Schule

Lernen mit der Bildungs-Bande an Brennpunkt-Schulen

Ältere Schüler helfen jüngeren bei Hausaufgaben und Spracherwerb. Ein positives Beispiel, das in Brennpunkten Schule machen will. Und das sich für beide Seiten auszahlt.

Foto: Reto Klar

Luca will Modedesignerin werden. Die zwölf Jahre alte Schülerin interessiert sich aber nicht nur für schicke Outfits. Jeden Mittwoch geht Luca nachmittags für vier Stunden in ihren früheren Kindergarten. Sie coacht die Kinder. Mit wachsender Begeisterung.

„Ich unterstütze die Erzieherinnen und kümmere mich um die Kleinen, helfe ihnen bei solchen Dingen wie Namen schreiben oder bin einfach so für sie da“, sagt sie. „Das macht mir total Spaß, ich befasse mich gern mit Kindern, das bin ich auch schon von zu Hause mit meinen kleineren Geschwistern gewöhnt“, ergänzt die Teenagerin selbstbewusst.

Luca engagiert sich als Schüler-Coach im Rahmen des Programms „Bildungs-Bande Berlin“ in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESZB) an der Wallstraße in Mitte.

Das Konzept: Jugendliche aus weiterführenden Schulen wie der ESZB besuchen wöchentlich Kindergärten und vor allem auch sogenannte Brennpunkt-Grundschulen, um dort Kinder zu begleiten, sie beim Lernen zu unterstützen oder ihnen auch einfach nur Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen.

Mehr Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Integration

Initiatorin des Programms ist die ESZB-Schulleiterin Margarete Rasfeld. Sie gründete das Projekt bereits 2010 mit Unterstützung der Sozial- und interkulturellen Pädagogin Anna-Lilja Edelstein, die anfangs ehrenamtlich aktiv war und mittlerweile als Projektkoordinatorin in Berlin agiert. Mehr Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und Integration sind unter anderem Ziele des von der GLS Treuhand Zukunftsstiftung Bildung getragenen Programms.

„Die Idee dahinter ist zweidimensional, die älteren Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen. Sie erwerben soziale Kompetenzen und erfahren im Kontakt mit den Kleinen auch, dass sie wichtig sind“, sagt Anna-Lilja Edelstein. Die kleineren Kinder hingegen, so die 31-Jährige, erfahren Hilfe und Unterstützung bei praktischen Dingen wie den Hausaufgaben, aber auch emotionale Zuwendung und Aufmerksamkeit. Das sei besonders für jene Kinder wichtig und hilfreich, die aufgrund ihres Migrationshintergrundes oft Sprachdefizite haben und benachteiligt sind.

Theatercamp in der letzten Woche der Herbstferien

Das Ganze lief anfangs unter dem Namen Sprachbotschafter, doch unterdessen heißt das Projekt Bildungs-Bande. „Es geht uns um weitaus mehr als um die Verbesserung der Sprachkompetenz“, so Edelstein. Ganz wichtig sei darüber hinaus auch die „positive Selbsterfahrung im Miteinander sowohl für die Kinder wie auch für die Jugendlichen“.

Dass dabei auch Spiel und Spaß eine große Rolle spielen, konnten die Teilnehmer des ersten Theatercamps erleben, das in der letzten Ferienwoche an der ESBZ organisiert wurde. Angeleitet von der Theaterpädagogin und Schauspielerin Saskia Zimmerer entwickelten dort 20 Kinder aus drei Grundschulen, mit denen die ESZB kooperiert, mit zehn Schüler-Coaches eine Woche lang kleine szenische Theaterstücke, die vergangenen Freitag in der Schule an der Wallstraße in Mitte präsentiert wurden.

Auswahl aus zehn Kinderrechten der Vereinigten Nationen

Inhaltlich ging es um die Rechte von Kindern. „Die Kinder haben sich aus zehn Kinderrechten der UN die ihnen Wichtigsten ausgesucht und dazu nach ihren eigenen Vorstellungen in Gruppen kleine Stücke entwickelt und einen kurzen Film erarbeitet, den der Filmemacher Carsten Krüger mit ihnen gedreht hat“, sagt Saskia Zimmerer.

Das Wichtigste bei dieser Arbeit sei der Prozess des Miteinanders gewesen, so Zimmerer. „Gerade das Theaterspiel ist eine gute Möglichkeit, sich selbst zu erfahren und weiterzuentwickeln“, so Zimmerer. Natürlich könne man in einer Woche längst nicht alle Probleme aufarbeiten, aber die positive Wirkung einer solch intensiven und produktiven Zeit sei deutlich. „Wir hatten in einer Gruppe beispielsweise einen Jungen, der wie ein Störenfried agierte und anfangs ausgesprochen wild war. Jetzt achtet er darauf, wie es anderen geht und kümmert sich auch um sie. Das ist ein totaler Rollenwechsel“, sagt die Theaterpädagogin über die nachhaltigen Effekte des einwöchigen Camps. Und sie ergänzt: „Es ist auch schön zu sehen, dass anfangs total schüchterne und zurückgenommene Kinder jetzt selbstbewusst auf der Bühne stehen, wo sie laut und deutlich ihre Texte sprechen.“

„Kinder dürfen keine Angst mehr haben“

Luca hat sich in ihrer Gruppe mit dem Recht auf Schutz vor Gewalt beschäftigt. „Mir ist am wichtigsten, dass Kinder nicht geschlagen und misshandelt werden, und dass sie keine Angst haben müssen“, sagt die Schülerin, die an der ESZB die 7. Klasse besucht. Der achtjährige Kento spielt in dem kleinen Film des Theatercamps ein Opfer von Gewalt. Leblos liegt der von Gewalttätern entführte Junge am Ende des Streifens auf dem Boden. „Hätten Sie geholfen, wäre das Ganze vielleicht anders ausgegangen“, steht im Abspann auf der letzten Einstellung des Films.

Schulleiterin Margarete Rasfeld sieht das Projekt von Bildungs-Bande auch in einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhang. „Wir registrieren in Deutschland einen zunehmenden Rassismus und eine Abgrenzung Fremden gegenüber, auch in Akademikerkreisen“. Die Ursache dafür sieht die ESZB-Direktorin in der fehlenden Begegnung. „Deshalb müssen wir die Menschen mehr zusammenbringen, um in der Begegnung die Ressentiments zu vernichten.“

Coaches für Willkommensklassen

Für das kommende Jahr plant Bildungs-Bande den Einsatz von Schüler-Coaches in den sogenannten Willkommensklassen für Kinder, die aus Krisengebieten wie Syrien nach Berlin kommen. Auch das Engagement der Jugendlichen im Flüchtlingsheim Salvador-Allende-Haus in Köpenick soll in anderen Unterkünften Schule machen.

An dem Projekt interessierte Schulen können sich bei Anna-Lilja Edelstein melden unter anna.edelstein@gls.de