Terminalgebäude

Wiener Uni will in Tempelhof Psychotherapeuten ausbilden

Freud im ehemaligen Flughafen: Zum Wintersemester bietet eine Wiener Hochschule die erste akademische Direktausbildung für Psychotherapie in Deutschland an. Das kostet Studenten 12.000 Euro pro Jahr.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Das alte Terminalgebäude des Flughafens Tempelhof soll zum Schauplatz einer Revolution werden. In ihren Seminarräumen mit Blick in die Hangars will die Sigmund Freud Privatuniversität (SFU) neue Wege zum Beruf des Psychotherapeuten beschreiten.

Zum Wintersemester 2014 bietet der Ableger der Wiener Hochschule als neuen Studiengang die erste akademische Direktausbildung für Psychotherapie in Deutschland an.

Wie der aus der österreichischen Hauptstadt angereiste SFU-Präsident Alfred Pritz sagte, erhoffe man sich von der Initiative auch einen Beitrag zur Neuordnung der Therapeutenausbildung in Deutschland.

Bisher müssen angehende psychologische Psychotherapeuten in der Regel zuvor Medizin oder Psychologie studiert haben.

Dann können sie sich in einer dreijährigen Weiterbildung bei privaten Anbietern weiterbilden, um zugelassen zu werden und Patienten behandeln zu dürfen.

In der Fachwelt tobt jedoch seit mehreren Jahren ein Streit darüber, ob es nicht auch andere Wege für Berufseinsteiger in dieses stark wachsende Feld der medizinischen Versorgung geben sollte. Die etablierten Berufsverbände sind im Grunde gegen eine Ausbildung direkt an Universitäten. Ein Gutachten im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums empfiehlt jedoch, eigene Studiengänge aufzubauen. Auch die Europäische Union, die danach strebt, Berufsbilder EU-weit zu vereinheitlichen, drängt auf eine Akademisierung.

Riesiger Bedarf an Psychotherapeuten

Der Bedarf an Psychotherapeuten sei riesig. „Psychische Probleme explodieren in westlichen Gesellschaften“, sagte Professor Volker Tschuschke, der die Psychotherapiewissenschaft an der SFU leitet. 60 Millionen Arbeitstage gingen in Deutschland jedes Jahr wegen seelischer Leiden verloren.

Pritz und seine SFU setzen nun darauf, dass die direkte Ausbildung zugelassen worden ist, bis in fünf Jahren die ersten Absolventen das Studium abgeschlossen haben können. „Ich gehe von einer Gesetzesänderung aus“, sagte der Wiener Professor, der auch Präsident des World Council for Psychotherapy ist. Bis dahin werde man Interessenten für den rund 12.000 Euro pro Jahr teuren Studiengang selbstverständlich auf mögliche Probleme mit der späteren Zulassung hinweisen. Dass es trotzdem auch für direkt ausgebildete Psychotherapeuten einen Weg in den Beruf gibt, belegt die Berliner Niederlassungsleiterin Katharina Reboly. Sie hat in Wien den Studiengang absolviert und hat dennoch eine Zulassung in Berlin.

Sollte es in Deutschland zu einer Gesetzesänderung kommen, wäre das gut für die nach dem Begründer der Psychoanalyse benannte private Universität – und damit auch gut für Tempelhof. Denn die SFU hat Wachstumspläne im alten Terminal. Und die Tempelhof Projekt setzt als Vermieter im Auftrag des Landes große Hoffnungen auf die Österreicher, die einen wichtigen Beitrag zum Ausbau des „Bildungscampus“ Tempelhof leisten könnten.

Pritz berichtete am Freitag vor der Presse von einer Vision, die Berliner Niederlassung in ähnliche Dimensionen wie den Wiener Hauptsitz wachsen zu lassen. Dort studieren zehn Jahre nach der Gründung 1500 junge Menschen, weitere 500 lernen an den insgesamt fünf Niederlassungen. Außer Berlin sind das Mailand, Paris, Linz und Ljubljana. In Wien betreibt die Universität zudem eine psychotherapeutische Ambulanz mit rund 1700 Patienten.

Kein Numerus Clausus

Ein weiterer neuer Studiengang soll in der SFU für Wachstum sorgen. Ab dem Sommer 2015 will die Universität junge Leute in Medien & Digitaljournalismus ausbilden. Leiter soll der Medienpsychologe Jo Groebel werden, der seit den 80er-Jahren als Vorreiter dieser Disziplin gilt. Der Lehrbetrieb soll mit 15 bis 20 Studenten starten. Ein Numerus Clausus oder besonders gute Noten verlangt die SFU nicht. Jeder Bewerber muss aber in mehreren Interviews und einem eintägigen Seminar nachweisen, dass er sich für das jeweilige Studium eignet.

Bisher studiert der erste, 30-köpfige Bachelor-Jahrgang in Tempelhof Psychologie, wie die Berliner Niederlassungsleiterin Reboly berichtete. Weitere 30 werden in diesem Jahr ihr Studium an der noch sehr familiären Hochschule aufnehmen, die im Ostflügel des Terminalgebäudes untergebracht ist.