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Wie Neu-Berliner lernen können, die Stadt zu lieben

Brenda Strohmaier hat sich in ihrer Doktorarbeit mit dem besonderen Charme der Berliner beschäftigt. Auswärtige empfinden ihn als rau, der Berliner als pfiffig und direkt. Eine Annäherung ist schwer.

Foto: Reto Klar

Berlin übt eine seltsame Anziehungskraft aus. Allein in den vergangenen zwei Jahren sind 170.000 Menschen hergezogen. Denn obwohl die Stadt rau ist, versuchen immer neue Menschen, in Berlin ein Zuhause zu finden. Wie geht das? Dieser Frage ist Brenda Strohmaier in ihrer Doktorarbeit nachgegangen. Ein Gespräch über nützliches Verrohen, den Vater des Berliner Humors und die Vorteile eines nie fertig werdenden Flughafens.

Berliner Morgenpost: Frau Strohmaier, warum ist Berlin erst einmal so abstoßend?

Brenda Strohmaier: Wer Berlin nicht mag, ist nicht allein. Goethe sagte, man müsse Haare auf den Zähnen haben, um sich in der Stadt über Wasser zu halten. Und Egon Erwin Kisch, immerhin einst der berühmte rasende Berlin-Reporter, schrieb bei seinem ersten Berlin-Aufenthalt der Verwandtschaft in Prag: „Berlin im Allgemeinen ist direkt furchtbar.“ Es ist klar: Der Berliner ist das Problem. Und die Berlinerin. Über die sagte Kisch: „Sie ist ein ganzes Konglomerat von Ekeln.“

Was hat sie ihm denn getan?

Leider weiß ich nicht, was Kisch genau mit den Berliner Frauen damals erlebt hat. Auf jeden Fall galten sie schon damals als vorlaut und nicht unbedingt höflich. Auch heute noch hat fast jeder, der nach Berlin kommt, ein Schlüsselerlebnis mit Eingeborenen. Da ist etwa der Busfahrer, dem man naiv den unabgestempelten Fahrschein hinhält und der fragt: „Watn, soll ick da rinbeißen?“

Die Unfreundlichkeit ist legendär. Trainiert die BVG die eigentlich?

Das wäre eine gute Idee, denn die Berliner Schnauze ist ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt. Leider hat die BVG nach der Wende sogar „Bitte“ bei den Durchsagen eingeführt. Früher, als das Personal noch auf den U-Bahnhöfen Durchsagen nach Belieben machte, hörte man schon mal ein gebrülltes: „Mensch, zurückbleiben, hab ick jesagt.“ Ich fand das lustig.

Aber viele benehmen sich in der U-Bahn ja auch so, dass man sie anschreien möchte.

Tja, dann müssen Sie mal wieder einen pädagogischen Artikel schreiben. Die „Morgenpost“, die 1913 fast 400.000 Abonnenten hatte, brachte schon vor hundert Jahren den Berlinern bei, wie man sich im öffentlichen Nahverkehr ordentlich benimmt, etwa wann man die Notbremse ziehen darf, und für wen man alles aufstehen muss. Die Berliner können übrigens gut erklären, warum sie sich in der U-Bahn ruppig verhalten. Ich habe für meine Studie sieben Gruppen ganz unterschiedlicher Berlin-Bewohner über die Besonderheiten ihrer Stadt diskutieren lassen, und bei allen ging es immer wieder um das Thema. Eine gebürtige Berlinerin erzählte, sie fahre in der U-Bahn immer die Ellenbogen heraus, um sich Freiraum zu schaffen.

Trotz der speziellen Umgangsformen wollen viele Menschen hier leben. Ist die erste Lektion in Berliner werden eine U-Bahn-Fahrt?

Unbedingt, allein um die Dimensionen der Stadt besser erfassen zu können. Aber man sollte wissen, warum die Leute so unfreundlich wirken. In meinen Studiengruppen erklärten erfahrene Berliner das Neulingen nur zu gerne. Sie behaupteten, es sei aufdringlich, morgens zu lächeln, man wolle ein Weilchen für sich sein.

Münchner werden ist unmöglich, man muss da geboren sein, um nicht ewig als Saupreuße beschimpft zu werden, auch Hamburger sein kann man nicht lernen. Ist Berlin da offener?

Es gibt Bayern, die behaupten, sie hätten eine niedrige Zugangsschwelle, weil man nur ein Dirndl anziehen muss, um dazuzugehören. Berlin macht es Neulingen noch leichter: Man muss es nur schaffen, all das, was andere Leute anderswo in Aufregung versetzt, zu ignorieren.

Das klingt simpel.

Wer Berlin auch noch lieben möchte, muss sich anschauen, wie Lokalpatrioten das machen. Sie rühmen Berlin als Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten wie einst Auswanderer die USA. Für sie ist Berlin die Stadt der Superlative, das heißt die abwechslungsreichste, aufregendste und grünste Stadt zugleich. Ein Ort, der Raum bietet für jede noch so absurde Idee und Vorliebe, aber auch für das entspannte Leben am Randbezirk. „Hier ist allet möglich!“ sagen sie – und schwärmen davon, dass man in Berlin auch halbnackt rumlaufen könnte, ohne dass sich jemand umdreht. Dit ist Berlin.

Das wäre doch ein guter Text für eine Berlin-Hymne, wie „Kölle Alaaf“ oder „Hamburg, meine Perle“. Wo kommt das her, dass der Berliner so glücklich über sein schlechtes Benehmen ist?

Der Berliner würde das ja als Direktheit definieren, als Pfiffigkeit. Manche Forscher glauben, dass diese Form des rotzigen Witzes unmittelbar auf Friedrich II. zurückgeht. So soll er einen Soldaten belehrt haben, der in Friedenszeiten keinen Orden annehmen wollte: „Nehm er ihn nur immer. Seinetwegen kann ich keinen neuen Krieg anfangen.“

Ist Friedrich II. der Prototyp des Berliners?

