Mauer

Die Tunnelflucht nach West-Berlin als Comic

Nicolas Brachet hat Auswege aus der DDR als Comic gezeichnet. Auch eine Liebesgeschichte gehört zum Stoff. Vorlage für sein Buch war der bekannte „Tunnel 57“ an der Bernauer Straße.

Foto: avant-Verlag

Aufmerksam studiert Nicolas Brachet den Stadtplan Berlins. Es ist eine aktuelle Ausgabe. Deshalb fällt es dem französischen Zeichner nicht leicht, den Verlauf der Mauer zu finden oder die Position einer Aussichtsplattform im Westteil der Stadt. „Hier ist es“, sagt er schließlich und tippt auf die Stelle, wo sich heute Zimmer- und Axel-Springer-Straße kreuzen. „Dort schauen Mathias und Tobias über die Mauer und unterhalten sich in Zeichensprache mit einer Verwandten – mit Hanna – aus dem Ostteil der Stadt, die hinter der Mauer steht.“ Brachet hat diese Szene in seiner Graphic Novel „Fluchttunnel nach West-Berlin“ gezeichnet, sein Kollege Olivier Jouvray hat den Text geschrieben.

Brachet stellt das Buch, das der französische Verlag Delcourt zu Jahresbeginn in einer Auflage von 10.000 Exemplaren herausgegeben hat, derzeit in Berlin vor. Denn der Berliner avant-verlag hat nun auf Deutsch eine Auflage von 2000 Exemplaren veröffentlicht. Brachet war am Donnerstagabend zu Gast beim Verein Berliner Unterwelten an der Brunnenstraße, mitten auf historischem Boden – die Räume liegen unterirdisch. Vereinsvorstand Dietmar Arnold hat seinem Gast aus Lyon erlaubt, in einen sonst nicht zugänglichen, nachgebauten Fluchttunnel (Nummer 29) zu klettern. Brachet, im Ursprungsberuf Ingenieur, empfindet das als „eine Ehre – und eine Herausforderung“.

Man spürt die Brutalität der Mauer

„Ich musste noch nie so etwas Riskantes tun wie diese Menschen nach dem Mauerbau“, sagt der 38-Jährige. Warum seine Landsleute sich für diese fiktive Geschichte interessieren, erklärt er so: „Dass es die Mauer gab, weiß jeder. Nur waren wir in Frankreich nicht betroffen. Dennoch hat eine Geschichte über die Courage, über den Mut der Leute, die unter großen Gefahren Tunnel gruben, um andere zu retten, etwas Universelles“, ist Brachet überzeugt. „Die Details der Flucht machen Fakten lebendig.“

Man verstehe, ja man spüre über das Faktum ihrer Existenz hinaus, welche Brutalität die Mauer bedeutet habe. Denn als die DDR-Grenztruppen von Mitarbeitern der Staatssicherheit auf den Fluchtversuch aufmerksam gemacht werden, kommt es zur Konfrontation, im wahren Leben und im Buch. „Natürlich“ – es ist des Klanges wegen Brachets Lieblingswort auf deutsch – spiele auch l’amour, die Liebe, eine große Rolle. „Einer der Protagonisten, Mathias, ist kein Held. Er lebt im Westteil der Stadt in den Tag hinein und macht nur, was ihm gefällt. Dann trifft er bei einem Besuch Hanna, die Schwester seines Freundes Tobias, die noch in Ost-Berlin lebt.“ Die kurze Begegnung ist der Beginn einer Beziehung. Eine Romanze. Genug Gefühl, damit Mathias Verantwortung übernimmt und Tobias beim Tunnelbau hilft. „Meine Freunde sagen dazu: Mathias wird zum Mann. Sie haben wohl recht.“

Zum ersten Mal an der Spree

Die Liebe, aber auch die Bindungen zu Angehörigen, die Loyalität zu Freunden – „wie weit Menschen aus diesen Gründen bereit sind zu gehen, hat Olivier und mich sehr beschäftigt“, erklärt Nicolas Brachet. Einmal eine Entscheidung getroffen, hätte sie kein Hindernis, keine Mauer der Welt mehr aufhalten können.

