Um 8 Uhr morgens aufstehen, einkaufen gehen, Brötchen schmieren, dann Mathematik, Deutsch oder Englisch unterrichten: Das Programm für zehn Zehntklässler der Herbert-Hoover-Sekundarschule hat es in sich. Und das, obwohl eigentlich Herbstferien sind. Ferienschule nennen sie das Projekt an der Weddinger Einrichtung. Eine Woche lang „unterrichten“ Zehntklässler Kinder aus den benachbarten Grundschulen in einem der drei Hauptfächer. Sie wiederholen mit ihnen, was sie nicht verstanden haben oder üben Basisaufgaben. Außerdem kümmern sie sich um die Verpflegung der Jungen und Mädchen, spielen mit ihnen während der Pausen. Sogar ein kleines Kulturprogramm üben sie in dieser Woche mit ihnen ein. Zur Aufführung am Freitagnachmittag sind auch die Eltern eingeladen.

Die Einrichtung kennenlernen

38 Sechstklässler haben sich in diesem Herbst für die Ferienschule angemeldet. Sie besuchen die Humboldthain-, die Wedding- oder die Erika-Mann-Grundschule. Viele von ihnen wollen nach dem Abschluss der sechsten Klasse an der Herbert-Hoover-Schule weiterlernen. Bevor ihre Eltern sie im Februar dort anmelden können, haben sie nun Gelegenheit, ihre künftige Oberschule schon einmal etwas näher kennenzulernen. Bei Schülern und Eltern kommt das gut an. Die Herbert-Hoover-Schule hatte im vergangenen Jahr deutlich mehr Anmeldungen von Siebtklässlern als Plätze vorhanden waren.

Zu den Ferienschullehrern, die sich in diesem Herbst gemeldet haben, gehören Betül, Oguzhan und Nurcan. Schüler der 10c und der 10d. Die drei unterrichten Mathematik. Betül ist eine gute Lehrerin. Sie gibt klare Anweisungen, kann gut erklären und lobt immer wieder. „Ihr arbeitet sehr fleißig“, sagt sie dann zu den Kindern. Auch Oguzhan und Nurcan sind beliebt bei den Grundschülern. Mit viel Geduld erklären sie ihnen die Aufgaben, wenn jemand etwas falsch macht, reagieren sie verständnisvoll.

Die Sechstklässler wissen das zu schätzen. Während der Mathestunde an diesem Dienstagmittag ist es mucksmäuschenstill. Konzentriert sitzen acht Mädchen und vier Jungen über ihren Aufgaben. Wer Hilfe benötigt, meldet sich. Niemand stört oder albert herum. Als Oguzhan kurz nach halb eins die Stunde beendet, wollen viele gar nicht aufhören. „Ich muss erst noch zu Ende rechnen“, sagt Nemanja. Der Elfjährige besucht die Wedding-Grundschule. Im nächsten Schuljahr kommt er in die siebte Klasse. „Meine Eltern wollen mich an der Hoover-Schule anmelden“, sagt er und hofft, dass es klappt. Die Schule gefällt ihm.

Nemanja hat Probleme mit dem Teilen und Multiplizieren. Mathe fällt ihm schwer. Dass er nun in den Ferien zur Schule geht, statt auszuschlafen und es sich zu Hause gemütlich zu machen, stört ihn nicht weiter. „Es macht Spaß hier“, sagt er. Das findet auch Bayram, auch sie eine Schülerin der Wedding-Grundschule. „Mit Mathe habe ich Probleme“, sagt die Zwölfjährige und ist froh, dass ihr Betül und die anderen helfen.

Das Ferienschul-Projekt der Weddinger Sekundarschule ist deutschlandweit einmalig. Es läuft bereits seit zwei Jahren, jeweils für eine Woche während der Frühjahrs- und der Herbstferien und ist ein wichtiger Teil des Netzwerkes, das die Sekundarschule und drei benachbarte Grundschulen miteinander verbindet. Schulleiter Thomas Schumann sagt, dass es bei der Ferienschule nicht nur um Nachhilfe geht, sondern vor allem darum, den Kindern den Übergang an die Oberschule zu erleichtern. „Es entsteht eine schöne Form der Gemeinschaft, die Grundschüler entwickeln Vertrauen zu unserer Schule.“ Außerdem gefalle es den Kindern, dass die coolen großen Schüler mit ihnen lernen und üben. „Das ist sehr motivierend.“

Auch für die Oberschüler sei das Projekt ein Gewinn. „Sie lernen, auf andere einzugehen, geduldig zu sein, sich zu präsentieren“, sagt Schumann. Sie müssten sich vorbereiten, pünktlich sein, Verantwortung übernehmen. „Auf diese Weise wachsen Sozialkompetenz und Souveränität der Jugendlichen.“

Und noch etwas nehmen die Zehntklässler von ihrem Pädagogensein mit: Sie sehen den Beruf mit anderen Augen. Betül sagt, dass es gar nicht so leicht sei, ein guter Lehrer zu sein, etwa mit schwierigen Schülern umzugehen oder eine Sache so zu erklären, dass alle es gut verstehen. Oguzhan nickt. Die Arbeit als Ferienlehrer ist für ihn eine wichtige Erfahrung. Der 16-Jährige will später mal zur Feuerwehr gehen. Betül hat vor, sich nach dem Abitur bei der Polizeischule zu bewerben.

Übergang erleichtern

Die Schüler sind während der Herbstschule natürlich nicht allein in dem Schulgebäude an der Pankstraße. Zwei Sozialarbeiter der Schule, Andrea Bussmann und Cayan Rosentritt vom Freien Träger casablanca – beide haben das Projekt Ferienschule mitentwickelt –, beraten und unterstützen die Kinder. Neuerdings gibt es außerdem noch die Kulturwissenschaftlerin Katinka Wondrack, die als Koordinatorin des Schulnetzwerkes angestellt und damit auch für die Ferienschule zuständig ist.

„Meine Aufgabe ist es, den Kontakt zwischen den drei Grundschulen und der Hoover-Schule zu verbessern und gemeinsame Projekte anzuschieben“, sagt sie. Es gehe vor allem darum, dass die Oberschullehrer die Grundschüler, die zu ihnen kommen, besser kennenlernen. „Wenn die Lehrer wissen, welche Bedürfnisse die Kinder haben, können sie sie von Anfang an individueller fördern.“ Im Fach Mathematik gebe es bereits einen Lehreraustausch zwischen den Netzwerkschulen und viele gemeinsame Fortbildungsveranstaltungen. „Unser großes Ziel ist es, den Grundschülern den Übergang an die Oberschule so leicht wie möglich zu machen“, sagt Wondrack.