Wahrscheinlich, er hat sogar den Berlin-Look erfunden mit seinen zerschlissenen, mit Tabak besudelten Uniformen. Und er war es, der die Aufklärung nach Berlin brachte. Damals kam das Wort Öffentlichkeit ebenso wie das Wort Witz erst in die deutsche Sprache – und auch die Idee des witzigen Berliners. Zu Friedrichs Zeiten fingen Zeitschriften an, die Berliner Typen zu feiern.

Stammt von daher auch das Berlinern?

Das ging ganz langsam los. Die Bewohner Berlins sind erst ab dem 16. Jahrhundert allmählich vom Niederdeutschen zum Hochdeutschen gewechselt, wobei Sächsisch – Meißnisch genannt – die Standards vorgab. Erst nach und nach entwickelten die Berliner eine eigene Sprache, der Sprachwissenschaftler heute noch anhören, dass darin Sächsisches steckt.

Oh Gott, wie alt ist Kasupke dann?

Typen wie ihn kennt man spätestens, seit der Publizist Adolf Glaßbrenner ab den 1830ern seine Heftchen „Berlin wie es ist und – trinkt“ veröffentlichte. Darin traten berlinernde und betrunkene Typen wie der Eckensteher Nante auf, der gerne mit seiner Schnapsflasche Dialoge hielt und nach einem tiefen Schluck die damals berühmten Worte sagte: „Lebenslauf, ick erwarte Dir.“

Und das soll der Charme Berlins sein?

Versteht halt nicht jeder. Vor lauter Berlin-Hype vergisst man, dass es Leute gibt, die sich partout nicht in der Stadt integrieren können. Viele schauen nur auf die 170.000 Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren zugezogen sind. Aber die Stadt hat in derselben Zeit auch 100.000 Menschen wieder ausgespuckt.

Und wer bleibt?

Eben die, die den Charme Berlins irgendwann verstehen, auch weil Lokalpatrioten ihn bei jeder Gelegenheit erklären und vor allem Neuberliner die alten Traditionen hochhalten. Mein Lieblingsbeispiel ist der angeblich beste und immer überbuchte Burgerladen „The Bird“ in Prenzlauer Berg, betrieben von ein paar Angelsachsen. Auf der Karte wird der Kunde erst mal angepampt, er solle doch bitte den verdammten Burger mit den Händen essen und nichts Durchgebratenes bestellen, sonst hasse einen der Koch.

Aber es gibt doch inzwischen immer mehr Orte, in denen Berlin sich gar nicht mehr anfühlt wie Berlin, die „Monkey Bar“ zum Beispiel im 25 Hours Hotel am Zoo.

Klar, ich wohne gegenüber vom Katz Orange in Mitte, einem noch ziemlich schicken Restaurant. Das ist extraterritoriales Münchner Gebiet. Manche Berlin-Veteranen nennen es nur Kotz-Orange, weil da sorgfältig zurecht gemachte Menschen herumsitzen und davor Autos parken mit Innenräumen so groß wie mein Wohnzimmer.

Hat Berlin eine Abneigung gegen das Schöne?

Vielleicht gibt es in der Stadt eine andere Definition von Schönheit. Wer sich zu offensichtlich Mühe gibt, hat die Eigenlogik Berlins nicht verstanden, die eben auf preußisches Understatement setzt.

Aber jetzt werden überall Luxuslofts gebaut mit Fitnessstudios, Masterbädern und Rooftop-Terraces. Da wohnen doch auch welche.

Ihretwegen muss man sich keine Sorgen machen. Dit ist übrigens auch Berlin, die Angst, dass das richtige Berlin verschwindet, wenn dauernd neue Leute herziehen. Zwischen 1871 und 1910 kamen sogar drei Millionen Menschen. Aber die raue Berliner Natur hat auch das überlebt.

Und wie?

Typisch berlinisch halt, das heißt mit Humor. Walther Rathenau, der Politiker und Industrielle, beteuerte im Jahr 1899, er erkenne seine geliebte Vaterstadt nicht mehr wieder, insbesondere der neue Dom am Lustgarten und ein Palast auf dem Pariser Platz erregten sein Missfallen. Er riet, lieber nicht hinzugehen, sondern stattdessen eine Ansichtskarte zu kaufen.

Das kann man jetzt bald wieder machen, wenn da ein Schloss steht.

Aus eigenlogischer Perspektive, das heißt den Berliner Strukturen entsprechend, hätte man natürlich den räudigen Palast der Republik stehen lassen sollen. Der wirkte so, als hätte er Potenzial für alles. Genau das liebt der Berliner über alles. Bloß nichts fertig machen. Deswegen hat er gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes gestimmt, und deswegen ist er insgeheim froh, dass Tegel noch auf ist – und der BER eine Utopie bleibt.

Wird denn Berlin nie erwachsen?

Wozu sollte es denn? Seit über hundert Jahren wird Berlin als Stadt beschrieben, die sich immer wandelt. Das ist doch eine Konstante. Und genau die unendlichen Möglichkeiten muss man an Berlin lieben lernen. Schon im Mittelalter, als Berlin noch in Sand und Sumpf im fernen Osten lag, haben Herrscher das Potenzial der Gegend beschworen. So nach dem Motto: „Die Heiden sind schlimm, aber ihr Land ist fruchtbar.“ Also eine frühe Variante von arm, aber sexy.

Brenda Strohmaier: „Wie man lernt, Berliner zu sein. Die deutsche Hauptstadt als konjunktiver Erfahrungsraum“, Campus, 34 Euro