Nicolas Brachet war vor seinem Buch noch nie an der Spree gewesen. Er hat die Bilder von Café Kranzler, Görlitzer Bahnhof, der Karl-Marx-Allee und den Plattenbauten an der Alexanderstraße bei Onlinerecherchen, in Büchern und Archiven gefunden. Und er hat sich den ausgezeichneten Film „Heldentod“ von Britta Wauer aus dem Jahr 2001 besorgt, in dem er echte Aufnahmen des berühmten Tunnels 57 fand. Die unterirdische Verbindung in zwölf Metern Tiefe zwischen Bernauer Straße im Westen und Strelitzer Straße im Ostteil Berlins war mit 145 Metern der längste, tiefste und teuerste Fluchttunnel der Stadt.

Für seine Akribie und das Schaffen von Atmosphäre sprechen die Berliner Ingmar Arnold, der das Archiv des Vereins Berliner Unterwelten betreut, und Stefan Neuhaus vom Deutschen Comicverein, Brachet ein großes Lob aus. Sie fanden auch Ungenauigkeiten, etwa, dass das Europa-Center am Tauentzien 1965 fertiggestellt wurde, im Buch, das 1964 spielt, aber in Gänze zu sehen ist.

Koffer als Symbol

„Außerdem habe ich die Flüchtenden Koffer packen lassen, obwohl keiner mit einem Koffer durch den Tunnel hätte robben können.“ Er hätte es aber, wäre es ihm zuvor klar gewesen, bei den Koffern belassen. „Das Packen der Koffer ist ein Symbol: Jemand hat eine Entscheidung getroffen, die sein ganzes Leben verändert wird. Ohne dass er oder sie wissen kann, ob es besser oder schlechter wird.“

Auf französisch heißt der Comic „Tunnel 57“, weil er sich an die wahre Begebenheit um den Tunnel 57 anlehnt. Am 3. und 4. Oktober 1964 konnten 57 Personen durch ihn aus Ost-Berlin fliehen. Über „Die Fluchttunnel von Berlin“ hat Dietmar Arnold mit dem Autoren Sven-Felix Kellerhoff ein Sachbuch veröffentlicht. Das Berliner Duo Susanne Buddenberg und Thomas Henseler hat eine Comicdokumentation erarbeitet, die mit Zusatzmaterial zu Schulzwecken zu nutzen ist. Mit „Drüben!“ des Wahlhamburgers Simon Schwartz und „Kinderland“ des Berliners Mawil liegen auch autobiografische Comics vor, die Mauerbau, Leben in und Flucht aus der DDR sowie den Fall der Mauer thematisieren. Nun haben die beiden jungen Franzosen Brachet und Jouvray einen weiteren Schritt der Fiktionalisierung gewählt.

Außerhalb des Arbeitsprogramms besucht er keine populären Plätze – wie den Reichstag, den er im Februar schon besichtigt und der ihm gefallen hat. „Ich will jetzt die Orte abgehen, die ich gezeichnet habe“, sagt er, „um die Veränderung in der Stadt zu erleben“. Außerdem will er „Menschen treffen“. Dazu gehören Berliner Bekannte – und sein französischer Kollege Guillaume Long, der äußerst lustige Comics übers Kochen zeichnet. Sie erscheinen auf Deutsch im Carlsen-Verlag, und der Vorsitzendes des Berliner Comicvereins Stefan Neuhaus hat eine pikante Anekdote dazu parat. Doch die verraten wir ein andermal. Denn das ist eine andere Geschichte. Ohne Trennung. Ohne Mauern.

Olivier Jouvray (Autor), Nicolas Brachet (Illustrator), Johann Ulrich (Herausgeber): Fluchttunnel nach West-Berlin, avant-verlag, ISBN: 978-3-945034-05-7, 56 Seiten, 19,95 Euro (gebundene Ausgabe). Nicolas Brachet signiert am Sonnabend, 25. Oktober, ab 14 Uhr bei Comics & Graphics an der Prenzlauer Allee 46 seinen Comic.

Foto: avant-verlag

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