt, die Ämter arbeiteten effizient. Die Studie zeigt auch: Die Berliner wollen wissen, was in der Politik vor sich geht. 40 Prozent der Befragten sind stark am öffentlichen Leben interessiert, 46 Prozent ordnen ihr Interesse als „mittel“ ein.