Semesterstart

Warum sich Studenten so stark für BWL und Jura interessieren

| Lesedauer: 6 Minuten
Constanze Nauhaus

Foto: Amin Akhtar

Die neuen Studenten haben sehr klare Vorstellungen von ihren zukünftigen Berufen. Sie setzen bei ihrer Studienfach-Wahl vor allem auf Sicherheit und vielversprechende Jobperspektiven.

Vor allem drei Fächer sind für angehende Studenten gerade besonders attraktiv: Psychologie, Betriebswirtschaftslehre (BWL) und Rechtswissenschaften. Die Freie Universität (FU) verzeichnete einen regelrechten Ansturm, denn für diese Disziplinen gab es mehr als 11.000 Bewerber – das sind mehr als ein Drittel aller Bewerbungen in den zulassungsbeschränkten Bachelor- und Staatsexamensstudiengängen.

Experten wie dem FU-Präsidenten Professor Peter-André Alt bereitet die Konzentration auf einige wenige Fächer Kopfzerbrechen. Doch was genau macht sie in den Augen der Studierenden so attraktiv?

Camelia Dumitrache wird am Montag ihr Studium an der FU beginnen. BWL, das ist schon seit Langem ihr Traum. „Ich hatte in meiner Heimatstadt einen Freiwilligen-Club gegründet und mich da um das ganze Personalmanagement gekümmert“, erzählt die 19-Jährige aus Brăila in Rumänien, die auch schon diverse Praktika in Unternehmen absolviert hat. Die Clubarbeit sei zwar mittlerweile eingeschlafen, ihr Interesse an allem „Menschlichen“ rund um die Wirtschaft allerdings nicht. „Um den wirtschaftlichen Aspekt selbst geht es mir bei meiner Studienwahl gar nicht, sondern um alles, was mit den Menschen dahinter zu tun hat“, so Camelia.

Mit ihrem Ehrgeiz schaffte sie es, einen der 213 heiß begehrten BWL-Studienplätze an der FU zu bekommen, für die es 2870 Interessenten gab. Vier Jahre lernte sie auf der Schule Deutsch und erreichte nach ihrem Abitur bei einem Deutschtest hervorragende Ergebnisse. „Eigentlich kam erst da die Idee auf, in Deutschland zu studieren. Vorher hatte ich das gar nicht in Erwägung gezogen, aber plötzlich hatte ich die Zugangsvoraussetzungen.“ Auch mit ihrem Abi-Schnitt von 1,3 hatte sie sicher gute Karten. Den Run auf ihr Studienfach kann sie gut verstehen. „Die Leute studieren BWL, weil sie dafür brennen oder weil sie Karriere machen und erfolgreich sein wollen“, sagt Camelia. „Aber es gibt auch die, die sich nicht sicher sind, was sie sonst machen sollen.“

Mit 17 Jahren Jura studieren

Diese letztere Gruppe sieht auch Sertac Pulat in seinem Fachgebiet stark vertreten. Er selbst freut sich sehr auf den Start seines Jurastudiums. „Ich will das machen, seit ich mit acht Jahren das erste Mal eine Gerichtsshow gesehen habe“, erklärt der in Mitte geborene Wahl-Pankower. „Mir wurde zwar schnell klar, dass das im Fernsehen nicht real ist. Aber ich hab mich dann viel über den Juristen-Beruf informiert und gewusst: Das will ich mal werden.“ Auch sein Betriebspraktikum in der neunten Klasse absolvierte er in einer Berliner Kanzlei. Nun also wird sein Vorhaben endlich Realität, aber mit seinen 17 Jahren ist Sertac mit seiner Leidenschaft wohl eine Ausnahme. „Viele wissen nach dem Abi ja gar nicht, was sie studieren sollen und wählen dann das, was der beste Freund oder die beste Freundin macht und nicht das, was zu ihnen passt“, vermutet der Studienanfänger.

Ähnlich sieht das auch Jan Rinklake, doch er vertraut auf den natürlichen Aussiebeprozess. Jan studiert Jura im dritten Semester und hat schon einige Studienanfänger vor den hohen Anforderungen des Faches kapitulieren sehen. „Viele kommen mit den Enttäuschungen nicht klar. Gute Noten sind bei Jura wirklich eine Seltenheit“, weiß der 21-Jährige gebürtige Kreuzberger. Nach dem zweiten Semester zeige sich, wem das Fach wirklich liegt. „Jura ist extrem attraktiv, Juristen können in nahezu allen Positionen arbeiten“, erklärt sich Jan den Ansturm von Studienanfängern. Es gebe die Idealisten wie Sertac, aber auch Leute, die sich von der Stabilität und auch dem Prestige des Berufs angezogen fühlten. Jan selbst diskutiert gern, gibt er unumwunden zu, und das könne man in dem Studium gut. „Jura ist ein ständiger Kampf“, sagt er mit einem Anflug von Zufriedenheit in der Stimme.

Fächer wie BWL, Jura oder Psychologie versprechen Absolventen vielfältige Jobperspektiven. Dennoch ist nach Meinung von FU-Präsident Alt nicht allein ein Sicherheitsbedürfnis vieler junger Menschen ausschlaggebend für deren Beliebtheit: Wäre dies der Fall, müssten „eindeutig“ andere Studienfächer die erste Wahl sein.

Frühzeitige Orientierung entscheidend

Die Sorgen von Alt, der die Uni-Vielfalt durch die zunehmende Konzentration auf wenige Fächer bedroht sieht, teilt Jan nicht. „Man sollte sich doch eher andersherum fragen, warum viele Orchideenfächer so unbeliebt sind“, meint er. Mehr Werbung an Schulen wäre eine Idee, wo doch die immer jüngeren Abiturienten nach ihrem Abschluss oft gar keine Orientierung hätten. Denen rät er sowieso, sich dem Druck von Politik und Wirtschaft nicht zu beugen und sich ein Jahr Auszeit nach der Schule zu nehmen – Jan selbst war in Neuseeland, das habe ihn gefestigt. „Das Abi soll doch ein Reifezeugnis sein.“

Wie der Student hält auch der FU-Präsident frühzeitige Orientierung für entscheidend und verweist auf die Online-Studienfachwahl-Assistenten, die seine Hochschule für verschiedene Fächer entwickelt hat und die Orientierungshilfe bieten. Oder auf die Schülerlabore in den Naturwissenschaften. Die Technische Universität wiederum hat ein Orientierungsstudium namens „MINTgrün“ eingerichtet, bei dem unentschiedene Studierende zwei Semester lang verschiedene naturwissenschaftliche und technische Disziplinen sowie Informatik kennenlernen können.

Auch Camelia hat einen Rat für die Universitäten, der aber nicht jedem gefallen dürfte. „Warum begrenzen die nicht die Studierendenzahl?“, fragt sie sich. „Das wäre doch auch für den Ruf des Fachs an der Uni gut, wenn man weiß, dass nur die Besten da reinkommen.“ Zu denen will Sertac auf jeden Fall gehören. „Ich weiß, dass das Jurastudium kein Spaziergang ist“, sagt der 17-Jährige. „Aber ich will sehr viel Fleiß und Arbeit investieren. Schließlich geht gerade mein Traum in Erfüllung.“

Mitarbeit: Andrea Huber